Wenn die Zeit Wunden reißt

Mit Zeitreisen und mir ist es ja immer so eine Sache. In einfach gestrickten Filmen – Zurück in die Zukunft – sind sie okay. In komplexeren Serien – Dark oder LOST – brainfickt mich der ganze Kram aber schon ziemlich.
Im echten Leben habe ich ein ähnlich ambivalentes Verhältnis, wenn es um Zeitreisen geht. Natürlich geht es nicht darum, in einen DeLorean mit eingebautem Fluxkompensator zu steigen, dort 1,21 Gigawatt reinzujagen und ins Jahr 1955 zu fahren, um mit meiner Mutter rumzuflirten.
Was ich meine, sind Zeitreisen wie etwa Klassentreffen und dergleichen. Also Abende, die man mit Menschen verbringt, die zum größten Teil seit Jahrzehnten nicht mehr Teil des eigenen Lebens sind. Abende, an denen sich das alte, vergangene Leben und das gegenwärtige übereinanderlegen. Abende, an denen Unschärfen entstehen, weil das Alte und das Aktuelle halt nicht deckungsgleich sind.
Es gibt aber auch Ausnahmen. Wie neulich zum Beispiel, als ich draußen im Garten werkelte und auf einmal ein lieber, alter Namensvetter von mir im Jägerzaun-Türchen stand. Ich habe ihn wahrscheinlich vor etwa 25 Jahren zum letzten Mal gesehen. Das mag für andere Menschen eine kleine, nette Anekdote sein. Für mich war es – neben einem der viel zu seltenen Treffen mit meinem alten, lieben und furchtbar schlauen Schulfreund Werner – einer der wenigen schönen Momente in diesem Jahr.
Und um so langsam die Kurve zum eigentlichen Thema dieses Artikels zu kommen: Einen anderen schönen Moment habe ich dann doch noch vor ein paar Tagen erlebt. Irgendwie war es auch eine Zeitreise – eine gute. Eine richtig gute.
Anfang November stellten The Cure ihr neues Album vor. Im durchökonomisierten Musikbusiness ja eigentlich die normalste Sache der Welt. Eine Band veröffentlicht ein, zwei Vorab-Singles, dann das Album. Es folgen eine Tour, eine Pause in der intensiv an neuen Songs gearbeitet wird und eine Handvoll Talkshowauftritte, in denen die nächsten Vorab-Singles und das bald erscheinende Album beworben werden. Dann beginnt alles wieder von vorn. Dauer dieses Zyklus‘: ein bis zwei Jahre. Bei den richtig großen Bands vielleicht auch drei oder vier. Und wenn du Tool-Fan bist, kannst du auch schonmal 13 Jahre bis zum nächsten Album warten.
Das letzte Album, das The Cure veröffentlichten hieß 4:13 Dream, erschien 2008 und war enttäuschend. Ich habe keinen der Songs öfter gehört. Vielleicht lag es an der Zeit – ich war Mitte 30, hatte gut 15 Jahre in der schwarzen Szene verbracht und irgendwie holte mich das ganze Zeugs nicht mehr ab. Vielleicht waren The Cure zu der Zeit auch einfach schlecht. Auf jeden Fall verschwanden sie irgendwann im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends aus meinem Leben. Wobei … nein, da waren ja immer noch Meisterwerke wie Pornography, Disintegration, das großartige Trilogy-Livealbum oder auch das Gitarren-Brett Wish. Die zog ich regelmäßig in meine Playlisten, wenn ich mal wieder eintauchen wollte. Oder besser: abtauchen. Ins Dunkel, in die Traurigkeit, ins Existenzielle. Dass irgendwann noch einmal neue und relevante Songs erscheinen würden, hielt ich für völlig ausgeschlossen. Denn selbst die von vielen Fans noch wohlwollend gelobte Scheibe Bloodflowers aus dem Jahr 2000 holte mich schon nicht mehr so richtig ab.
Entsprechend unbeteiligt nahm ich den News-Tsunami der vergangenen Monate zur Kenntnis. „The Cure veröffentlichen am 1. November Songs of a lost world“, hieß es überall. Sie würden das komplette Album direkt in einem Livekonzert via Internet der Welt vorstellen, hieß es. Und: Es solle tieftraurig sein, hieß es. Schließlich hätte Sänger Robert Smith in den vergangenen Jahren gleich mehrere Verluste in seinem Leben ertragen und verarbeiten müssen. Vater und Mutter tot, der ältere Bruder auch. Und ein paar Onkel und Tanten ebenso. It doesn’t matter if we all die sang Robert 1982 auf dem Album Pornography. Es waren die ersten Zeilen des ersten Songs. Sie gaben die Marschrichtung des gesamten Albums vor: düster, schwer, beizeiten sperrig, und abgrundtief traurig. Eine Weltschmerz-Platte mit zu viel Schmerz für eine zu kleine Welt. Kann man machen, wenn man, so wie Robert damals, Anfang 20 ist. Muss man vielleicht sogar. Schließlich kommen einem solche Zeilen in diesem Alter ziemlich leicht über die Lippen. Ist ja noch so weit weg, der Tod. Und irgendwie auch so schön romantisch. Gute 43 Minuten schwelgt die Band in tiefster Verzweiflung. Die letzten Textzeilen: I must fight this sickness, find a cure. Ja klar, nichts leichter als das. Erst dem Hörer schön eine dreiviertel Stunde lang genüsslich die härtesten Depressionen ins Herz pflanzen und dann nach Heilung rufen.
Zeitsprung ins Jahr 2024. Nun also das neue Material. Mit recht wenig Erwartungen und maximal leidenschaftslos warf ich YouTube an und startete die Aufzeichnung des Konzerts. Die Dauer: gute drei Stunden. Der erste Teil: das neue Album, dann eine Pause und anschließend nochmal 20 Hits aus den vergangenen 40 Jahren. Ganz normal für The Cure, deren Shows gerne mal überdurchschnittlich lang sind.
Nach einem Countdown und einigen Momenten des gespannten Wartens treten die Musiker nach und nach auf die verdunkelte Bühne. Das Licht geht an und die ersten Takte von Alone erklingen. Es dauert nur 30 Sekunden und ich bin eingehüllt in breite Soundflächen, die sich wohlig warm anfühlen, wie eine Tasse heißer Schokolade. Ich schaue auf die einzelnen Musiker, die allesamt sichtbar gealtert sind. Sechs Typen mit schütterem Haar und Gesichtern, in denen das Leben Spuren hinterlassen hat. Es vergeht eine Minute und noch eine und noch eine. Der Spotify-Algorithmus hat sich bereits nach 30 Sekunden verabschiedet. GenZ-Kids nach anderthalb Minuten. Ja, sowas nannte man früher Intro. Und während sich das Schlagzeug weiter träge durch traurige Synthie-Flächen und Gitarrenwände schleppt, setzt endlich der Gesang ein.
This is the end of every song that we sing.
Joa, kann man machen, denke ich. Smith klingt wie Smith, sieht aus wie Smith, bleibt halt Smith. Und in dem Fall meine ich das positiv. Er hat ein paar Kilo zugelegt, keine Frage. Das Gesicht immer noch weiß gepudert. Kajal und Lidschatten immer noch etwas zu großzügig aufgetragen, wie eine Teenagerin, die am Samstagabend auf eine Party geht. Die rot geschminkten Lippen immer noch verwischt, wie die Teenagerin um 0.30 Uhr nachts nach wilder Knutscherei.
Nach dem ersten Song nuschelt Robert ein Thnkya ins Mikro, gefolgt von einem lächelnden Hello. Und irgendwie wirkt er wie ein schüchterner, kleiner Junge, der sich auf der Bühne sichtlich über den Applaus freut, aber sich ebenso staunend fragt, warum die Leute das alles so toll finden.

Bereits beim zweiten Song schießen mir Tränen in die Augen. Promise you’ll be with me in the end, singt er und wenn mich etwas im Leben fertig macht, dann sind es genau solche Themen: Vergänglichkeit, Abschiede, Enden. Konnte ich noch nie gut. Kann ich auch heute noch nicht. Was ich aber immer noch super kann: In Songs versinken. Die Stimmung aufgreifen, adaptieren und eintauchen in den Schmerz, der ja immer in mir ist, den ich nie wieder wegbekommen werde, mit dem ich aber zu leben lerne.
Und wie sich Smith so durch die insgesamt acht Songs der Platte klagt, wird mir klar, dass Songs of a lost world einfach komplett stimmig ist. Da stehen Musiker auf der Bühne, die allesamt den Großteil ihres Lebens hinter sich haben, die ein Jahrzehnt lang wirklich große Popstars waren, die ein Jahrzehnt lang ziemlich bedeutungslos daherkamen und die ein Jahrzehnt lang fast verschwunden waren. All das ist in das neue Album eingeflossen, in die Körper der Musiker. Und in deren Seelen.
Nach einer knappen Stunde endet der erste Teil dieses Konzerts. Endsong heißt das letzte Stück des Albums und wieder geht es ums Älterwerden, um Enden, letztendlich ums Sterben. I’m outside in the dark, wondering how I got so old, singt Mr. Smith und alles, alles, alles wirkt so glaubhaft, authentisch und echt, dass man ich ihn am liebsten ins Auto packen würde, um gemeinsam mit ihm und einem Sechserpack Bier ans Meer zu fahren, um aufs Meer zu schauen und in den Nachthimmel. Um zu quatschen: übers Leben, Altern und Sterben. Über Verluste, Fehler und den Sinn. Über die Frage, was dieses Leben eigentlich wertvoll macht.
Left alone with nothing at the end of every song, left alone with nothing, nothing, nothing.
Das sind die letzten Zeilen des Albums. Und würden The Cure morgen bei einem Flugzeugabsturz ausgelöscht, mit dieser Veröffentlichung haben sie der Musikwelt ihr Testament hinterlassen. Songs of a lost world ist vielleicht die Quintessenz dieser Band. Vielleicht ist es sogar das beste The Cure-Album. Musikalisch und textlich greifen sie die Fäden von Pornography und Disintegration auf, treten in Dialog mit ihrer Vergangenheit und finden einen Abschluss, der unendlich traurig und gleichsam wunderschön ist.
Ich habe noch so, so viel mehr Assoziationen, Gedanken und Gefühle, wenn ich die acht Songs höre. Und mit jedem weiteren Durchlauf kommen neue Ideen dazu. Aber das ist alles viel zu undeutlich und verworren, als dass ich darüber schreiben könnte. Und vielleicht ist es auch alles viel zu sehr Ich, als dass ich darüber schreiben möchte.
I’m left alone with me at the end of every song, left alone with me, me, me.

Thnkya. Goodbye!
