Parallelmenschenleben

Und dann wachst du auf, so wie gestern und vorgestern, so wie du morgen aufwachen wirst und alles, alles, alles ist schwer. Deine Bettdecke: vollgesogen mit Gedanken, Vergleichen und Vermutungen. Deine Augen sehen grau. Die Wände des Zimmers schieben sich an dein Bett, Zentimeter für Zentimeter, bis da kein Raum mehr jenseits des Bettes ist. Kein Raum für dich.

Die zusammengepresste Luft liegt auf deinem Brustkorb. Schwer, schwer, schwer fühlt sich das an. Heute wird ein guter Tag, flüsterst du in das Grau über deinem Bett. Heute wird ein guter Tag. Einmal, zweimal, zigmal wiederholst du diesen Satz und du weißt, dass du dich mit diesem Satz zigmal belügst.

Du greifst zum Smartphone, liest die News, liest E-Mails, liest Facebookposts, klickst auf Links und nach einer Stunde fragst du dich, was du in der letzten Stunde eigentlich gemacht hast. Heute wird ein guter Tag, heute wird ein guter Tag, denkst du zur Sicherheit noch einmal und dann: Betrüger.

Irgendwann kämpfst du dich durch die schwere Luft, durch die Wände, durch das Grau. Die Gedanken, Vergleiche und Vermutungen sind wieder in deinem Kopf und drücken auf deine viel zu kleinen Schultern. Du rauchst eine Zigarette, zwei Zigaretten, drei, vier, trinkst einen Kaffee und noch einen, aber wach bist du seit Jahren nicht. Die Gedanken, Vergleiche und Vermutungen drücken dich aufs Sofa, schwer, schwer, schwer fühlt sich das an und du hörst auf zu denken, dass heute ein guter Tag werden wird.

Du ziehst die Sofadecke über deinen Kopf, damit es dunkel wird vor deinen Augen. Damit sie sich erholen können von all dem Grau. Wie geht leben?, fragst du dich bevor du einschläfst, weil das, was du Leben nennst, so anstrengend ist.

Und dann wachst du auf, so wie heute Morgen und gestern und alles, alles, alles ist schwer. Deine Sofadecke: vollgesogen mit Fragen. Deine Augen sehen grau. Die Wände des Zimmers schieben sich an dein Sofa, Zentimeter für Zentimeter, bis da kein Raum mehr jenseits des Sofas ist. Kein Raum für dich.

Du greifst zum Smartphone, liest die News, liest E-Mails, liest Facebookposts, klickst auf Links und nach einer Stunde ahnst du, dass du dich um dein Leben betrügst.

Irgendwann kämpfst du dich durch schwere Luft, durch Wände, durch das Grau. Durch Gedanken, Vergleiche, Vermutungen, Ahnungen und Fragen. Du rauchst eine Zigarette, zwei Zigaretten, drei, vier, trinkst einen Kaffee und noch einen, aber eigentlich willst du nur schlafen.

Vielleicht putzt du dir dann die Zähne. Vielleicht gehst du duschen. So machen das die Menschen doch, so geht das doch, die Sache mit dem Leben. Du atmest tief ein, spürst etwas Helles in deiner Brust. Der Funke einer Erinnerung blitzt kurz auf. Dann lächelst du und denkst: Betrüger.

Irgendwann bist du – schwer, schwer, schwer – wieder auf dem Sofa. Du rauchst und fragst und vergleichst und denkst, denkst, denkst und vermutest und ahnst und deine Welt ist so groß, dass du sie mit beiden Händen umschließen kannst. Alles was außerhalb deiner Armlänge liegt, ist eine Nummer zu groß für dich. Und auf dem TV-Bildschirm laufen die Leben anderer Menschen.

Wenn du anfängst zu husten, weißt du, dass du ins Bett musst, nein darfst. Dann war der Tag lang genug. Und morgen wirst du aufwachen, so wie heute, gestern und morgen und.

Mal wieder ein Gedicht: Unter Oberflächen

Mal wieder etwas aus meinem übervollen Gedichte-Ordner. Fällt aber fast gar nicht unter die Kategorie „Texte von früher“. Ist zumindest eines der jüngsten Gedichte, die ich so schrieb. Wer die zitierte Serie erkennt, bekommt einen Extra-Applaus.

Unter Oberflächen

Dein Schmerz ist wichtig für andere Menschen

Sagt jemand in der achten Folge der ersten Staffel
Einer TV-Serie
Und du lächelst während du
In deinen stillen tiefen Wassern
Täglich neu
Unsichtbar für andere Menschen
Ertrinkst
Die Oberflächenspannung über dir
Trägt Füße, Lieben, Welten
Nicht deine leichte Haut
Nicht deine dünnen Nerven
Nicht das Blei in deinen Adern
Nichts sonst
Von dir
In deinen stillen Tiefen
Sind Schreie, Schmerzen, Angst
Luftblasenspiel an der Oberfläche
Nichts sonst
Ist wichtig für andere Menschen