Ein Text // Zehn Minuten

Still

Das Streichholz flammt kurz auf. Ein wenig Licht, ein wenig Wärme. Eine Zigarette fängt zu glühen an.
Milena wirft das Streichholz weg. Das kleine Licht geht aus, ein wenig Wärme zischt im Schnee. Der Schnee schreit.
Das große Licht aus dem Wohnzimmer ist noch da. Gedimmt, der Stimmung wegen. Ein paar Kerzen, der Stimmung wegen. Der Stimmung wegen läuft der Fernseher. Ohne Ton.
Vater ist im großen Licht und Mutter und ihre Schwester ist im großen Licht.
Milena steht auf der Terrasse, zieht an ihrer Zigarette und stellt sich vor, dass man von ihr in der Dunkelheit nur einen kleinen glühenden Punkt sieht. Nichts sonst.
Sie geht rückwärts, zwei, drei, vier Schritte in den Garten. Sie muss sich nicht umsehen. Was hinter ihr liegt, kennt sie. Drei, vier Schritte weg vom großen Licht, das sie nicht versteht. Vier Schritte in die Dunkelheit. Unter ihren Füßen knirscht der Kies. Das erinnert sie an früher.

This used to be my playground …

Milena atmet Rauch aus, und Wärme, sieht Vater im großen Licht, wie er Wein nachgießt. In die Kristallgläser. Ein schwerer Rotwein, der nicht passen will zur dunkelblauen Jogginganzugshose ihres Vaters. Mutter stellt Teller zusammen, die Teller mit dem Goldrand, den Soßenflecken und dem von ihrer Schwester sorgsam abgetrennten fetten Bratenrand. Mutter und Vater wechseln ein paar Worte. Milena sieht das. Ohne Ton.
Die Schwester blickt auf das Fenster, vielleicht in die Dunkelheit hinter dem Fenster, vielleicht auf die rauchende Milena in der Dunkelheit hinter dem Fenster. Zwei blaue Augen im hellen Wohnzimmer, zwei graue Augen im Garten. Irgendwo dazwischen etwas Trennendes.
Wieder ein Zug an der Zigarette, ein roter Punkt leuchtet einen Atemzug lang stärker auf, dahinter ein Mund, etwas darüber zwei graue Augen und hinter den Augen ein paar Gedanken.

Er ist alt geworden sie ist alt geworden der Weihnachtsbaum wird von Jahr zu Jahr größer als würde er wachsen die kleine Schwester wird auch alt werden später dann sind die Eltern schon nicht mehr da dann wird der heilige Abend anders sein und jeder andere Abend auch kein knirschender Kies unter den Füßen keine Erinnerungen kein Garten mehr nichts Trennendes mehr.

Der Vater wechselt ein Birnchen an der Lichterkette, ihre Schwester streicht mit der Hand über die Tischdecke, die nach den Feiertagen in die Reinigung kommen wird. Ihre Mutter: wahrscheinlich in der Küche, wahrscheinlich die Spülmaschine einräumend, wahrscheinlich mit einem Schwammtuch die Arbeitsfläche abwischend.
Gleich wird ihre Schwester die Blockflöte holen, sie ist zu alt für die Blockflöte, sie ist erwachsen, kein Erwachsener spielt am Heiligabend Blockflöte, aber es gibt in diesem Wohnzimmer keine Kinder mehr. Nur Erinnerungen an Kinder.
Milena zieht vielleicht ein letztes Mal an ihrer Zigarette. Erst wird gegessen, dann kommt die Bescherung. Dazwischen ein bisschen Stille Nacht, ein bisschen Blockflöte, ein bisschen was fürs Herz. Mutter wird das Ave Maria singen. Der Fernseher wird laufen. Ohne Ton.
Milena schnippt die Zigarettenkippe in den Schnee. Der Schnee weint, sie bekommt ein schlechtes Gewissen. Im Frühling, nach dem Schnee wird ein Stückchen von Milena zwischen den Blumen liegen, ein Stückchen von Milena, das hier nicht hingehört. Ein Stückchen Gegenwart in der Vergangenheit.

This used to be my playground …

Zwei, drei, vier Schritte geht sie vorwärts durch den Kies.

Nach dem Schnee hat Mutter Geburtstag, später dann, fast schon im Sommer, der Vater. Und es wird zu kalt sein für den Garten. Es ist immer zu kalt für den Garten. Der Sommer ist Erinnerung, tonlose Erinnerung.

This used to be my childhood dream …

Milena geht drei, vier Schritte auf die Terrasse zu. Vier Schritte ins Licht, das sie nicht versteht. Zwei graue Augen auf der Terrasse sehen zwei blaue Augen im Wohnzimmer, zwei Blicke treffen sich. Dazwischen etwas Trennendes. Es ist kalt auf der Terrasse, ihre Schwester lächelt. Fast warm. Im Licht.

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