Der Tod, der Frühling, die Impfung und koreanische Bücher

Diese Headline ist wahrscheinlich nicht die beste Idee meiner Schreiberkarriere, denn ich befürchte, sie wird komische Leute anziehen, die beim Lesen dieser drei, vier Schlagworte schon ein paar metaphorische Tröpfchen auf der Eichel haben und sich auf entsprechenden meinungsfreien Schwurbler-Content freuen.

Aber, da ich ja ganz gern mal mit falschen Erwartungen spiele: egal!
Also liebe Impfskeptiker: Schön euch hier zu begrüßen, aber leider werdet ihr mit diesem Text nicht froh werden. Ihr dürft aber trotzdem gern weiterlesen. Vielleicht gefällt er euch ja.

Ich habe mal wieder lange nicht gebloggt. Die Zeit, als ich mit meinem Jahresend-Countdown hier täglich was rausgehauen habe, scheint sehr weit weg zu sein. Aber es passiert halt immer etwas im Leben und schon fehlt mir der freie Kopf fürs Bloggen.

Vor ein paar Wochen erfuhr ich zum Beispiel, dass ein lieber alter Bekannter von mir ziemlich plötzlich verstorben ist. Es ist eine Geschichte, die wahrscheinlich viele Menschen in meinem Alter kennen: Es beginnt meist zu Abi-Zeiten oder im Studium. Man verbringt relativ viel und wilde Zeit miteinander – Parties, Festivals, Liebesdramen. Und irgendwann ist man Mitte, Ende 30. Es wird geheiratet, es werden Häuser gekauft, irgendwer bekommt Kinder und man verliert sich so ganz langsam, ganz stetig aus den Augen. Man schreibt sich Nachrichten, man stellt Treffen in Aussicht, gelegentlich sieht man sich vielleicht noch auf einem Konzert, der Hochzeit eines gemeinsamen Freundes oder beim Einkaufen in der Fußgängerzone. Eigentlich ein ganz normaler Lauf der Dinge. Wenn dann aber einer plötzlich stirbt, dann ist das ein ganz mieser Zug vom Schicksal. Unfair, tragisch, kaum zu glauben, schwer zu verstehen.

Ich habe also in den vergangenen Wochen viel in alten Fotos rumgeblättert, mich an Zeiten erinnert, die inzwischen 20 Jahre her sind und mich gefragt, wo all das geblieben ist. Habe an Vergänglichkeit gedacht, andas eigene Leben, die Zeit, Weggefährten, Freundschaften. Great black time. Keine schönen Stimmungen, die da hochkommen. Mach es gut, Kai!

Und weil ja Leben immer auch Gleichzeitigkeit bedeutet, passierte vor diesem Rauschen aus Erinnerungen, Bedauern und Fazit-ziehen natürlich viel anderer stuff. Endlich gingen die Temperaturen nach oben, endlich war da sowas wie Frühling. Für mich immer sehr wichtig, denn die Sonne hat direkten Einfluss auf meine Stimmung. Und zwar nicht im Sinne von: Sonne ist schon schöner als Nieselregen. Sondern eher im Sinne von: Mit Sonne schmerzt das Leben etwas weniger als im Nieselregen. Frühling ist gut. Sommer ist besser.

Und vielleicht gibt es sogar noch Hoffnung auf einen Urlaub im Sommer. Die letzten vier geplanten Auszeiten haben die beste Ehefrau und ich ja coronabedingt abgesagt. Also Frühjahr 2020, Sommer 2020, Herbst 2020, Frühjahr 2021. Jetzt sinken aber die Zahlen, ich habe endlich eine erste Impfung mit AstraZeneca bekommen und langsam ist so etwas wie Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Hoffentlich ist das kein Zug, der mir entgegenkommt.

Was die Impfreaktionen bei mir angeht: ein wenig Schüttelfrost in der ersten Nacht, ein wenig Kopfweh, ein wenig Erschöpfung. Nach 24 Stunden war aber wieder alles im grünen Bereich. Ich würde mir wünschen, dass sich 60, 70, 80% der Bevölkerung für eine Impfung entscheiden könnten. Dann wäre unser Leben irgendwann wieder halbwegs normal.

Und dann trudelte da neulich noch ein Belegexemplar der ZweiSichten aus Südkorea rein. Ich wusste, dass der Verlag vor ewigen Zeiten mal die Rechte nach Südkorea verkauft hatte. Aber dann passierte halt lange nix und ich vergaß die Sache. Jetzt kann ich mich internationaler Autor nennen, bin ein wenig stolz und fühle mich trotzdem an den meisten Tagen wie ein Fünfjähriger, der allein am Nordpol steht. Im Schneesturm. Bei – 100°C. Und niemand sonst ist da.

Leben ist seltsam. Sachen passieren, andere nicht und nichts lässt sich anhalten. Es geht immer weiter.

Habt einen guten Tag, genießt sie Sonne, lasst euch impfen und sprecht mal wieder mit alten Freunden, die ihr viel zu lange nicht gesehen habt.

Frohe Ostern

Ich habe lange nichts geschrieben … So beginnt eine ganze Reihe meiner Blogartikel. Und auch dieser hier. Denn Fakt ist: Ich habe lange nichts geschrieben. Irgendwann im Februar haute ich den depressiven Elefanten raus und seitdem: Stille. Der Stillstand hat eine ganze Reihe von Gründen, die aber überwiegend nicht dramatisch sind. Ich schreibe gerade wieder als Ghost, bin nah an der Deadline und ziemlich voll mit den Themen Klima, Weltverbessern, Armut usw.

Der Garten wird komplett auf links gedreht. Und damit meine ich so richtig auf links, mit Kubikmetern von Mutterboden, die von A nach B müssen, mit tonnenweise Bruchsteinen, die zu Trockenmauern verarbeitet werden. Das ist anstrengend und es geht nur langsam vorwärts, aber ich habe im Kopf, dass ich das alles alleine, bzw. mit der besten Ehefrau wuppen will. Ich mein, den Baldeneysee haben sie damals größtenteils auch nur mit Schüppe und Spaten ausgegraben. Dann werde ich das doch wohl mit meinen Garten ebenfalls hinbekommen.

Und dann gab es nach dem letzten Beitrag auch einfach nichts zu sagen oder zu ergänzen. Ein paar Tage fühlte es sich so an, als hätte ich alles rausgehauen. No more words needed.

Tja und über Corona wollte ich auch nichts mehr schreiben. Nichts über Enttäuschung, Vertrauensverlust und politische Entscheider, von denen ich mich nicht mehr vertreten fühle und die mich zunehmend kopfschüttelnd zurücklassen. Ich bin diesbezüglich mütend – eine Mischung aus wütend und müde – wie so viele andere auch.

Aber jetzt erst einmal: Frohe Ostern! Mir ist in den vergangenen Tagen bewusst geworden, wie gut dieses Fest zu unserer aktuellen Situation passt und ich finde, es ist ein, zwei Gedanken wert, darüber nachzudenken. Ostern ist das Fest der Auferstehung, klar. Der Sieg des Lebens über den Tod. Starke Botschaft, hoffnungsvolle Botschaft, Kernbotschaft des Christentums. Da gibt es aber noch eine andere Komponente, falls ich nicht total falsch liege. Es ist das Fest der Vergebung. In erster Linie natürlich der göttlichen Vergebung. Jesus starb und hat damit alle menschliche Schuld getilgt. Vergebung der Sünden und so. Starke Botschaft, hoffnungsvolle Botschaft.

Aber wie sieht es eigentlich mit unserer eigenen Vergebungsbereitschaft aus? Im letzten Jahr konnte man sehr schön beobachten, wie sich gesellschaftliche Positionen verhärteten. Wie sich der Frust langsam aufbaute. Wie Gräben gezogen wurden. Am anschaulichsten ist es sicherlich im Konflikt „Corona-Leugner und Maßnahmenkritiker vs. Wissenschaft und Lockdown-Befürworter“ zu sehen, aber die krasse Spaltung zieht inzwischen zahlreiche weitere Risse durch das Fundament, auf dem wir alle gemeinsam stehen. Gendern, Klima, AFD, critical whiteness, Tempolimit, Tanzverbot. Überall stahlbetonharte Fronten. So werden wir nicht weiterkommen. So laufen wir geradewegs in eine Sackgasse an deren Ende eine Wand steht. Klar, ich komme auch nicht klar, auf Leute, die von einer Diktatur reden, in der wir gerade leben. Die tadelnd auf Menschen herabsehen, deren Sprache andere Menschen ausgrenzt. Die ernsthaft denken und fühlen, dass unser Planet in 50 Jahren unbewohnbar sein wird. Wie sieht da eigentlich meine Vergebungsbereitschaft aus?

Ich habe inzwischen oft das Gefühl, dass es in solchen Diskursen nicht mehr um einen Konsens geht. Kompromisse zu finden fällt uns schwer. Die Mehrheitsmeinung ist zunehmend weniger legitim. Das kann aber nicht sein. Kompromisse und Mehrheiten sind die Grundlage unserer Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die sich aus vielen unterschiedlichen Individuen mit unterschiedlichen Meinungen zusammensetzt. Und alle sind Menschen. Mit einer Würde, die es zu wahren gilt. Menschen, mit denen man auch nachsichtig sein kann. Menschen, die viel mehr sind als das Coronaleugnen, als das Gendern, als das Klimaretten um jeden Preis. Vielleicht sollten wir wieder mehr das Verzeihen in unseren Alltag einbauen. Nachsichtig sein. Den einzelnen Menschen sehen, mit all seinen Fehlern und Schwächen. Und den vielen liebenswerten Qualitäten.

So, genug der salbungsvollen Worte. Habt ein paar tolle, ruhige, hoffnungsvolle, lichtreiche, vergebende Tage. Bleibt gesund und bleibt wach.