Freunde in blutigen Schuhen

Nachdem ich gestern im Zug noch diesen wunderbaren Beitrag von orbisclaudiae las, musste ich gerade mal ein wenig auf der Festplatte rumkramen und einen ziemlich alten Text von mir raussuchen. Ich glaube jeder von uns kennt solche Situationen, wie sie im Blog von orbisclaudiae beschrieben werden.

Deswegen, kommentarlos hier, das kleine, alte Textchen von mir(ko)

Strandgut

Die Gegend um die zwei Freunde herum könnte aus einem Bier-Werbespot sein, so perfekt ist alles arrangiert. Wahrscheinlich denken sie, dass irgendwo, nicht sichtbar, ein Kamerateam den neuen Jever-Spot dreht.
Die zwei Freunde sitzen nebeneinander im Sand und starren auf das Wasser. Dass man das so macht, wissen sie aus viel zu vielen Filmen und Fernsehserien. Schweigend im Sand zu sitzen und aufs Meer zu blicken, ist das Bild für Nähe und Vertrauen.
Die beiden spüren keine Nähe mehr. Dass es schon seit längerer Zeit so ist, weiß jeder der beiden, wann genau es begann, weiß keiner der beiden. Vielleicht fing es an, als einer der beiden nicht mehr ganz so häufig anrief, als einer der beiden am Wochenende zu Hause bleiben wollte. Als der andere der beiden immer häufiger von der Vergangenheit sprach, weil die Gegenwart mit Gesprächsstoff sparte. Als zuerst einer der beiden und dann auch der andere eine Frau an seiner Seite hatte.
Sie haben ihre Schuhe ausgezogen und betrachten jetzt die nackten Zehen, lassen den kalten Sandstrand zwischen ihren Zehen hindurchrieseln, als wären sie eine Sanduhr. Da läuft was ab, das wissen sie. Vielleicht ist dies das letzte Treffen und immerhin ist so ein Strand nicht der schlechteste Ort, um eine Freundschaft zu beenden. Vielleicht weht der Wind einen der beiden fort und lässt den anderen allein am Strand zurück, dann würden zumindest Gefühl und Wirklichkeit wieder zueinander passen. Das hoffen beide.
Einer beginnt Steine ins Wasser zu werfen, der andere lächelt, öffnet den Mund, aber es fallen ihm keine Worte ein. Vielleicht hat er Angst davor, dass seine Worte wieder eine Nähe herstellen könnten. Eine Nähe, die alles wieder komplizierter machen würde, weil dann keiner der beiden mehr wüsste, was er denken sollte.
Eine Freundschaft zu beenden ist fast so schwierig, wie eine zu beginnen. Es ist ein Abtasten, man beobachtet die Reaktionen des anderen, vergleicht seine Reaktionen mit den eigenen. Wenn sie sich ähneln, beginnt eine Freundschaft, wenn sie sich ähneln, endet eine Freundschaft. Wenn man auf die Reaktionen des anderen keinen Wert legt, ist man mittendrin in einer Freundschaft. Wirklich wichtig sind nur Anfang und Ende. Mittendrin in einer Freundschaft gibt es nur Selbstverständlichkeit, da gehört zum Leben des einen der andere ganz selbstverständlich. So selbstverständlich, dass man sich kaum noch wahrnimmt.
Mittendrin in einer Freundschaft könnte man hier sitzen und schweigen und Sandstrand durch die Zehen rieseln lassen und auf das Wasser starren und Steine ins Meer werfen und der andere würde eben nicht lächeln, sondern irgendetwas sagen.
Aber mittendrin ist schon lange her, das ahnen beide. Hier in der Gegenwart gibt es nur Wasser, Sand und jede Menge Vergangenheit, die zwischen den Köpfen der beiden in der Luft steht und die der Wind nicht einfach wegpusten kann.
Sie werden hier noch eine Weile sitzen, barfüßig und schweigend. Beide hoffend, dass der andere als erster aufstehen wird, als erster gehen wird und der erste ist der Schuldige, da sind sie sich einig.
Am Ende geht einer von beiden zum Auto, barfuß, sagt vielleicht noch etwas, etwas aus der Vergangenheit, etwas wie Ich meld mich morgen. oder Lass uns nächste Woche mal wieder ein Bier trinken. Etwas aus der Vergangenheit, die hier nicht mehr hingehört, die der Wind jetzt endlich aufs Meer tragen darf, und am Ende wird der andere am Stand sitzen bleiben, aufs Wasser schauen, vielleicht noch ein paar Steine der Vergangenheit hinterher ins Meer werfen, ein paar Steine aus der Gegenwart hinaus.
Am Ende werden Gefühl und Wirklichkeit wieder zusammenpassen.

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