Gedanken zur Bundestagswahl

Screenshot: Pro7

Sonntag ist es wieder soweit. Und neben der puren Freude, dass dann endlich die ganzen Wahlarenen, Klartext-Runden und Trielle im TV aufhören, bin ich auch sehr gespannt, wie es in diesem Land nach der Ära Merkel weitergehen wird. Dass die Herausforderungen der kommenden Jahre gigantisch sind, unser Alltagsleben sich gravierend ändern muss und die ganze Sache auch noch richtig teuer werden wird, steht glaube ich außer Frage.

Entsprechend enttäuscht bin ich vom Rumgeeiere der Parteien, die – mal mehr, mal weniger – so tun, als könnten wir uns in irgendeiner Form aus der Verantwortung stehlen. Der ebenso kluge wie humorvolle Meteorologe Sven Plöger sagte mal, dass die Klimaveränderungen nichts als Physik seien und mit Physik könne man nicht verhandeln. Punkt.

Wir wissen ganz genau, was wir tun müssen und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass es in den Köpfen der Entscheider immer noch nicht so richtig angekommen ist – mal mehr, mal weniger. Ganz so, als hätten sie Angst, das auszusprechen, was in großen Teilen der Bevölkerung gefühlt schon längst Konsens ist: Nämlich, dass wir handeln müssen, schnell handeln und dass die ganze Sache wirklich teuer werden wird.

Ich selbst war nie ein Freund von FFF, Luisa und Greta, weil ich deren apokalyptische Erzählungen für komplett kontraproduktiv halte. Kevin Kühnert brachte das Dilemma gestern in einer Lanz-Sendung schön auf den Punkt. Uns fehle die Sprache, um die fatalen Auswirkungen der Klimakrise so zu übersetzen, dass sie die Menschen verstünden, sagte der SPD-Vize. Eine Sprache, die die Menschen mitnimmt, eine Sprache, die Begeisterung auslöst, eine Sprache, die einen Aufbruch formuliert.

Diese Sprache zu finden, haben die Parteien – mal mehr, mal weniger – allesamt verpasst. Richtig ärgerlich werde ich, wenn ich die Spitzenkandidaten von CDU und SPD höre, die eigentlich alles so weiter laufen lassen wollen und ernsthaft glauben, mit beschleunigten Genehmigungsverfahren könne man die physikalischen Gesetze überlisten. Das ist eine Binsenweisheit. Natürlich muss schneller genehmigt werden. Aber wenn das alles ist, was den Herren einfällt, dann bin ich nicht nur maßlos enttäuscht, dann bin ich wütend und fühle mich verarscht und hilflos.

Haben die GRÜNEN es so viel besser gemacht? Nö. Die bekommen es immer noch nicht hin, dem Bürger zu vermitteln, dass wir auch diese Herausforderung schaffen können. Wer denn sonst, wenn nicht wir? Aber Lieschen Müller und Max Mustermann fragen sich zuallererst, ob sie den Sprit in zwei Jahren noch bezahlen können, wie es mit ihrem Mallorca-Urlaub aussieht und ob man ihnen ihr Nackensteak beim verdienten Grillabend vom Rost schmeißen wird. Die GRÜNEN stehen weiterhin für Verbote. Für idiotisch behelmte Lastenradfahrer, für Genderkram-Nebenschauplätze und für leicht weltfremde Besserverdienende in schicken Altbauwohnungen in Szenevierteln.

Wisst ihr was? Das ist mir diesmal scheißegal. Ich bin kein großer Freund dieser Partei. Viele ihrer Ideen halte ich für Symbolpolitik, für eine Simulation von Veränderung und für unfreiheitlich. Aber wenn ich mir das Angebot bei dieser Wahl ansehe, habe ich keine Alternative. Einfach, weil man mit Physik nicht verhandeln kann. All die Gegenargumente, dass das ja irgendwie alles bezahlbar sein muss und dass wir für nur 2% der weltweiten Emissionen verantwortlich sind und überhaupt, der Chinese soll doch erstmal anfangen. Und dann der Russe und der Ami. All diese Gegenargumente sind Scheinargumente, egal und greifen nicht mehr.

Irgendwo auf Twitter las ich neulich einen Tweet, der die Situation schön zusammenfasste. Sinngemäß lautete er: Wenn man aus dem Flugzeug fällt, diskutiert man nicht, was der rettende Fallschirm kosten würde.

Und das ist unsere aktuelle Situation: Wir sind im freien Fall. Und wir brauchen einen rettenden Fallschirm. Egal, was er kostet. Wir schaffen das. Wir müssen.

Deswegen werde ich am Sonntag zur Wahl gehen und mein Kreuz bei jenen machen, die mir am ehesten das Gefühl eines Fallschirms geben. Auch, wenn das im Anschluss vielleicht eine Veränderung meines Lebensstils zur Folge hat. Und all die anderen Argumente über das Alter von Kandidaten, deren Regierungserfahrung oder irgendwelche albernen Lebenslauf-Beschönigungen, sind mir völlig egal. Wer seine Wahlentscheidung davon abhängig macht, ob die Kandidatin Mitglied oder Fördermitglied bei Greenpeace war, hat den Ernst der Lage nicht verstanden. Der Physik ist es egal.

Viel im Außen, viel im Innen

Ich habe wieder viel zu lange nicht gebloggt und ich kann diese Platte selbst schon nicht mehr hören. Immer die gleichen entschuldigenden Worte von mir, die ich mir selbst kaum glauben kann. Aber es stimmt wirklich – in den vergangenen Monaten ist wirklich viel passiert.

In diesem Jahr stand ja die Umgestaltung unseres Gartens an. Als wir vor sechs Jahren hier einzogen, bestand er aus einer Rasenfläche, die auch noch ein ordentliches Gefälle vorwies. Ansonsten: ein Flieder, das wars. Gute 200 m² Rasen, nichts sonst. Ein paar Jahre lang bearbeiteten wir zwar die Ränder – hier ein Hochbeet aus Bruchsteinen, dort ein XXL-Kräuterbeet – und wir versuchten verschiedene Sachen, aber so richtig glücklich waren wir damit nicht. Es musste doch die große Lösung sein, die wir aus vielen nachvollziehbaren Gründen, vor uns hergeschoben hatten. Große Lösung bedeutet: Eine Fläche von rund 35m² mit dem Bagger auskoffern und eine ebene Fläche herstellen, die Ränder mit 3,5 t Bruchsteinen begrenzen, mehr als 100 lfm Douglasie für Beeteinfassungen verarbeiten, etwa 4 t Splitt als Untergrund verteilen, einen 500 l-Teich verbuddeln, einen Rosenbogen setzen und dann natürlich noch alles schön bepflanzen, befüllen und mehr als 2.000 l Pflanzerde ausbringen. Ich hatte also zu tun. Und so richtig los ging es damit nach unserem Urlaub Ende Juli. Okay, die Steine waren schon im März da, ausgebaggert wurde im April, aber dann passierte sehr lange nichts. Das Wetter, die Arbeit, der Urlaub. Ich hatte in den vergangenen sechs Wochen also durchaus gute Gründe nicht zu bloggen.

Jetzt sind aber die meisten Arbeiten getan und ich bin ausnahmsweise mal sehr zufrieden mit meinen Ergebnissen. Das sieht alles sehr schön aus. Und die Ecken, die nicht so geworden ist, wie ich es mir vorgestellt habe, betrachte ich großzügig und gutmütig. Das passt schon alles.

Hier mal eine kleine Fotostrecke.

Ein anderer Grund, warum ich wieder einmal nicht so bloggte wie ich gern wollte, liegt in meiner aktuellen Therapie. Ende des vergangenen Jahres begann ich ja erneut eine Psychotherapie, nachdem meine 2016 begonnene Verhaltenstherapie (VT) mir nicht so sehr geholfen hatte, wie ich es mir gewünscht hätte. Nach langer Suche, vielen Telefonaten und einigen skurilen Erlebnissen – insgesamt dauerte es ein dreiviertel Jahr – landete ich dann bei einer wirklich tollen, verständnisvollen und kompetenten Therapeutin. Ich begann eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP), die wir jetzt, vor zwei Monaten, in eine analytische Therapie (AP) „umgewandelt“ haben.

Die analytische Therapie ist schon anders als eine Verhaltenstherapie oder die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Platt gesagt – und sicherlich sehr vereinfacht – befasst sich die VT mit den Problemen im Hier und Jetzt und versucht die Auswirkungen und Folgen dieser Probleme zu beheben. Dabei wird liegt der Fokus aber eindeutig auf der ganz praktischen Bearbeitung des individuellen Symptoms. Du hast da eine Wunde und mithilfe der VT wird diese Wunde meist schon ganz gut versorgt, sodass sie im besten Fall nach 20 bis maximal 60 Stunden ganz gut abgeheilt ist und du mit dem verbliebenen Wundschorf, den Narben und dem gelegentlichen Zwicken ganz gut durchs Leben kommst. Aber die angeschlagene Psyche neigt dazu, neue Wege zu finden, um dir zu zeigen, dass irgendwelche Sachen eben doch noch nicht gut sind. Das kann dazu führen, dass du zwar prima deine Fahrstuhlangst in der VT bearbeitest, du aber im Laufe der Zeit stattdessen eine Angst vorm U-Bahn-Fahren entwickelst. Oder eine vor Hunden. Oder so.

TP und AP hingegen zäumen den toten Gaul, auf dem du reitest von der anderen Seite auf und schauen, wo denn diese Wunde überhaupt herkommt. Das hat den Vorteil, dass du dein Problem an der Wurzel anpackst und du irgendwann nicht nur die Wunden los bist, sondern auch den Grund für diese Wunden bearbeitet hast. Da dies in der Regel sehr viel länger dauert, übernimmt die Krankenkasse bei der AP zum Beispiel 160 bis 300 Stunden. Du gehst zwei, drei Mal in der Woche zur Therapie und beschäftigst dich wirklich ausgiebig mit deiner Biografie, tauchst ein in deine Kindheit, deine Jugend und bleibst immer wieder genau an den Punkten hängen, an denen es eben nicht rund lief. Das ist nicht nur zeitlich anspruchsvoll, das ist auch sehr deep und aufwühlend. Und bestimmt nicht jedermanns Ding.

Da wird das mit dem Bloggen manchmal nebensächlich, denn entweder werkle ich im Garten oder in meinem Kopf. Yin und Yang sozusagen.

Um es aber nochmal ganz klar zu sagen: Diese zwei paar Absätze hier gerade waren wirklich sehr vereinfacht und natürlich gibt es auch wundervolle Verhaltenstherapeut*innen, die mit tiefenpsychologischen Werkzeugen arbeiten und Analytiker, die mit verhaltenstherapeutischen Tools den Problemen auf den Grund gehen. Ich denke, dass wir Menschen so unterschiedlich und individuell sind, dass es nie sagen kann, welches Verfahren letztendlich „besser“ oder wirksamer ist. Für mich scheint die AP ein wirklich guter Weg zu sein, weil ich schon immer jemand war, der nach dem „Warum“ gefragt hat.

Falls euch solches Hintergrundwissen interessiert, könnt ihr gerne einen Kommentar hinterlassen, dann schreibe ich vielleicht auch noch einmal etwas ausführlicher über psychotherapeutische Verfahren (und warum viele Klischees zur AP – also zur Psychoanalyse – einfach nicht stimmen). Mittelfristig schruppe ich hier gerade sowieso an etwas rum, in dem es um Dysthymie, Depressionen und mein Leben geht. Aber das ist Zukunftsmusik.

Und nach so viel Hintergrundinformationen jetzt noch ein kleines Schmankerl am Schluss: Im kommenden Jahr werden Ursula und ich wieder mit unseren ZweiSichten unterwegs sein und euch ein wenig vorlesen. Im Februar geht es nach Düsseldorf, im Mai sind wir in Taunusstein-Hahn. Nähere Infos dazu findet ihr alsbald unter Termine. Ich gehe jetzt erst einmal eine Runde vor den Boxsack in die Garage… den habe ich mir endlich gegönnt – und es ist herrlich.