Die Montagskolumne: KW 4

Die vergangene Woche war emotional ungefähr so, wie das zeitgleich stattfindende Wetter war: grau, regnerisch, statisch. Die vergangene Woche war ein Bild, kein Film und mein Bewegungsradius beschränkte sich auf zwei Termine bei meiner Therapeutin, ein Arzttermin und einmal Supermarkt. Ziemlich wenig. Zu wenig vielleicht, um in die Kategorie „lebendig“ eingeordnet zu werden. Im Winter versteinere ich immer noch etwas mehr als im Sommer. Und mit Winter meine ich genau die Zeit jetzt. Ich schrieb es hier schon ein, zwei Mal in diesem Blog. Ich kriege den dunklen November noch einigermaßen rum, und den Dezember mit Weihnacht und Silvester, ich kriege sogar noch meinen Geburtstag rum, aber kurz darauf sind die Akkus Jahr für Jahr komplett leer. Und der ersehnte Frühling erscheint drei Universen weit entfernt. Mindestens.

Mir fehlt das Licht. Draußen. Meine Tageslichtlampe (ein Geburtstagsgeschenkt aus dem letzten Jahr) ballert den lieben langen Tag tapfer vor sich hin und bewirkt, dass ich nicht komplett auf dem Sofa versumpfe. Aber es reicht nicht, um Energie zu tanken, damit ich außerhalb des Hauses Sachen machen kann.

Mir fehlt die Wärme. Draußen. Der Kaminofen ballert jeden Abend vor sich hin und bewirkt, dass ich nicht komplett unter mindestens drei Kuscheldecken versumpfe. Aber dessen Wärme reicht nicht für die Welt da draußen.

Mir fehlt einfach die Sonne. Ich liebe den Sommer, wenn es lange hell ist und so warm, dass ich 24/7 mit nur mit Shorts und nacktem Oberkörper durch die Gegend leben kann. Temperaturen bitte konstant jenseits von 25°C, gerne auch jenseits von 30°C. Das ist nicht jedermanns Sache, keine Frage und natürlich waren die letzten Hitzewellen in den vergangenen Jahren anstrengend. Auch für mich. Man schläft schlecht unterm ungedämmten Altbaudach. Aber das ist eben nur anstrengend für mich. Leiden tue ich im Winter. Oktober, November, Dezember, Januar und Februar: allesamt ganz große Scheiße. Ich war in einem früheren Leben bestimmt mal ein Kamel. Das würde auch einiges andere erklären, was so in meinem beschränkten Kopf vor sich geht.

Genug der winterlichen Befindlichkeiten. Das Wetter wird nicht besser, wenn ich weiter darüber schreibe. Und meine Stimmung sowieso nicht. Also schnell ein Themenwechsel.

Und hier müsst ihr euch einen relativ langen Abschnitt vorstellen, den ich nach der Durchsicht wieder gelöscht habe. Er bezog sich auf eine Diskussion bei Twitter neulich zum Thema Depressionen, deren öffentliche Wahrnehmung und ihr Vergleich mit anderen Krankheiten. Ihr wisst schon, so nach dem Motto „Depressionen sind schlimm, aber ein Herzinfarkt/ein Schlaganfall/Krebs sind schlimmer.“ Ich hatte für den gelöschten Abschnitt schon ein wenig recherchiert, zu Suizidzahlen, Krebstoten, der Lebenserwartung von Betroffenen mit schweren Depressionen und Schlaganfallpatienten. Ich hatte ein paar böse Kommentare getextet, mich über die immer noch abwertende Wahrnehmung von Menschen mit Depressionen aufgeregt und einen wirklich treffenden Satz am Ende des Abschnitts formuliert. Aber ich habe das alles wieder gelöscht, weil es mir falsch vorkam, verschiedene Diagnosen gegeneinander aufzuwiegen. Am schwersten wiegt sowieso immer die eigene Diagnose.

Über Politik, Gesellschaft und Corona möchte ich heute auch nichts schreiben. Ja, ich habe die ganz kleine Hoffnung, dass der ganze Scheiß im Frühling langsam besser werden wird und wir vielleicht einen recht normalen Sommer erleben werden. Vielleicht. Aber die katastrophalen Zustände jetzt gerade, die Untätigkeit der neuen Regierung, die – so deutlich muss man es sagen – diesbezüglich komplett versagt hat und weiterhin versagt und wahrscheinlich auch zukünftig versagen wird, diese Zustände sind so unglaublich ermüdend und zermürbend, dass mir einfach die Worte fehlen.

Von allen Seiten der Politik wird auf die diffusen und irrationalen Impfängste von durchgeknallten Querdenkern eingegangen. Aber wer kümmert sich eigentlich um die berechtigten Ängste von Menschen, Familien, Eltern vor einer Infektion? Vor Long Covid? Vor PIMS? Vor exorbitant steigenden Gesundheitskosten? Vor komplett überfüllten Reha-Klinken? Vor ausgebrannten Lehrer*innen? Vor zusammenbrechenden Pfleger*innen? Spoiler-Alert: Niemand. Es gibt gerade keine einzige Partei mit Regierungsverantwortung auf Bundes- oder Länderebene, die auch nur ansatzweise auf diese Menschen zugeht. Das hinterlässt ein allumfassendes und existenzielles Gefühl der Hilflosigkeit und Resignation. Punkt.

Und jetzt habe ich doch wieder davon geschrieben. Obwohl ich es nicht wollte. Entschuldigt meinen thematischen Tunnelblick, den ich da seit Monaten habe, aber das, was wir seit zwei Jahren erleben, hat mich wirklich in meinem Kern erschüttert. Das hat bestimmt etwas mit Resilienz zu tun und das ist eine Ressource, auf die ich nur sehr eingeschränkt Zugriff habe. Aber wenn ich mich so im Netz umschaue, bin ich da überhaupt nicht alleine. Da sind so viele Menschen, die jetzt nach zwei Jahren absolut abgekämpft sind, die nicht mehr können. Die sich nicht gesehen fühlen und nicht gehört, die scheinbar unsichtbar durch die Welt gehen und die das Gefühl vermittelt bekommen, nicht relevant zu sein. Du kannst Montagsabends durch die Fußgängerzone spazieren und irgendeine Wichse von Impftoten und Mikrochips und Weltverschwörung rauskotzen und du bekommst Aufmerksamkeit. Presse, Gegendemos, TV-Berichte, erschütterte Politiker*innen. Alles da. Aber wenn du anmerkst, dass in den Schulen gerade eine – mindestens – geduldete Durchseuchung einer ganzen Generation stattfindet, bekommst du nur ein Schulterzucken. Geht ja nicht anders. Die armen Kinder. Psychische Belastungen. Und die arbeitenden Eltern. Luftfilter sind zu teuer, fürs Klassenhalbieren fehlen die Kapazitäten, feste Lerngruppen können auch nicht eingerichtet werden, für digitalen Unterricht sind zwar inzwischen iPads vorhanden, aber es fehlt ein WLan-Netz im Schulgebäude. Und über den Datenschutz bei WhatsApp, Teams und Co wollen wir gar nicht reden. Es gibt Hunderte von Gründen, die angeführt werden, warum unsere Schulen nicht funktionieren. Aber keine einzige Idee, die über „wir machen alles so wie bisher. Nur mit Lüften“ hinausreicht. Das hinterlässt mich fassungslos, weil ich keinerlei Selbstwirksamkeit verspüre. Man. Kann. Einfach. Nichts. Dagegen. Tun. Und ich befürchte, dass diese Erkenntnis das Leben vieler Menschen sehr nachhaltig und tiefgreifend verändern wird. Meines auf jeden Fall.

Da ich diesen Artikel aber nicht mit solch deprimierenden und depressiven Gedanken enden lassen möchte hier noch ein kleiner Ausblick in die kommende Woche: Viel wird nicht passieren. Ein paar Termine, Therapie und abends das Dschungelcamp, das in diesem Jahr wirklich ganz hervorragend zusammengecastet ist. Aber nach all den schweren Gedanken, will ich mir die schlechte Stimmung jetzt nicht versauen, indem ich ins Schwelgen über die Teilnehmer komme. Vielleicht sieht es in der kommenden Woche ja ganz anders aus und ich schreibe mal einen beschwingten, humorvollen und lebensbejahenden Artikel.

Aber einen Song möchte ich euch noch in die nächste Woche mitgeben. Der Druck steigt!

Kommt gut durch diese Zeiten und gebt auf euch acht.

Namsté motherfuckers!

Die Montagskolumne: KW 3

So, mein Geburtstag ist überstanden und der Tag war sogar ziemlich schön. Ich wurde von der besten Ehefrau toll beschenkt und kann jetzt unter anderem per Babbel ein Jahr lang Niederländisch lernen, kann echt gute Dart-Pfeile werfen und wenn ich darauf keine Lust habe, kann ich an meiner PS3 ein wenig daddeln.
Moment? PS3? Wo doch die PS5 inzwischen auf dem Markt ist? Bin ich immer noch so ein Loser wie früher (da bekam ich meinen ersten Commodore 64, als es ihn bei ALDI und Co gab und all meine Klassenkameraden längst einen Amiga besaßen)? Hänge ich immer noch weit hinterher und „gönne“ mir nur die Reste vom Konsolenmarkt?

Jein.

Ja, die Playsi 3 ist uralt, aber anders als damals beim C64 wollte ich es diesmal genau so haben. Die Idee mir eine Konsole zuzulegen, bzw. schenken zu lassen, war ja sehr spontan und gewagt und ich habe keine Ahnung, ob das Ding nach zwei Tagen in der Ecke stehen wird oder ob ich wochenlang davor versacken werde. Beides liegt im Bereich des Möglichen. Und weil es mir nahezu körperlich weh täte, stünde eine PS4 für 400 Euro als Staubfänger neben dem Fernseher, wollte ich es etwas günstiger haben. Außerdem: Die PS3 kann man – selbst wenn man nicht daddelt – wunderbar als DVD- und Blu-ray-Player nutzen. Dazu hat die PS3 irre viele Spiele, die mich vielleicht nicht komplett überfordern. Und das ebenfalls für ein paar Kröten bei ebay und auf dem Flohmarkt (wenn man denn mal wieder auf Flohmärkte gehen kann). Also hat mir die beste Ehefrau zum Geburtstag eine refurbished PS3 geschenkt, die wir direkt am nächsten Tag bestellt haben. Und jetzt warte ich ganz gespannt. Als ersten Titel habe ich mir The last of us ausgeguckt und noch ein paar Tomb Raider-Titel. Wenn ihr also in der kommenden Woche hier nichts lest, bin ich vor der Konsole verlottert und schleiche mich durch eine Welt voller Zombies oder suche nach irgendwelchen Artefakten im Dschungel.

Eine Welt voller Zombies – dazu muss man aber nicht zwingend eine Playstation haben, da reicht der Gang in den Supermarkt oder durch die Fußgängerzone. Oder ersatzweise ein Blick in die sozialen Medien. Aber darüber habe ich in den letzten Wochen ja bereits ausführlich geschrieben. Den Vogel in dieser Woche schoss aber eindeutig FDP-Politikerin und MdL Franziska Müller-Rech ab. Die schulpolitische Sprecherin der Liberalen ist im Gegensatz zu ihrer Kollegin Gebauer auch auf Twitter und weiteren Netzwerken aktiv und hält beizeiten den Kopf hin, wenn die Scheiße mal wieder besonders tief fliegt. Zu einem – sicherlich auf maximale öffentliche Wahrnehmung zugeschnittenen – Wettbewerb der Landeselternschaft der integrierten Schulen NRW, in dem das kälteste Klassenzimmer des Landes gesucht wird, reagierte die junge Landtagsabgeordnete ein wenig verschnupft.

Ist ja erstmal okay und sogar menschlich, wenn Politiker*innen emotional werden. Allerdings hatte ihr Verweis auf die Handreichung „Richtig Lüften“ des Bundesumweltamtes einen entscheidenden Fehler. Es mag ja noch sein, dass ein fünfminütiges Stoßlüften alle 20 Minuten, die Temperaturen in einem Klassenraum nicht dauerhaft auf 12 Grad absinken lässt. Sie vergisst dabei aber, dass nach jeder Schulstunde der Raum über die gesamte Pause (also 15 Minuten gelüftet werden soll). Und wenn es draußen 2,3 oder 4°C hat, dann kühlt so ein Raum einfach aus.
Und während ich das hier schreibe, merke ich, wie völlig absurd es generell ist, dass auch nach zwei Jahren Pandemie für Schulen offensichtlich nichts getan wurde, außer Handreichungen zum richtigen Lüften zu verfassen. Die Kultusminister*innen dieses Landes tun ja bekanntlich alles, um die Schulen irgendwie offen zu halten. Das sagen sie immer wieder. Mantaartig. Spitzfindigere Meschen als ich es bin, würden allerdings die Worte der Kultusminister*innen mit deren Handeln abgleichen und feststellen, dass eben nicht alles getan wird und sie der Lüge bezichtigen.

Egal.

Dass dann allerdings die gewählte MdL Müller-Rech über ihren offiziellen Twitter-Account anfängt, reihenweise Menschen, größtenteils besorgte und gefrustete Eltern zu blockieren, bzw. ihrer Auffassung widersprechende Belege einfach auszublenden, weil die schulpolitische Sprecherin wohl keine Kritik verträgt, ist ein ziemliches No-go. Und wir reden hier jetzt nicht über schlimme Beschimpfungen oder Hate-Speech. Wir reden über sachliche Kritik, knallharte Fakten und ein klein wenig Wut. Sorry, aber das kann und darf nicht sein. Politiker*innen müssen sich der Diskussion stellen. Wenn sie das nicht tun, haben sie ihren Job verfehlt, fügen der Demokratie Schaden zu und fördern die Politikverdrossenheit. Niemand muss sich beschimpfen und beleidigen lassen, auch Politiker*innen nicht. Aber über einen offiziellen Account einfach reihenweise Menschen zu blockieren, die anderer Meinung sind, ist schon ein komisches Verständnis von Politik – insbesondere für eine Liberale. Denn diesen Account führt sie ja als gewählte Vertreterin der Bürger, letztendlich wird Frau Müller-Rech als MdL aus der Landeskasse bezahlt. Und es wirkt schon befremdlich, wenn man sich von Bürger*innen bezahlen lässt, sich aber nicht anhören möchte, was sie zu sagen haben. Entrückt ist das. Und das wirkt nach. Und sickert in die Gesellschaft. Sorgt für Unzufriedenheit. In der heutigen Zeit fataler als je zuvor.

Ansonsten war es eine eher ruhige Woche und ich habe mich kaum über irgendetwas aufregen müssen (vielleicht werde ich aber auch nur fatalistischer). Ich bin, wie so viele andere, einfach nur noch müde und wütend, weil die Politik sich von Ochsen in eine Ecke treiben lässt, aus der heraus sie einfach gar nichts mehr tun. Lieber gar nicht regieren als fasch regieren – Lindners Satz ist wahrer denn je.

Stattdessen habe ich ziemlich viel gearbeitet und das nächste Ghostwriting angefangen. Es ist so spannend, in fremde Biografien einzutauchen und die Sichtweisen von anderen Menschen Stück für Stück zu begreifen. Das sind die Highlights in meinem Job. Und für die bin ich sehr, sehr dankbar. Schräg ist aber immer noch, dass man so weit in der Zukunft arbeitet. Das, was ich jetzt gerade mache, wird (mit Glück) im Frühjahr 2023 veröffentlicht werden. Das ist ganz schön weit in der Zukunft und fühlt sich an, als wäre da eine Delle in der Raumzeit. Andererseits – vielleicht ist im Frühjahr 2023 das ganz normale Leben zurück und wir können uns alle wieder drücken, zu Zehntausenden Konzerte besuchen und ohne Masken in den Supermarkt. Das wäre ziemlich fein.

Mein Ausblick in die kommende Woche ist auch eher so semi. Viel Arbeit, ein paar Termine, Rezepte beim Arzt abholen, man könnte meinen, ich wäre schon Rentner. Immerhin beginnt am kommenden Freitag mein TV-Jahreshighlight: die neue Staffel Ich bin ein Star, holt mich hier raus. C-Promis, die Scheiße fressen, rumkreischen, ein paar Titten zeigen und sich gegenseitig anzicken. Da bin ich doch gern dabei. Sorry, ist meine Guilty Pleasure.

Und passend zum Thema Altern gebe ich euch dieses Video mit in die neue Woche. Ich liebe die Mischung aus Wut und Langeweile. Und Tocotronic findet ja sowieso jeder gut.

Kommt gut durch die Woche, bleibt gesund, zuversichtlich und schaut doch nächste Woche wieder hier vorbei. Ich würde mich freuen. Und wie heißt es bei unseren Nachbarn so schön: tot ziens!