Geschichten am Vorweihnachtsabend

Nachdem ich gestern beim glücklichen Schnitzel einen wundervollen Eintrag las, habe ich auch mal in meinen Schubladen gekramt und einen Text gefunden, der zum morgigen Tag passt.
Ich wünsche, dass niemand von Euch eine Milena ist…

Milena vereist

Vielleicht beginnt es, wenn die Wohnungstür hinter Milena ins Schloss fällt. Oder es beginnt, wenn zwei Etagen tiefer die Haustür hinter Milena ins Schloss fällt. Wenn sie mit einem Klappkorb in den Händen die Straße überquert.

Vielleicht ist der Mittelstreifen die Startlinie, vielleicht beginnt es erst hier. Der Mittelstreifen liegt irgendwo unter dem Neuschnee. Das weiß Milena. Heute ist Heiligabend, auch das weiß Milena. Und sie weiß, dass sie in einer guten Stunde, nach 83 Kilometern Autobahn, vor der Tür des Einfamilienhauses ihrer Eltern im Auto sitzen wird. Einen Moment zögernd. So wie sie immer zögert, wenn sie die Tür des Einfamilienhauses ihrer Eltern sieht.

Milena stellt den Klappkorb mit den Weihnachtsgeschenken in den Kofferraum und schaut kurz in den Himmel, aus dem es zum ersten Mal seit Jahren wieder schneit, zu Weihnachten. Ihr wird kalt.

Im Wagen zündet sie sich eine Zigarette an. Die wärmt auch nicht. Jetzt müsste sie den Motor starten, jetzt müsste sie einfach den Schlüssel im Zündschloss drehen. Erst einmal einfach den Schlüssel ins Zündschloss stecken. Milena zieht an der Zigarette. Die Glut spiegelt sich auf der mit Schnee bedeckten Windschutzscheibe. Hinter dem Schnee beginnt die Straße. Hinter dem Schnee wird die Straße nach ein paar Kilometern zur Autobahn. Hinter dem Schnee, hinter der Autobahn, steht ein Einfamilienhaus mit einer Tür. Dahinter lebt noch was von Milena.

Vielleicht beginnt es erst, wenn sie den Motor startet.

Später, auf der Autobahn wird Milena das Radio anmachen und eine weitere Zigarette. Sie wird sich vorstellen, wie ein Moderator alleine in einem kleinen Studio sitzt, so wie sie in ihrem kleinen Auto sitzt. So, wie sie nach 83 Kilometern Autobahn alleine zwischen Vater und Mutter sitzen wird. Die Entfernung zwischen sich und den Eltern wird sie spüren, aber nicht messen können. Sie wird sich leer fühlen und frieren: beim Essen, bei der Bescherung, bei dem Glas Rotwein nach der Bescherung.

Milena zieht an ihrer Zigarette. Vielleicht beginnt es erst auf der Autobahn, vielleicht verliert sie erst da mit jedem Kilometer ein Stückchen mehr von sich.

In ein paar Stunden, viel zu lange Stunden, wird sie wieder im Auto sitzen, wird sie wieder rauchen. Wird daran denken, dass sie zuviel raucht. Wird leer sein und ein wenig traurig. Wird sich fragen, warum sie ihre Eltern nicht lieben kann und nicht hassen. Wird sich fühlen wie ein Radiomoderator in seinem Studio am heiligen Abend. Wird ein schlechtes Gewissen haben. Wird sich einen Ehemann wünschen, den sie im Auto fragt, warum sie ihre Eltern nicht lieben kann und nicht hassen. Im Kofferraum wird ein Klappkorb mit Geschenken ihrer Eltern stehen. Teure Geschenke, liebevolle Geschenke. Geschenke, die vom Herzen kommen.

Zurück in ihrer Wohnung, wird sie den Fernseher anstellen. Irgendein Schwarz-Weiß-Film im Nachtprogramm wird laufen.

Milena wirft die Zigarette aus dem Fenster. Ein paar Schneeflocken fallen ihr in den Schoß.

Sie startet den Motor.

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