Der Aktionsradius wird zum Punkt

Manchmal frage ich mich, wie wir alle in fünf, zehn, zwanzig Jahren über dieses Frühjahr 2020 reden werden. Sicher: Diejenigen von euch, die Nachwuchs haben, werden natürlich ihre Kinder und Enkel mit Geschichten über nicht vorhandenes Klopapier nerven – so, wie uns vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren die Opas und Tanten und mit Geschichten über die Nachkriegszeit genervt haben. Dieser Kelch wird Gott sei Dank an mir vorbeigehen – keine Kinder, keine Geschichten. Ich werde allein mit der besten Ehefrau am Fenster sitzen und die Welt anmotzen. Und wenn ich an den Frühling 2020 denken werde, werde ich fluchen und aus dem Fenster der Welt ins Gesicht grummeln, was für eine verdammte Scheiße doch dieses Jahr war. Eigentlich wird es also nicht viel anders sein als heute.

Die Zeiten sind wirklich schräg und jeder von uns lebt gerade in (s)einer absoluten Ausnahmesituation. Das kann das Beste hervorbringen. Das kann das Schlechteste hervorbringen. Und wenn ich mir die vielen Schicksale anderer Menschen ansehe – gesundheitlich, finanziell, existenziell – kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Obwohl ich einer dieser kreativen Soloselbstständigen bin, halten sich meine finanziellen Einbußen in Grenzen. Noch. Ich kann, wie bisher auch, von zu Hause aus arbeiten, wir haben einen Garten und wohnen nah am Wald. Ich bin also keiner dieser Helden des Alltags, die täglich als Pfleger, Busfahrer, in Supermärkten und Arztpraxen an vorderster Front ihren Arsch hinhalten müssen. Ich bin nur ein mittelalter ängstlicher Sesselpupser, der immer zu viel denkt.

Deswegen gelingt es mir auch ziemlich gut, wirklich nur einmal in der Woche zum Supermarkt zu fahren und mich unter Menschen zu begeben. Aber genau dieser Kontrollverlust, dieser Verlust von Autonomie, der nagt schon ziemlich an meinem Befinden. Dazu der Wegfall von allem, was meinem Leben seit der Reha Ende des vergangenen Jahres irgendwie Struktur gegeben hat: Aquafitness-Kurs, die Reha-Nachsorge-Gruppe, Treffen mit anderen Reha-Menschen. Für Menschen mit Hang zu depressiven Episoden ist momentan alles schwierig – wenn auch nicht so offensichtlich für die Außenwelt. Aber wann sind Menschen mit Hang zu depressiven Episoden überhaupt mal offen-sichtlich?

Machen Sie Sport, heißt es. Bewegen Sie sich viel an der frischen Luft, heißt es. Nehmen Sie sich jeden Tag mindestens eine Sache vor, die Ihnen Spaß macht. Soziale Kontakte sind gut. Tagesstruktur ist gut. Achtsame Auszeiten sind gut. Nichts davon spielt gerade eine Rolle in meinem Leben, das auf einen Aktionsradius von zu wenigen Metern zusammengeschrumpft ist. Aber am schlimmsten fühlt sich der Verlust von Entscheidungsfreiheit und Selbstständigkeit an. Ich fühle mich im wahrsten Sinne des Wortes eingesperrt. Kurios daran ist, dass ich ja sonst auch nicht der Mensch mit vielen Kontakten und einem funktionierendem Sozialleben bin. Aber ich will die Möglichkeit haben – selbst, wenn ich sie nicht nutzen werde und vor allen Dingen nicht nutzen kann.

Ich weiß, das alles klingt nach first world problems, nach jammern auf wirklich hohem Niveau und ich solle einfach mal auf die Menschen mit richtigen Problemen schauen: Obdachlose, Flüchtlinge in den Lagern in Griechenland, ausgebombte Familien in Syrien und beschnittene Frauen in Somalia. Das sind Probleme!

Ja, kann ich machen, kann ich auch ganz schrecklich finden. Und trotzdem wird es mir dadurch nicht besser gehen. Denn der Trugschluss ist ja, dass schlechte Stimmungen, Ängste oder Frust sich mit anderen Stimmungen und Ängsten vergleichen lassen. Auf den körperlichen Bereich übertragen würde dies bedeuten, dass jemand der ein Bein verloren hat, nur halb so traurig sein darf, wie jemand der beide Beine verloren hat. Und der Blinde dürfte vielleicht nicht so deprimiert sein, wie ein Taubstummer, weil dieser ja auf doppelt so viele Fähigkeiten verzichten muss.

Aber das Fühlen ist nicht vergleichbar. Leiden ist immer individuell. Aber diese Tatsachen muss ich mir sogar selbst noch oft genug um die Ohren hauen, weil man natürlich dieses Vergleichen und das Schau-dir-doch-mal-die-anderen-Menschen-an viel zu lange erlernt und somit verinnerlicht hat. Wenn der Mensch des Menschen Feind ist, dann ist man selbst wahrscheinlich sein größter Feind.

Ich werde mir also auch in den kommenden Wochen meinen zunehmend fetter werdenden Arsch auf dem Sofa vor Netflix plattsitzen, zu spät ins Bett gehen, zu viel rauchen und mir vor allen Dingen viel zu viele Gedanken machen. Nebenbei vielleicht noch den einen oder anderen Mimimi-Text hier veröffentlichen und dann wird es irgendwann wieder besser werden. Hoffentlich.

So viel Angst

Am vergangenen Dienstag postete ich hier im Blog einen kleinen Aufruf. Aus Langeweile, weil mir ein paar Aufträge weggebrochen waren, wollte ich euren Ängsten ein paar Worte schreiben. Damit sie vielleicht etwas kleiner werden können. Und eines ist sicher. zurzeit haben Ängst Hochkonjunktur. Schließlich steht die ganze Welt gerade Kopf. Alles ist fremd und in den Nachrichten beherrscht das Thema Corona wirklich alles. Klar, dass man sich da fragt, wie es denn so alles weitergeht.

Was dann passierte, hätte ich nicht für möglich gehalten. Zahlreiche Menschen teilten ihre zum Teil beklemmenden, großen, belastenden und existenziellen Ängste mit mir und baten um einen Brief, damit sie kleiner werden konnten. Was spannend war: Viele von euch schrieben sehr ausführlich über ihr Problem und merkten teilweise auch an, dass allein schon das Beschreiben dieser Angst, etwas verändert hatte. Für dieses große Vertrauen bin ich unendlich dankbar.

Spannend ebenfalls: Kein einziger Mann meldete sich auf diesen Aufruf. Kerle verarbeiten ihre Ängste wohl eher still und innerlich und allein und auf keinen Fall mit anderen.

Nun, als kurze Zwischenmeldung: Ich habe soeben die letzte Texte fertig gemacht und alle Anfragen abgearbeitet. Jede der ängstlichen Zusenderinnen hat nun einen individuellen Text gegen ihre Angst. Ob ich immer den richtig Ton getroffen habe, weiß ich natürlich nicht – aber die Rückmeldungen, die ich bisher bekam, waren sehr rührend und zauberhaft und ich bin froh, dass ich diesen Aufruf gestartet habe.

Und die Aktion läuft weiter, wer also noch Texte gegen die Angst benötigt, kann sich gern  unter der E-Mail-Adresse sprachrhythmus@outlook.com  melden und bekommt dann ebenfalls einen kleinen Brief gegen seine Angst.

Und ihr könnt natürlich auch anderen von dieser kleinen Aktion erzählen. Es gibt gerade so viel Angst da draußen, vielleicht hilft es dem einen oder anderen, etwas besser durch diese schweren Zeiten zu kommen.

Bleibt alle gesund. Passt auf euch auf.