Die Zukunft der Universitäten auf dem 8. Kontinent

In den letzten zehn oder fünfzehn Jahren hat sich unsere Gesellschaft oder das Leben in unserer Gesellschaft, auf jeden Fall aber die Informationsverteilung in dieser Gesellschaft grundlegend verändert. Die digitale Revolution hat aus uns die digital natives gemacht, die digital bohème, die digitalen Nomaden. Aber wir haben uns so gut in der Digitalität eingerichtet und leben sie so selbstverständlich, dass die Erinnerung an die Zeit davor verblasst und unwirklich erscheint. Die Vorstellung, dass man vor zehn oder fünfzehn Jahren nicht mal eben eine Suchmaschine benutzt hat, um einen Schauspielernamen zu finden, ist irreal. Die Vorstellung, dass man nicht diverse Accounts in diversen Social Networks hatte und sich mit Fremden ebenso wie mit Bekannten vernetzt, ist irreal. Und der Gedanke, dass man nicht einen tollen, witzigen oder originellen Gedanken schnell noch twittert, von seinem Handy aus, wirkt auf uns auch befremdlich.

Auf der gerade stattgefundenen re:publica wurde der Begriff des 8. Kontinents gebraucht, den wir uns erschlossen haben. Eine Idee, die übrigens von der wundervoll polarisierenden Musikgruppe Laibach und dem angeschlossenen Kunstkollektiv NSK (Neue slowenische Kunst) schon Anfang/Mitte der 90er Jahre angedacht wurde. Damals gründeten die Mitglieder den NSK-Staat . Einen rein virtuellen Staat, dessen politische Vertretungen immer gerade dort waren, wo die Künstler auftraten. Man konnte Bürger dieses Staates werden, mit eigenem Pass usw. Sicherlich eine Spielerei, aber auf einem Gedankenfundament stehend, das aus der Avantgarde kommend, enorm viel vorweggenommen hat.

Become a citizen of the first global state of the universe war der Slogan.

Erst Jahre später wurde, durch den Medienhype um das Phänomen Second Life, die breite Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass um sie herum etwas stattfand, dass etwas wuchs. Etwas, das nicht greifbar war. Etwas, das nicht greifbar war, aber trotzdem das Leben komplett veränderte.

Wenn es also diesen 8. Kontinent gibt und wenn wir ihn längst besiedelt haben. Ganz selbstverständlich, wie wird dann das Leben in diesem Kontinent, das Leben in der realen Welt weiter beeinflussen. Und ich weiß, dass der Begriff reale Welt hinkt, denn die Kommunikation auf Twitter, die google streetview-cars und die freie Verfügbarkeit einer unüberschaubaren Datenmenge auf Wikipedia sind allesamt sehr real.

Wir leben in einer Zeit, in der das Wissen der Welt um uns herum … ist … schwebt … zirkuliert. Es ist da. Informationen sind greifbar, kopierbar, downloadbar. Sie stehen zur Verfügung. Jenseits der Universitäten. Ohne Immatrikulationsbescheinigung, ohne Studiengebühren kann man sich auch in die wirklich sonderlichsten Spezialgebiete einarbeiten. In einer TV-Diskussion in der letzten Woche gab Mario Sixtus das Beispiel von französischer Literatur des 16. Jahrhunderts, die sich mit Lyon beschäftigt. Auch dazu findet man im Netz etwas. Bestimmt. Man möge es mal ausprobieren.

Wenn es nun diesen 8. Kontinent gibt, auf dem das Wissen der Welt die Individuen umfließt, ähnlich der Äthervorstellung im 18. Jahrhundert, welchen Nutzen bieten dann eigentlich noch die Institutionen des Wissens und der Lehre, die jahrhundertelang den Zugang zu Informationen und Wissen reglementiert, legitimiert und leider auch limitiert haben?

Der Gedanke, dass Universitäten als Stätten der Wissensvermittlung und der Lehre in Zukunft auf diesem Kontinent keinen Platz mehr finden werden, scheint mir durchaus plausibel und nachvollziehbar. Welchen Mehrwert werden diese Institutionen in Zukunft den Studierenden bieten können? Wenn Seminare, Professoren und Vorlesungen an der Universität überflüssig werden, weil man in der virtuellen Welt auch Fachleute und Experten zu jedem möglichen und unmöglichen Thema findet, weil man sich in der virtuellen Welt durch Chaträume, Skype und Mailinglisten auch austauschen kann, weil man in der virtuellen Welt durch Blogbeiträge und Kommentare unter Blogbeiträgen auch auf neue Gedanken und Ideen stößt, bleibt für die Institution Universität nicht viel mehr übrig, als das Abprüfen und Zertifizieren von Wissen. Eine Tendenz, die sich auch schon in der Bologna-Reform zeigte. Die Lehre an Universitäten wird immer stärker verschult. Anwesenheitspflicht, Leistungsnachweise, selbst für Vorlesungen, in Form von Klausuren, Protokollen und oft unglaublich schlechten Referaten, zeigen eindeutig diese Tendenz.

Die Idee von einer Universität als Denkfabrik, von einem Ort an, dem etwas Spannendes passiert, weil er bevölkert ist mit denkenden Menschen, die sich austauschen, die kommunizieren, die aus der Interaktion heraus unsere Gesellschaft mit neuen und dringend benötigten Impulsen versorgen … diese Idee befindet sich in einem Auflösungsprozess oder verwandelt sich in einen locus amoenus.

Ich denke, dass sich dieser Prozess nicht aufhalten lässt. Panta rhei. Und vielleicht passen deswegen die riesigen Betonbauten der Massenuniversitäten umso besser ins Bild. Unbeweglich sehen sie, wie die Wirklichkeit an ihnen vorbeifließt.

Dieser Beitrag soll einen Anstoß geben. Man möge ihn Verlinken, zitieren, sich auf ihn berufen. Denn nur so entstehen neue Ideen. Eine Anwesenheitsliste wird nicht rumgegeben. Ein Leistungsnachweis muss nicht erbracht werden.

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Ein Gedanke zu “Die Zukunft der Universitäten auf dem 8. Kontinent

  1. Als jemand, der sich sowohl im Netz bewegt als auch gerade an der Uni gelehrt hat, kann ich nur sagen, dass sich zwar einiges verändert, aber die Universität ihren Platz nicht verlieren wird.

    Allein die Fähigkeiten, sich neues Wissen systematisch zu erschließen und mit nachvollziehbaren Methoden Daten und Informationen auszuwerten, sind wichtige Ergebnisse akademischen Lernens, die sich nicht unbedingt von selbst ergeben.

    Zu lernen, die richtigen Fragen zu stellen, zu begreifen, dass Vermutungen und Theorien sauber belegt sein müssen, zu erfahren, dass man auf den Schultern von Giganten steht und sich deren Vorleistungen bedienen kann und sollte, all das sind Ergebnisse strukturierter Kommunikation, wie sie die Uni, selbst die Massenuni, bereit stellt.

    Und selbst wenn ich ein Gegner von Anwesenheitspflichten und Ähnlichem bin und auch niemanden gezwungen habe, an meinen Sitzungen teilzunehmen, sehe ich doch in den Ergebnissen, die ich am Ende des Semesters erhalten habe, einen leichten Zusammenhang zwischen Anwesenheit und der Qualität der Arbeit, nicht zuletzt weil Fehler gemacht werden, die sich, hätte man an der entsprechenden Diskussion teilgenommen, nicht notwendig gewesen wären.

    Viele Fragen ergeben sich erst in direkter Interaktion und viele Antworten ergeben auch nur einen Sinn, wenn man ein gemeinsames Vorwissen hat und darauf aufbauen lernt. Oftmals braucht es auch die gemeinsame Diskussion auf Grundlage gemeinsamen Wissens, um für mich als Lehrenden zu verstehen, was relativ leicht nachzuvollziehen ist und wo ich mein eigenes Wissen noch stärker einbringen muss.

    Viele Erkenntnisse ergeben sich erst am Ende eines roten Fadens, und diesen roten Faden kann man innerhalb des strukturierten Prozesses der Universität spinnen und so helfen Menschen an Ziele zu bringen, an die sie auf selbstgewählten Pfaden nur durch Zufall gekommen wären. Deshalb wird es auch zukünftig Universität brauchen, selbst wenn sie sich (glücklicherweise) weiterentwickeln wird.

    PS.: Aber natürlich ist Uni nicht schwarz und weiß, genausowenig wie digitale Kommunikation nicht schwarz oder weiß ist.

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