Popliteratur

Nachdem ich neulich in der Welt diesen Artikel und vor allen Dingen die dem Artikel folgenden Kommentare las, konnte ich mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Auch nach zehn Jahren erhitzen Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Joachim Bessing noch die Gemüter.

Gut so!

Ich habe die Werke der oben genannten Autoren seinerzeit verschlungen. Vieles fand ich OK, einiges grandios und von so manchem Buch, das in dieser Zeit unter dem schön griffigen Label Popliteratur verkauft und von mir gelesen wurde, kann ich mich nur noch an den Namen erinnern.

Trotzdem begeistern mich einige der Bücher und einige der Autoren auch heute noch.

Faserland von Christian Kracht halte ich immer noch für ein unglaublich gutes Buch. Ein böses Buch. Mit einem bösen Erzähler, der sich so plastisch durch die Seiten des Romans bewegt, dass man ihn einfach widerlich finden muss.

Super!

Wie oft hat man das schon beim Lesen eines Buches. Dass man Wut empfindet oder Ekel, dass einen die geschriebenen Worte fast körperlich erfahrbar werden. Und ja! Ja, es ist oberflächlich und ja, der Prot erzählt einem Quatsch und ja, eine Handlung oder gar eine Entwicklung ist nicht erkennbar.

Ja, ja, ja. Und diese Idee ist nahezu perfekt literarisch umgesetzt. Was will man mehr in einem Buch.

Auch Livealbum von Stuckrad-Barre ist für mich ein sehr sehr wichtiges Buch. Der literarische Erlebnisbericht eines erfolgreichen jungen Literaten auf Lesereise ist manchmal so nah dran an Leben und Erleben des Autors Stuckrad-Barre, dass man sich als Leser immer wieder eine Distanz schaffen muss. Eine Distanz zwischen dem Autor und dem Ich im Buch.

Dieser Roman ist für mich, der selbst schreibt, ein Lehrstück, wenn es darum geht treffend zu beschreiben. Ich kenne niemanden, der Orte, Personen, Typen, so punktgenau und rasiermesserscharf beschreiben kann wie Stuckrad-Barre. Nebenbei: Ihn auf der Bühne live zu erleben ist ein absoluter Genuss. Ich wünschte jeder Autor hätte es so drauf sein Publikum zwei bis drei Stunden lang bei Laune zu halten.

Und dann gab es da dieses Tristesse Royale, auf das ich mich oben schon bezogen habe. Fünf junge Menschen, gut gekleidete Menschen, Menschen aus dem Bildungsbürgertum (wenn es denn dieses noch gibt) sitzen drei Tage lang im Adlon in Berlin und referieren schnodderig über unsere Gesellschaft. Sie trinken Pommery, reden über Drogen und Frequent Flyer Lounges und grenzen sich ab.

Scheinbar von allem und jedem.

Dandys am Ende des Jahrtausends. Scheinbar ohne bestimmten Regeln zu folgen wird (ab-)gewertet oder für gut befunden. Ein Buch, dass den Leser verunsichert. Ich erwischte mich ständig bei der Frage, wie die fünf mich denn wohl schubladisieren würden, durch welches Raster ich fallen würde, oder wo ich hängen bleiben würde und vor allen Dingen: warum.

Und ich glaube zu wissen, dass die fünf jungen Männer, ob dieser Frage noch nicht einmal ein Wort verlieren würden. Und gerade das macht dieses Buch, resp. die Autoren so unglaublich gut.

Wenn man nach zehn Jahren noch so gut über Literatur streiten kann, wenn sie immer noch so polarisiert, hat sie einen großen Wert und erfüllt eine gewisse Funktion in unserer Gesellschaft. Eine Funktion, die von vielen der ehrwürdig ergrauten Zeigefingerliteraten einfach nicht übernommen bzw. erfüllt wird.

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