Laut

Und jetzt sitze ich mal wieder hier im Dunkel des Abends. Ich habe die In-ears eingesetzt und die Lautstärke nach oben gezogen. The Cure. Das Wish-Album. Die Songs: „Open“, „Cut“ und „End“. Repeat. Muss man laut hören, sehr laut.

„I really don’t know what I’m doing here, I really think I should’ve gone to bed tonight but…“

Der Sound treibt nach vorn, Gitarren schrammeln, legen sich übereinander, die Musik muss noch lauter, dann bleibt die Welt draußen, vor meinem Kopf. Ich will die Welt nicht mehr in meinem Kopf haben. Seit ein paar Tagen, seit 46 Jahren. Vielleicht habe ich deshalb so lang und gern in Diskos gearbeitet? Der Sound hüllt dich ein, die Bude kann noch so voll sein, zwischen dir, dem Innern deines Kopfes und der Menschenmasse ist da immer noch die Musik.

Ich habe in den vergangenen Tagen auf Facebook mal versucht mit den Impfverweigerern zu diskutieren. Aber das hat mich nur müdemüdemüde gemacht. So müde.

„And all the smiles that I wear, and all the games that I play, and all the drinks that I mix, and i drink until I’m sick, and all the faces I make, and all the shapes that I throw, and alll the people I meet, and all the words that I know, makes me sick to the heart. Oh I feel so tired…“

Das klappt einfach nicht. Ich kann das nicht. Das ist ein Krieg, den ich nur verlieren kann, den wir alle verlieren werden – wir, die Stillen, die Nachdenklichen, die Ängstlichen, die mit dem Leben nicht zurechtkommen, wir F30er, F40er, F50er. Wir, die wir die Welt lieber draußen haben. Die Zeiten sind gerade so schlimm, auf so vielen Ebenen schlimm. Lockdown? Strukturverlust? Geschenkt. Isolation? Geschenkt. Aber dieser Riss, der sich auftut, dieser Schlund, der sich mitten durch unsere Gesellschaft zieht, der kostet Kraft. Immer muss man aufpassen, nicht zu fallen. In diesen Riss. Weil es überall unter den Füßen knirscht und bricht und kein einziger Schritt nicht gefährlich ist. Weil alles nur noch so dünn wie Papier ist. Weil der Boden nicht mehr trägt.

„I wish you felt the way that I still do, the way that I still do…“

In einem halben Jahr werden wir andere Menschen sein. Jeder von uns. Und manchmal habe ich Angst, dass die F30er, F40er, F50er sich auflösen werden. Weil die Welt an ihnen frisst. Weil das alles so anstrengend ist. So müdemüdemüde macht. Und vielleicht muss die Musik deshalb so laut, damit ich nicht einschlafe. Damit Leben simuliert wird. Damit der Sound das übernehmen kann, was der Boden nicht mehr schafft: zu tragen.

„I think I’ve reached that point where giving up and going on are both the same dead end to me, are both the same old song…“

Und die anderen reden über Silvesterparties. Am Abgrund des Risses.

„And the way the rain comes down hard, that’s the way I feel inside…“

Repeat.

Damit konnte niemand rechnen

Vor einem Jahr, genau um diese Zeit, war ich sehr angeschlagen, sehr aufgeregt, sehr auf das Kommende fokussiert. Vor genau einem Jahr stand ich kurz davor meine Reha anzutreten. Alles war eingekauft – Sportsachen, Lesestoff, gefütterte Crocs – und ich saß sozusagen auf gepackten Koffern und wartete auf den 12. November. Im Kopf: eine Mischung aus hoffnungsvoller Aufbruchsstimmung und der Sehnsucht mich endlich sechs Wochen lang auszuloggen und nicht mehr funktionieren zu müssen.

Wenn ich jetzt, im Oktober 2020, an dieses Jahresende 2019 zurückdenke, könnte ich heulen, denn eigentlich hat sich durch die sechs Wochen in der Klinik nichts geändert. Ich fühle mich von dem verfickten 2020 beraubt und zurückgeworfen in die Zeit vor dem 12. November 2019. Nur dass ich jetzt eben nicht in hoffnungsvoller Aufbruchsstimmung bin. Jetzt ist da einfach nichts mehr.

Damit ihr mich nicht falsch versteht: Die Reha war toll. Sie war nicht mega, weil diverse Bedingungen in der Klinik nur so semigeil waren (schimmliges Bad, verfleckter Teppich, unzumutbar schlechtes WLAN in genau zwei Bereichen auf dem ganzen Gelände, ansonsten gar keines und eine Dusche die lediglich die beiden Temperatureinstellungen „kochend heiß“ und „eiskalt“ zuließ). Trotzdem war die Zeit wirklich sehr bereichernd für mich und auch ein kleines Abenteuer, weil ich noch nie so lang allein unterwegs war. Dazu noch fremde Menschen, Therapien und die Befürchtung, dass ich verhungern würde, weil mein Essverhalten … nun ja … speziell ist. Aber ich fand sehr schnell Anschluss, lernte einige zauberhaft nette Menschen kennen und verhungerte wider Erwarten nicht.

Kurzum, an Heiligabend fuhr ich nach Hause, erholt, motiviert, mein Leben besser in den Griff zu bekommen und voller Pläne. Eine neue Therapie machen, diesmal tiefenpsychologisch, zum Aquafitness gehen, weil mir das echt Spaß gemacht hatte, zur Reha-Nachsorge gehen, eine Selbsthilfegruppe finden, so wenig rauchen, wie am Ende der Reha und Alkohol nur noch gelegentlich trinken.

Und es fing auch alles gut an: Ich war beim Aquafitness, ich ging zur Nachsorge, suchte Selbsthilfegruppen und telefonierte mit Therapeuten. Ende Januar schien alles richtig gut zu laufen.

Tja und dann kam die Corona-Geschichte. Aquafitness am Arsch, Selbsthilfegruppe am Arsch, Therapeutensuche am Arsch, wenig rauchen und trinken: mega am Arsch. Sicher, der Sommer wurde wieder besser, aber da hatte sich meine Motivation bereits in einer Wolke aus Selbstmitleid und Wut verflüchtigt. Ich ging weiterhin zur Reha-Nachsorge – das war es. Die Aquafitness blieb storniert, denn ich wollte mir nicht beim Wassersport Covid einfangen. Die Therapeutensuche bleibt schwierig und macht mich wütend, denn wenn man immer wieder zu hören bekommt, dass selbst Wartelisten geschlossen sind – also noch nicht einmal die Chance besteht, in vielleicht sechs bis acht Monaten einen Therapieplatz zu bekommen, dann ist irgendetwas in unserem Gesundheitssystem sowas von fucking falsch. Tja und meine Suche nach einer passenden Selbsthilfegruppe war bisher ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt – Verantwortliche melden sich nicht, Gruppen treffen sich nicht undundund.

Die tollen Vorsätze klappten im letzten halben Jahr also nicht. Und die Sachen, die mir vorher immer kurzfristig halfen, die klappten eben auch nicht. Ich kann bei dieser Virussituation nicht in die Sauna gehen, das packe ich nicht. Ich konnte auch nicht meine regelmäßigen Auszeiten im Kloster zu Ostern und im Herbst machen, konnte keine Flohmärkte besuchen uns selbst die geplanten Lesungen wurden nach und nach abgesagt. So wurde der Akku schön konstant übers Jahr leergesaugt. Und jetzt, wo Herbst und Winter wahrscheinlich wieder schlimm werden, ist da schon kaum noch Power.

Warum ich dies alles schreibe? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht, um zu zeigen, dass mein letzter Wutausbruch hier im Blog auch nur ein Symptom für blank liegende Nerven ist. Vielleicht, um mich einfach auszukotzen. Vielleicht aber auch, um zu zeigen, dass all das, was da draußen im letzten halben Jahr passiert ist, für Menschen, die psychisch etwas labiler sind, einer Katastrophe gleicht. Hilfsangebote fielen weg, Strukturen fielen weg, Ressourcen auch.

Ich wünschte, ich säße jetzt wieder auf gepackten Koffern und hätte die Aussicht auf eine Reha, vielleicht nicht jetzt im Viruswinter, aber vielleicht im Frühling. Ich wünschte mir diese Aussicht, aber auch das wird nicht klappen. Zwischen zwei Rehas müssen mindestens vier Jahre liegen. Meine Hoffnung und Sehnsucht fokussieren sich also auf den Winter 2023. Ein verdammt langer Zeitraum für Hoffnung und Sehnsucht.