Unter Tage


Wieder ein leeres Dokument beschreiben. Wieder geht der Blick nach innen. Wieder eines dieser Selbstgespräche. Wieder das gleiche Thema. Ichichich. Fragezeichen. Wieder Gedanken und wieder Wiederholungen und wieder dieses Kreisen um einen Körper, dessen Handlungen von außen betrachtet nur kryptische Gesten zeigen. Versuche. Imitationen. Kabuki.

Bin eigentlich stumm. Denken. Bin eigentlich stumm. Schreiben. Eigentlich sind Texte nichts als Wortfindungsstörungen. Bin eigentlich ganz anders. Weiß nur nicht wie. Im Innen. Und weiß nicht was. Und ob. Ist alles so dunkel im Innen. Stollen, zugeschüttet mit zu Kohle verdichteten Ängsten. Höhlen voll mit der Schlacke einer brennenden Wut. Freigelegte Nischen sind leer. Bilder an den Wänden: Alltagsskizzen, die gelebt werden könnten. Aufbauanleitungen einer zu entwickelnden Persönlichkeit. Wunschzettel für die Zukunft. Kein Ich.

Schürfe mir die Hände blutig, beim Versuch all den Dreck beiseite zu schaffen. Komme keinen Millimeter vorwärts, der lose Schutt rutscht immer wieder nach. Sisyphos unter Tage. Ichichich ist nicht zu finden. Muss doch zu finden sein, muss doch da sein, mussmussmuss. Fingernägel knicken Richtung Himmel, der irgendwo über, außerhalb, jenseits des Körpers sein muss. Fingernägel knibbeln Angstkohle und Wutschlacke in die blutende Haut. Angst und Wut auf eine Hülle tätowiert.

Unter den Fingernägeln sammelt sich der Dreck. Unter dem Dreck eine Hülle. Unter der Hülle wieder Dreck und Dunkel und Schwarz und Wut und Kohle und Angst und Schlacke und wieder Hände die durch den Dreck greifen. Und wieder Fingernägel und Blut und weitere Hüllen. Matrjoschka unter Matrjoschka unter Matrjoschka unter Matrjoschka unter Matrjoschka unter Matrjoschka unter Matrjoschka unter Umständen unter allem.

Mussmussmuss.

Laut

Und jetzt sitze ich mal wieder hier im Dunkel des Abends. Ich habe die In-ears eingesetzt und die Lautstärke nach oben gezogen. The Cure. Das Wish-Album. Die Songs: „Open“, „Cut“ und „End“. Repeat. Muss man laut hören, sehr laut.

„I really don’t know what I’m doing here, I really think I should’ve gone to bed tonight but…“

Der Sound treibt nach vorn, Gitarren schrammeln, legen sich übereinander, die Musik muss noch lauter, dann bleibt die Welt draußen, vor meinem Kopf. Ich will die Welt nicht mehr in meinem Kopf haben. Seit ein paar Tagen, seit 46 Jahren. Vielleicht habe ich deshalb so lang und gern in Diskos gearbeitet? Der Sound hüllt dich ein, die Bude kann noch so voll sein, zwischen dir, dem Innern deines Kopfes und der Menschenmasse ist da immer noch die Musik.

Ich habe in den vergangenen Tagen auf Facebook mal versucht mit den Impfverweigerern zu diskutieren. Aber das hat mich nur müdemüdemüde gemacht. So müde.

„And all the smiles that I wear, and all the games that I play, and all the drinks that I mix, and i drink until I’m sick, and all the faces I make, and all the shapes that I throw, and alll the people I meet, and all the words that I know, makes me sick to the heart. Oh I feel so tired…“

Das klappt einfach nicht. Ich kann das nicht. Das ist ein Krieg, den ich nur verlieren kann, den wir alle verlieren werden – wir, die Stillen, die Nachdenklichen, die Ängstlichen, die mit dem Leben nicht zurechtkommen, wir F30er, F40er, F50er. Wir, die wir die Welt lieber draußen haben. Die Zeiten sind gerade so schlimm, auf so vielen Ebenen schlimm. Lockdown? Strukturverlust? Geschenkt. Isolation? Geschenkt. Aber dieser Riss, der sich auftut, dieser Schlund, der sich mitten durch unsere Gesellschaft zieht, der kostet Kraft. Immer muss man aufpassen, nicht zu fallen. In diesen Riss. Weil es überall unter den Füßen knirscht und bricht und kein einziger Schritt nicht gefährlich ist. Weil alles nur noch so dünn wie Papier ist. Weil der Boden nicht mehr trägt.

„I wish you felt the way that I still do, the way that I still do…“

In einem halben Jahr werden wir andere Menschen sein. Jeder von uns. Und manchmal habe ich Angst, dass die F30er, F40er, F50er sich auflösen werden. Weil die Welt an ihnen frisst. Weil das alles so anstrengend ist. So müdemüdemüde macht. Und vielleicht muss die Musik deshalb so laut, damit ich nicht einschlafe. Damit Leben simuliert wird. Damit der Sound das übernehmen kann, was der Boden nicht mehr schafft: zu tragen.

„I think I’ve reached that point where giving up and going on are both the same dead end to me, are both the same old song…“

Und die anderen reden über Silvesterparties. Am Abgrund des Risses.

„And the way the rain comes down hard, that’s the way I feel inside…“

Repeat.