Schreibreflex // ion // und Stuckrad-Barre

Neulich las ich einen Text. Oder ich hörte einen Text. Auf jeden Fall ging es in diesem Text um eine Personenbeschreibung.

Da wurde in ewig langen Sätzen und mit zahlreichen Adjektiven eine Frau beschrieben. Mir war total langweilig dabei. Und schlagartig wurden mir sowohl die beschriebene Person, als auch ihr Schöpfer, der Autor unsympathisch. Vielleicht funktioniere ich beim Lesen einfach anders, aber wenn ein Autor versucht haarklein irgendetwas zu beschreiben … es rauscht an mir vorbei.
Das rot getupfte Kleid, das drei Zentimeter über dem Knie endet, mit dem Saum aus weißer Spitze, an dem ein paar Schmutzflecken zu sehen sind … uff.
Das ist mir zu viel. Da werden so viele Wörter verbraucht. Für nichts und wieder nichts.
Vielleicht bin ich ja auch nur faul, als Leser und als Autor.Da mag ich es schon eher, wenn ein Autor auf zu genaue Beschreibungen verzichtet und dem Leser Raum gibt, sich seine eigenen Personen zu gestalten.
Oder … und das mag ich wirklich sehr gerne … wenn mit Zitaten, Verlinkungen und Klischees gearbeitet wird.

Mit Klischees arbeiten?????????????

Ja, mit Klischees arbeiten.

Originell damit arbeiten. Denn wenn man mal ehrlich ist, ist das rot getupfte Kleid, das drei Zentimeter über dem Knie endet, mit dem Saum aus weißer Spitze, an dem ein paar Schmutzflecken zu sehen sind … das ist doch genauso ein Klischee.

Aber um es mal zu verdeutlichen … ein Beispiel.

Stellt euch mal eine Frau vor.
Tanja oder so.

Sie ist vielleicht Mitte 30. Sie hat blonde, mittellange Haare. Dauergewellt. Sie fährt einen Golf Cabrio. Ein altes Modell – kein Neuwagen. Sie arbeitet, vielleicht in einer Versicherung oder einem Büro. Sie ist Single und eher vollschlank. Am Wochenende trifft sie sich mit ihren Freundinnen. Sie geht gerne tanzen …

Habt ihr ein Bild vor Augen?

Ich könnte aber auch schreiben:

Tanja ist seit vier Jahren Vorsitzende des PUR-Fanclubs von Magdeburg.

Und hätte damit auch ein ganz klares Bild bei jedem von euch hervorgerufen. Sicherlich keine identischen Bilder, aber für jeden von euch stimmige Bilder. Und ich finde sowas sehr viel charmanter. Und in der heutigen Zeit, wo jeder Konsumgegenstand auch immer sofort eine Haltung transportieren will, klappt das auch.

Karl-Heinz raucht Reval oder Ernte23.

Timm trinkt Bionade.

Monika kann ihr iPhone in ein Messengerbag von Freitag packen.

Oder

Monika kann ihr iPhone in eine Louis Vuitton Tasche packen.

Zweimal Monika, zweimal das iPhone und trotzdem habe ich zwei komplett unterschiedliche Frauen gezeichnet. Zumindest in meinem Kopf.

Natürlich lassen sich so keine komplexen Figuren erzeugen. Zumindest nicht ohne weiteres. Aber für ein paar lebendige i-Tüpfelchen im Text ist diese Art Personen, Orte, usw. zu beschreiben ziemlich effizient. Und auch effektiv.

Die deutschen „Popliteraten“ der 90er, also Kracht und Stuckrad-Barre und so, haben diese Arbeitsweise übrigens in Perfektion beherrscht.
Stuckrad-Barre hat gerade ein neues Buch draußen. „Auch Deutsche unter den Opfern“ heißt es. Ich sah ihn Freitag in irgendeiner Talkshow im Fernsehen und war sofort wieder mittelschwer begeistert. Er ist so unglaublich gut in seiner Beobachtung. Wow. Das Buch habe ich noch nicht gelesen. Trotzdem gebe ich blind und voller Vertrauen eine absolute Kaufempfehlung.

In diesem Sinne … Rock’n’Roll

Advertisements

2 Gedanken zu “Schreibreflex // ion // und Stuckrad-Barre

  1. Oh Mann, wenn ich das lese, bin ich echt gespannt auf dein erstes Buch. Mir gehen zwar lange Personenbeschreibungen nicht so sehr auf den Keks wie dir, aber im Prinzip hast du schon recht, es geht auch anders… über Tanja musste ich übrigens sehr lachen 😆
    Grüße!

  2. Ist doch eigentlich gar nicht so weit vom guten alten „Show, don`t tell!“ entfernt, oder?
    Natürlich wird eine Figur wunderbar lebendig durch eine kleine, feine Auswahl scheinbarer Nebensächlichkeiten. Auch komplexe Figuren können ohne seitenlange Beschreibung von Haarfarbe, Schwung des Brauenbogens und Ärmellänge entstehen. Zum einen durch immer wieder eingestreute Schlaglichter, zum anderen durch ihr Handeln im Ablauf der Geschichte. Reicht (mir) völlig.
    Aber ich denke, es gibt zwei grundsätzliche Lesertypen. Die einen mögen es eher episch, die anderen eher dicht.
    Viel Spaß beim (Ver)Dichten!
    LG, Ute

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s