Frohe Ostern

Ich habe lange nichts geschrieben … So beginnt eine ganze Reihe meiner Blogartikel. Und auch dieser hier. Denn Fakt ist: Ich habe lange nichts geschrieben. Irgendwann im Februar haute ich den depressiven Elefanten raus und seitdem: Stille. Der Stillstand hat eine ganze Reihe von Gründen, die aber überwiegend nicht dramatisch sind. Ich schreibe gerade wieder als Ghost, bin nah an der Deadline und ziemlich voll mit den Themen Klima, Weltverbessern, Armut usw.

Der Garten wird komplett auf links gedreht. Und damit meine ich so richtig auf links, mit Kubikmetern von Mutterboden, die von A nach B müssen, mit tonnenweise Bruchsteinen, die zu Trockenmauern verarbeitet werden. Das ist anstrengend und es geht nur langsam vorwärts, aber ich habe im Kopf, dass ich das alles alleine, bzw. mit der besten Ehefrau wuppen will. Ich mein, den Baldeneysee haben sie damals größtenteils auch nur mit Schüppe und Spaten ausgegraben. Dann werde ich das doch wohl mit meinen Garten ebenfalls hinbekommen.

Und dann gab es nach dem letzten Beitrag auch einfach nichts zu sagen oder zu ergänzen. Ein paar Tage fühlte es sich so an, als hätte ich alles rausgehauen. No more words needed.

Tja und über Corona wollte ich auch nichts mehr schreiben. Nichts über Enttäuschung, Vertrauensverlust und politische Entscheider, von denen ich mich nicht mehr vertreten fühle und die mich zunehmend kopfschüttelnd zurücklassen. Ich bin diesbezüglich mütend – eine Mischung aus wütend und müde – wie so viele andere auch.

Aber jetzt erst einmal: Frohe Ostern! Mir ist in den vergangenen Tagen bewusst geworden, wie gut dieses Fest zu unserer aktuellen Situation passt und ich finde, es ist ein, zwei Gedanken wert, darüber nachzudenken. Ostern ist das Fest der Auferstehung, klar. Der Sieg des Lebens über den Tod. Starke Botschaft, hoffnungsvolle Botschaft, Kernbotschaft des Christentums. Da gibt es aber noch eine andere Komponente, falls ich nicht total falsch liege. Es ist das Fest der Vergebung. In erster Linie natürlich der göttlichen Vergebung. Jesus starb und hat damit alle menschliche Schuld getilgt. Vergebung der Sünden und so. Starke Botschaft, hoffnungsvolle Botschaft.

Aber wie sieht es eigentlich mit unserer eigenen Vergebungsbereitschaft aus? Im letzten Jahr konnte man sehr schön beobachten, wie sich gesellschaftliche Positionen verhärteten. Wie sich der Frust langsam aufbaute. Wie Gräben gezogen wurden. Am anschaulichsten ist es sicherlich im Konflikt „Corona-Leugner und Maßnahmenkritiker vs. Wissenschaft und Lockdown-Befürworter“ zu sehen, aber die krasse Spaltung zieht inzwischen zahlreiche weitere Risse durch das Fundament, auf dem wir alle gemeinsam stehen. Gendern, Klima, AFD, critical whiteness, Tempolimit, Tanzverbot. Überall stahlbetonharte Fronten. So werden wir nicht weiterkommen. So laufen wir geradewegs in eine Sackgasse an deren Ende eine Wand steht. Klar, ich komme auch nicht klar, auf Leute, die von einer Diktatur reden, in der wir gerade leben. Die tadelnd auf Menschen herabsehen, deren Sprache andere Menschen ausgrenzt. Die ernsthaft denken und fühlen, dass unser Planet in 50 Jahren unbewohnbar sein wird. Wie sieht da eigentlich meine Vergebungsbereitschaft aus?

Ich habe inzwischen oft das Gefühl, dass es in solchen Diskursen nicht mehr um einen Konsens geht. Kompromisse zu finden fällt uns schwer. Die Mehrheitsmeinung ist zunehmend weniger legitim. Das kann aber nicht sein. Kompromisse und Mehrheiten sind die Grundlage unserer Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die sich aus vielen unterschiedlichen Individuen mit unterschiedlichen Meinungen zusammensetzt. Und alle sind Menschen. Mit einer Würde, die es zu wahren gilt. Menschen, mit denen man auch nachsichtig sein kann. Menschen, die viel mehr sind als das Coronaleugnen, als das Gendern, als das Klimaretten um jeden Preis. Vielleicht sollten wir wieder mehr das Verzeihen in unseren Alltag einbauen. Nachsichtig sein. Den einzelnen Menschen sehen, mit all seinen Fehlern und Schwächen. Und den vielen liebenswerten Qualitäten.

So, genug der salbungsvollen Worte. Habt ein paar tolle, ruhige, hoffnungsvolle, lichtreiche, vergebende Tage. Bleibt gesund und bleibt wach.

Der depressive Elefant im Raum


In diesem Blog habe ich ja immer auch über meine Befindlichkeiten geschrieben. Und machen wir uns nichts vor: So richtig geil waren die selten. Ich schrieb über Hängerchen und über meine Reha, über schlechte Phasen und Angst, über Selbsthilfegruppen, ich nutzte Hashtags wie #notjustsad undundund.

Gleichzeitig teile ich auf Twitter und Facebook gern Postings und Tweets über die Entstigmatisierung und Enttabuisierung von psychischen Belastungen bzw. Störungen. Ich folge den Freunden fürs Leben, der Deutschen Depressionsliga und vielen weiteren Akteuren, die sich dafür einsetzen, dass Erkrankten der Alltag ein wenig leichter gemacht wird. Und natürlich verteile ich fleißig Likes, wenn sich wieder einmal ein Promi „outet“ und von seinen psychischen Problemen erzählt. „Super!“, sage ich dann, „Super, das müssten noch viel mehr Leute machen!“

Aber dann bemerkte ich, dass ich selbst „meinem Kind“ hier im Blog auch noch keinen Namen gegeben habe. Der depressive Elefant stand und steht zwar immer im Raum, aber benannt habe ich ihn auch noch nie. „Kann sich ja jeder denken“, dachte ich. Aber so ein klein wenig war da auch immer die Skepsis, ob es denn nicht zu einer Menge Erklärungen, Diskussion und – letztendlich – zweifelnden Kunden führen würde. „Der Kussin hat immer mal wieder depressive Phasen, lassma einen anderen das Magazin planen, lassma einen anderen das Buch schreiben, das Interview führen, lass halt irgendwen anderes den Job machen.“ Klingt bescheuert und völlig aus der Zeit gefallen, aber solche Leute gibt es bestimmt noch. Und es werden gar nicht mal so wenige sein.

Rational ist das natürlich totaler Quatsch und vielleicht ist genau das der Grund, warum der Elefant dann halt doch auch benannt werden sollte. Denn ich krieg das schon alles hin. Die Bücher, die Magazine, die Interviews. Vieles davon sogar – und das kommt mir jetzt nicht leicht über die Lippen – bekomme ich sogar ziemlich geil hin. Dass es mich aber vielleicht dreimal mehr Kraft kostet als einem normalen Menschen – geschenkt. Story of my life. Wenn es um das Durchbeißen, Reinfuchsen und Zähne zusammenbeißen geht, bin ich durchtrainiert.

Doch bevor jetzt jemand einwirft, dass dieser ganze Depri-Kram momentan auch ein ganz heißer Scheiß ist und gefühlt jede Woche irgendein Promi in irgendeiner Talkshow von seinen psychischen Belastungen erzählt, eine kleine Exkursion zur Baseline meines Lebens.

Also, ich habe seit etwa 25 bis 30 Jahren mit depressiven Episoden zu tun. Mal stärker, mal schwächer, mal richtig fies. Und damit bin ich nicht allein. Im Jahr erkranken mehr als 5 Millionen Bundesbürger an dieser Krankheit. Um die Zahl besser einordnen zu können: Da liegen wir im Bereich von Heuschnupfen. Der ist ähnlich oft verbreitet. Geht den meisten Menschen aber deutlich leichter über die Lippen. „Chef, ich komme heute nicht zur Arbeit, weil ich ne Heuschnupfenattacke habe. Meine Nase läuft, ich hab Kopfschmerzen und bin sooo schlapp.“ Check, kein Problem. Aber „Chef, ich komme heute nicht zur Arbeit, weil ich ne depressive Episode habe. Mein Kopf ist leer, ich hab Kopfschmerzen und bin sooo schlapp.“ Fail!

Dazu kommt bei mir noch das Miststück Dysthymie. Eine dauerhafte leichte depressive Störung – nicht so schlimm, dass man tagelang im Bett liegt, aber eine Störung, die so konstant vorhanden ist, dass man sie gar nicht als krankhaft wahrnimmt. War ja schon immer so, kenn ich ja nicht anders. Es fällt schwer, dieses (Lebens-)Gefühl zu beschreiben, aber vielleicht hilft dieser Vergleich:

Man stelle sich die Arbeitswoche von Max Mustermann vor. Er kommt gerade aus dem Urlaub und im Büro läuft es schon länger schleppend. Der Montagmorgen wird für Max also ziemlich schwer. Das Aufstehen ist anstrengend, die Aussicht auf den vollen Schreibtisch im Büro hebt die Stimmung auch nicht und bis zum nächsten Wochenende ist es noch lang. Mit entsprechend gedrückter Laune geht Max unmotiviert bis in die Haarspitzen ins Büro. Zwei Tage später, am Mittwoch, hat sich Max ein wenig eingegroovt. Klar, die Arbeit wird nicht weniger, aber er hat schon gut was weggewuppt und irgendwie sind die Kollegen ja auch ganz nett. Am Freitag dann hat Max echt gute Laune: Das Wochenende steht vor der Tür, alles, was zu erledigen war, ist erledigt und die Aussicht auf das Grillfest bei Lieschen Müller und ihrem Mann Carlos beschwingt Max förmlich. „Das wird super“, denkt sich Max.

Für jemanden mit Dysthymie ist nahezu jeder Tag, wie ein Montagmorgen nach dem Urlaub. Mit Nieselregen. Im November. Egal, ob er im Büro arbeitet oder nicht – der Schreibtisch im Kopf erscheint immer viel zu voll mit Arbeit und To-dos. Du machst und tust und bekommst fast alles hin – aber es kostet so viel mehr Kraft als bei anderen Menschen. Und auch am Freitag stehst du morgens auf und bist schwer und hast keinen Bock aufs Leben und die Aussicht auf das Wochenende hebt deine Stimmung nullkommanull. So geht das 24/7/365. Wobei … nein … wenn es mal richtig gut läuft, die Sonne scheint und du mit nem Bier am Strand einer schönen Insel sitzt, dann fühlt es sich vielleicht an, wie ein Dienstag- oder sogar Mittwochmorgen. So ist das. Jeden Tag. Jede Woche. Jeden Monat. Jedes Jahr.

Und nein: All die vielen tollen Tipps über Bewegung in der Natur, Sport, Tagesstruktur, Meditation und ein positiveres Mindset helfen nicht wirklich. Wir Depressiven wissen ganz genau, was uns gut täte oder tut. Das Wissen ist nicht das Problem. Das Problem ist die Umsetzung. Denn viele von uns sind richtig gut darin, eben nicht das Richtige zu tun, sondern sich zu sabotieren. Weil Wissen und Handeln eben doch zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe sind. Wieder ein kleiner Vergleich: Ihr müsst auch einem Junkie nicht erzählen, dass es ihm total gut täte, Sport zu machen, Achtsamkeitsübungen in seinen Tagesablauf einzubauen und einfach die Finger vom Heroin zu lassen. Das weiß er. Ehrlich. Kein Scheiß. Inzwischen werde ich deswegen auch leicht genervt, wenn ich all diese Insta-Mental Health-Gutmenschen mit ihren pseudodeepen Kalenderspruchweisheiten sehe. Die Umsetzung mag nicht erkrankten Menschen noch irgendwie gelingen, weil deren innerer Schweinhund vielleicht die Größe eines Mopses hat. Bei Erkrankten steht da eine Armee von Schweinehunden. Und es sind allesamt Pitbulls.

Zurück zum Thema, also zu mir. Seit etwa 25 oder 30 Jahren läuft das so bei mir. Ein ganz schön langer Zeitraum und es ist ziemlich tragisch, dass ich locker 20 Jahre überhaupt nicht auf die Idee kam, dass das Leben auch anders sein könnte. Ich bin halt, wie ich bin – melancholischer, nachdenklicher, zynischer, negativer. Die Frage, wo Persönlichkeit und Charakter enden und wo Krankheit beginnt, kommt einem erst im Laufe der – verschenkten – Jahre.

Wie schon oben geschrieben: Ich habe das große Glück (oder die geheime Superkraft), fast immer alles auf die Kette zu kriegen: Geile Bücher zu schreiben, Projekte im Garten umzusetzen, die Spülmaschine auszuräumen, den Müll rauszubringen. Aber – und das ist auch Teil der Wahrheit – es dauert beizeiten sehr viel länger und die Kraft, die ich einsetzen muss, um all dies zu schaffen, fehlt dann halt an anderen Ecken. Die liegen meist im privaten Bereich: Freunde, Freizeit, Hobbies, Entspannung. Das alles kann ich nicht wirklich gut. Stattdessen bin ich super im Netflixen, faul auf dem Sofa liegen, Süßigkeiten fressen, Wein saufen und Kette rauchen. Dysfunktionales Verhalten nennen das die Fachleute. Sprich: Alles, was eigentlich gut für mich wäre, mache ich nicht. Weil Kraft fehlt, weil ich manche Dinge nicht gelernt habe und andere Sachen falsch. Aber inzwischen weiß ich darum und lerne fleißig, dass es auch anders sein kann. Wobei ich mir auch nichts vormache, aus mir wird nie ein strahlend grinsender, erleuchteter, von Liebe durchflossener Mensch werden, weil halt wegen Charakter und so. Meine Ziele sind in den vergangenen Jahren bescheidener geworden – und realistischer. Und das ist gut so.

Warum packe ich das jetzt alles in einen für mich ungewöhnlich langen Blogpost? Will ich Mitleid, Aufmerksamkeit, Likes und Schulterklopfen? Bloß nicht! Also zumindest auf Mitleid und Schulterklopfen kann ich gut verzichten. Aufmerksamkeit? Vielleicht. Sie ist dann okay, wenn (noch) mehr Menschen begreifen, dass Depressionen nichts, gar nichts, überhaupt nichts mit „schlecht drauf sein“, mit Faulheit oder Schwäche zu tun haben. Ganz im Gegenteil! Um tagaus tagein zu fighten braucht es jede Menge Power.

Und wenn dann noch bei einigen Lesern hängenbleibt, dass der Begriff Depression ein megagroßes Spektrum abdeckt, dass Depressive nicht zwingend tagelang rumheulend im Bett liegen, dass Depressive auch hochfunktional sein können, dass sie beizeiten über eure Witze lachen und Bestleistungen erbringen – man erinnere sich an Robert Enke – dann hatte jedes dieser 1403 Wörter seinen Sinn.

So Freunde der Sonne, ich droppe das Mic.

Lest. Lernt. Lebt. Und bleibt wach.