Uni // Ex // nicht mit leeren Händen

Die Waschbetonplatten sind auch durch jahrelanges Einziehen von Studiengebühren nicht sanierbar. Ich gehe über den Platz, neben mir die Bibliothek, vor mir das Gebäude in dem der AStA sitzt. Unter mir wackelt der Boden. Unter mir klappern die lockeren Waschbetonplatten. Unter den Schritten anderer, wackeln andere Platten. Überall klappert es. Der Schall wird durch die Fassaden der Gebäude zurückgeworfen. Ich schließe die Augen, laufe ein paar Meter blind über den Campus – eine Metapher, denke ich, eine Metapher, im Takt des brüchigen Betons – und öffne die Augen wieder.

Die Sonne scheint, es ist noch recht früh. Ich sehe Studierende. Sie sind jung, sie tragen das, was Studierende heute so tragen und vielleicht würde mich irgendwer von ihnen sogar anlächeln, wenn ich meinen Blick heben würde. Ich schaue weiter auf das Waschbeton, denke an den gesenkten Blick bei Kafka und Deleuze und Guattari. Ich gehe nicht mit leeren Händen. Das weiß ich. Und rede es mir trotzdem weiter ein. Ich gehe nicht mit leeren Händen. Durch die Drehtür betrete ich das Gebäude, laufe vorbei an weiteren Studierenden, vorbei am Servicepoint, hinter dem die Servicekräfte sitzen und die einem sowieso nie helfen können. Ich kann direkt zu einem Sachbearbeiter durchgehen, es ist noch leer, es ist noch zu früh für Studenten. Ich lege meinen ausgefüllten Bogen auf den Tisch. Ein kurzes Gespräch. Die Fakten abgehakt.
Wirklich? Ja!

Ich fülle ein weiteres Formular aus, damit ich die bereits von meinem Konto abgebuchten 700 Euro Studiengebühren zurückerstattet bekomme.
Dann verlasse ich das Sekretariat und weiß: Ich bin jetzt kein Student mehr.
Schon lange war es klar. Die Uni und ich konnten nicht mehr zueinander finden. Und warum auch? Mein Leben läuft in wirklich geordneten und wundervoll glücklichen Bahnen. Ich arbeite im kreativen Bereich, habe eine berufliche Perspektive und ein wenig Talent, was die Literatur angeht. Und trotzdem fühlt es sich, als ich durch die Drehtür das Gebäude verlasse, nach gescheiterter Beziehung an.
So fucking… what? Endgültig? Endgültig!
Ich denke an Vergangenes, an Milchkaffee, an Steinstufen, auf denen man in der Sonne sitzt. Ich denke an Anna und an Bina. Dann an Uni-Lateinkurse. An viele Uni-Lateinkurse. An den kleinen-riesiggroßen Triumph, als ich im Sekretariat meine erworbenen Lateinkenntnisse vorzeigen konnte. Ich denke an dumme Kommilitonen und an dieses dumpfe Gefühl in der Magengegend, dass ich gegen Ende immer hatte, wenn ich an der Uni war. An die wirklich vielen schrecklichen Fahrten mit der S-Bahn.
Sie kam immer zu spät.
Ich denke an überfüllte Seminarräume, die trotz Studiengebühren nicht größer wurden. An eine unpersönliche, depersonalisierte (schon wieder Deleuze) und anonyme Maschine denke ich, die vielleicht noch Wissen vermittelt, aber das Denken schon lange nicht mehr lehrt.
Ich gehe nicht mit leeren Händen!
Ich stehe im Fahrstuhl, sehe mein Spiegelbild, fahre fünf Etagen durch den Betonbauch des Gebäudes. Immer ist hier Zwielicht. Die Sonne meidet diesen Ort.
Einen letzten Milchkaffee wollte ich trinken. Ich spare ihn mir auf.
Für… irgendwann!
Ich bin schon spät dran. Ich muss zur Arbeit.
So, wie die Großen.

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2 Gedanken zu “Uni // Ex // nicht mit leeren Händen

  1. Jetzt habe ich glatt ein wenig Pipi in den Augen!

    Ich habe ja auch noch den letzten Gang vor mir, letztlich ebenso mit leeren Händen wie Du.
    Aber so leer sind sie nicht, in gewisser Weise haben wir ordentlich was mitgenommen.

    Und den letzten Milchkaffee, den trinken wir zusammen, sowieso.

  2. Pingback: Meine Exmatrikulation an der Uni Bochum | Stories & Places

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