Popliterarischer Traum

Nachdem ich neulich ja schon ein wenig über meine Liebe zur Popliteratur schrieb, habe ich jetzt mal einen uralten Text rausgekramt.

Er war Teil eines nie beendeten Manuskripts, dass sich natürlich um die damals so populären Popliteraten drehte, sie zitierte und mit ihren Mitteln spielte. Diese Passage mag ich immer noch so sehr, dass ich sie euch nicht vorenthalten möchte.

Enjoy. „We’ll slide down the surface of things“


Traumsequenz // Pop will eat 4

Ich liege auf dem Flachdach des Mathematikgebäudes der Dortmunder Universität und sehe durch die Zieloptik eines AK 47 Sturmgewehres meine Geburtstagsfeier auf der Campuswiese. Sehe durch ein Zielfernrohr meine Partygäste. Sehe im Fadenkreuz mich selbst. Ich packe ein Geschenk aus. Es ist ein in Mullbinden eingewickelter Überseekoffer von Prada. Als ich die zwei messingfarbenen Schnappverschlüsse öffne, springt mir, wie ein Jack in the Box, Bret Easton Ellis entgegen. Er hält eine Marionette in der rechten Hand, die die Züge von Christian Kracht trägt. In der Linken weht eine Fahne: Pop will eat itself steht da drauf.

Ich ziele auf den Kopf der Krachtmarionette und drücke ab. Ein Explosivgeschoss fliegt in Zeitlupe durch die Luft. Wellen breiten sich kreisförmig aus, als würde die Kugel durch Wasser gleiten. Millimeter für Millimeter nähert sie sich der Puppe in Ellis´ Hand, bleibt dann direkt vor der Stirn in der Luft stehen.

Nichts passiert.

Ich ziele erneut, diesmal auf den Kopf von Ellis, drücke ab, wieder schwebt eine Kugel lautlos, träge, langsam durch die Luft und verharrt dann wartend vor dem Kopf des Schriftstellers.

Nichts passiert.

Ein drittes Mal lege ich den Finger auf den Abzug, sehe mich selbst auf der Wiese, lachend mein Geschenk betrachtend, mit Geburtstagsgästen plaudernd, die ich nicht kenne, die keine Gesichter haben. Ich schieße auf mich, diesmal knallt das Gewehr, aber das Geschoss verhält sich genauso wie seine Vorgänger. Drei Kugeln stehen jetzt in der Luft, drei Kugeln, die auf drei Köpfe warten.

Nichts passiert.

Die Szenerie friert ein, keine Bewegung ist mehr zu erkennen. Nur unter einem Maulwurfhügel tut sich etwas. Erde wird hochgeschoben, die Grasnabe bricht auf und Benjamin von Stuckrad-Barre kommt aus der Tiefe gekrochen. Er trägt eine SS-Uniform, blickt in die still stehende Gruppe von Partybesuchern, geht zwischen ihnen umher und betrachtet sie mit der Haltung eines Ausstellungsbesuchers. Dann schnippt er mit dem Finger.

Drei Kugeln setzen sich in Bewegung, bohren sich durch Hautschichten, bohren sich durch Fleisch, bohren sich durch Schädelknochen. Die Krachtmarionette verändert sich zuerst. Sie weicht auf, wird eine breiige Masse, die zu Boden tropft und einen schwarzen Fleck auf dem grünen Rasen hinterlässt. Ich kann den Umriss von Sylt erkennen.

Dann passiert etwas mit Ellis´ Kopf. Er bläht sich auf wie ein Luftballon, sieht aus, als wäre er eine Comicfigur oder das Maskottchen eines Vergnügungsparks. Stuckrad-Barre geht auf ihn zu, nimmt eine Nadel und sticht in das linke Auge. Mit einem lauten Knall zerspringt Ellis.

Irgendwo im Off setzt Musik ein, ich erkenne die ersten Takte von „At the end of the day“ aus Les Miserables. Millionen von Konfettistückchen fallen zu Boden.

Die dritte Kugel hat sich tief in meinem Kopf gebohrt. Ich kann mit Hilfe der Zieloptik in das Einschussloch sehen. Mein Schädel ist leer, mein Schädel knackt, ein Riss teilt ihn in zwei Hälften. Sie klappen auseinander und ich sehe das Nichts in meinem Inneren als Punkt einer absoluten universalen Kälte. Eine leere Hülle fällt jetzt zu Boden. Ich lache. Selbst hier oben auf dem Dach höre ich mein Lachen.

Stuckrad-Barre bleibt allein auf der Wiese stehen. Die gesichtslosen Partygäste sind verschwunden. Dort wo sie standen bedecken jetzt graue Staubhügel den Rasen. Der Autor zieht die Uniform aus und geht nackt und scheinbar ziellos über die Campuswiese, bis er die Fahne findet die noch einige Augenblicke zuvor in der Hand von Christian Kracht wehte. Er hebt sie auf und dreht sich in meine Richtung, als wüsste er, dass ich die Situation vom Dach des Unigebäudes beobachte. All das sehe ich durch das Zielfernrohr. Der Schriftzug Pop will eat itself wird immer größer vor meinem Auge, als würde die Fahne auf mich zurasen. Ich lasse das Gewehr fallen, fange an, es zu zerlegen und ich frage mich, warum ich das überhaupt kann und woher ich weiß, dass dies hier ein AK 47 ist. Ich lege die Einzelteile in einen Koffer, wie man ihn aus schlechten französischen Actionfilmen mit Alain Delon kennt. Ich bin ein Profikiller, der gerade seinen Job erledigt hat. Ich bin ein Profikiller, der sich gerade selbst hingerichtet hat. Und ich bin stolz auf mich.

Am Ende des Daches erscheint eine Gestalt und kommt auf mich zu. Im Gegenlicht ist sie nichts weiter als eine schwarze Silhouette. Jetzt steht sie vor mir, legt mir bestätigend die Hand auf die Schulter und küsst mir die Stirn. Es ist eine Frau. Es ist Svenja.

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