ZweiSichten

Eine halbe Stunde nehme ich mir jetzt. Auch, wenn ich eigentlich gar keine Zeit habe in meinem Leben. Aber: ein kurzer Text nur, ein kurzes Durchatmen nur, nur ein paar Sätze in diesem Blog, bevor es wieder weiter geht. Das muss jetzt sein. Eine halbe Stunde.

Ich liebe den Sommer. Ich sitze im Garten und arbeite. „Gartenoffice“ nenne ich das. Die Sonne scheint, um mich herum summt und brummt es im Lavendel, in den Stockrosen, im Sommerflieder. So könnte es immer sein: 25°C oder 30°C. 365 Tage im Jahr. Und ich wäre ein anderer Mensch.

In den vergangenen Monaten habe ich verdammt viel Zeit in diesem Gartenoffice verbracht und neben Texten über miese Wohnungsunternehmen, Schleifstaubsauger, Startups oder den Fachkräftemangel in der Physiotherapie auch noch – so nebenher – gemeinsam mit einer Ordensschwester ein Buch geschrieben. Schwester Ursula und ich haben einfach mal die Gesellschaft betrachtet und zu Themen wie „Sünde“, „Eitelkeit“, „Tod“ oder „Sexualität“ jeweils einen Text geschrieben – unabhängig voneinander – und diese gegenübergestellt.

Herausgekommen sind ZweiSichten – ein Buch, das mit so einigen Klischees aufräumen wird. Ein Buch, in dem es um Spiritualität, Glaube und Gott geht. Und um die Einstürzenden Neubauten, um BibisBeautyPalace und Christian Lindner. Ein Buch für all die Skeptiker, die „mit Kirche nichts am Hut haben“ und vielleicht noch mehr ein Buch für all jene, die sonntags in der ersten Reihe in der Kirche sitzen und die zu wissen glauben, wie ein guter Christ zu sein hat.

Ende August wird das Buch im adeo-Verlag erscheinen. Mitte Oktober wird es dann eine große Release-Party im Kloster Arenberg bei Koblenz geben. Ich würde mich freuen, das eine oder andere bekannte Gesicht dort zu treffen.

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Das fremde Ich – Zeitmaschine Klassentreffen

In diesem Jahr soll es so weit sein. Nach 25 Jahren scheinen es einige meiner ehemaligen Mitschüler wirklich wissen zu wollen und organisieren ein Stufentreffen des Abi-Jahrgangs 1993. Auf Facebook und in einer WhatsApp-Gruppe werden Adressen und Telefonnummern getauscht, verschollene Schulkameraden gesucht, verstorbene Lehrer gezählt und Planungstreffen veranstaltet. Und, wie so oft im Leben, schaue ich hauptsächlich zu und bestaune mein hilfloses Ich, das mit dieser Sache komplett überfordert ist.

Klassentreffen. Stufentreffen. Mehr Klischee geht nicht. Mehr Ambivalenz geht aber auch nicht. Zumindest nicht bei mir. Ich wünschte mir wirklich, dass ich eine klare Haltung entwickeln könnte, im Vorfeld. Eine Haltung, die mir den Rahmen vorgibt, in dem ich mich an diesem Abend im nächsten Sommer halbwegs sicher bewegen könnte. Eine Haltung, die mir Halt gibt. Aber so etwas ist da nicht.

Klassentreffen bedeutet: Da schieben sich zwei Leben übereinander, zwei Leben, die nicht passen wollen. Zwei Leben, die übereinandergelegt eben kein Gesamtbild ergeben, sondern lediglich ein konturloses Gemisch aus unterschiedlichen Grautönen. Das fühlt sich nicht richtig an. Nichts ist mir fremder als mein Ich im Alter von 16, 17, 18. Und fremder als meine Mitschüler vor 25 Jahren sind mir lediglich die ehemaligen Mitschüler in der Gegenwart.

Ich würde mich wirklich so gern freuen. Auf ein Wiedersehen, auf alte Geschichten, auf spannende Lebenswege, auf die anderen. Von Herzen würde ich mich gern freuen

Oder ich würde mich wenigstens gerne aufregen und den ganzen Kram mit Verachtung strafen. Die alten Geschichten belächeln, die vernarbten Wunden auf der Seele zeigen. Den anderen.

Am allerliebsten würde ich diese Menschen aber ohne eine gemeinsame Vergangenheit kennenlernen. XY als XY sehen und nicht als die anorektische XY vor 25 Jahren. Und XX als XX. Und eben nicht als den smarten Tennisspieler mit Einser-Abi.

Aber auf so ein Klassentreffen geht jeder immer zu zweit. Jeder schleppt sein altes Ich mit. Manche tragen dieses Ich im Herzen, manche in der kleinen Handtasche. Und manche als Rucksack auf dem Rücken. Aber wir sind alle Zombies. Für diesen einen Abend.