#Still-Leben #A40

Heute war es soweit. Vielleicht der Höhepunkt der Kulturhauptstadt Ruhr.2010. Vielleicht der Höhepunkt des Sommers 2010. Vielleicht etwas Besonderes.

Ich hatte mich schon in den letzten Tagen extrem auf diese Veranstaltung gefreut. Einfach, weil ich die Dimensionen so überwältigend fand. Da sind 60 Kilometer Autobahn. Da ist das bevölkerungsreichste Bundesland. Da ist der Pott. Der Pott, der auch scheinbar 2010 nicht ohne Klischees auskommt. Und der Pott, der auch eine ganze Menge Power aus diesen Klischees zieht.

Wenn unsere Väter 14 Stunden unter Tage malocht haben, um dieses Land wieder aufzubauen, was können wir dann alles erreichen?

Manchmal glaube ich, dass sich diese Haltung in die Herzen der Menschen zwischen Duisburg und Dortmund gebrannt hat. Dieses kollektive Bewusstsein aus Bier, Kohle, Stahl, Brieftauben, Schrebergärten, Fußball und immer ist hinter der nächsten Ecke ein Büdchen. Das war einmal. Das ist noch immer. Aber ganz anders.

Ich machte mich mit der besten Ehefrau ganz am Ende auf die Strecke. Dortmund Hörde, Märkische Str. Wir flanierten bis etwa zur Ausfahrt Barop. Vorbei an den Westfalenhallen, vorbei an der FH Design, vorbei an unglaublich vielen fröhlichen Menschen. Es war wahnsinnig bewegend zu fühlen, wie jeder einzelne von all den Leuten zu merken schien, dass er an etwas Großem teilnahm. An etwas, das so schnell nicht wiederkommt.

Was ich sehr angenehm empfand, war die Tatsache, dass es keine Kommerzveranstaltung war. Bratwurstbuden, Bierstände und Modeschmuckhändler gab es nicht. Und das war gut. Die längste Tafel der Welt war ein Picknick der Menschen, die hier leben. Da stand der Unterwasser-Rugby-Verein zwischen der persischen Tanzgruppe und der Seniorengruppe der AWO. Da feierte jemand seinen 80. (!) Geburtstag und ein paar hundert Meter weiter jemand anderes seinen 14. Und wirklich alle, alle, alle lachten, tanzten, sangen und spielten.

Ich bin so begeistert von diesem Event, weil es seine Power und seine Lebensfreude aus sich selbst heraus generiert hat. Da waren keine Kulturbeauftragten, die ein multikulturelles Straßenfest organisierten. Keine Gleichstellungsbeauftragten. Keine Referenten, die der Quote wegen noch ein paar Ausdruckstanzgruppen zwischen Kilometer 12 und 13 platzierten. Nö, was da heute passierte, war das, was die Menschen, die hier leben, daraus gemacht haben. Und was sie daraus machten, war wundervoll.

Und natürlich gehörten auch die nörgelnden Rentner dazu, denen es zu voll war, zu warm, deren Anfahrt durch die Masse der Menschen verzögert wurde. Aber auch die sind Teil dieser wunderbaren Landschaft.

Heute haben 3 Millionen Menschen der Welt gezeigt, was möglich ist, wenn man sie machen lässt. Das kann uns so schnell niemand nachmachen. Nicht Berlin, nicht München, nicht Hamburg.

Danke!

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5 Gedanken zu “#Still-Leben #A40

    • Schöner Bericht von dem Still-Leben. Aber ein Höhepunkt der Kulturhauptstadt als KULTUR-Hauptstadt? Da müßten wir vielleicht noch einmal fragen, was wir unter Kultur verstehen?!
      Herzliche Grüße aus OB,
      Matthias

      • Ich glaube, das ist Ruhrkultur, lieber Matthias, und ich bin sehr froh ein Teil gewesen zu sein. Und ich spiele echt übel Gitarre. Und alle fanden es toll, was ich gemacht habe. So ein irres Gefühl.

  1. Sehr schön geschrieben, da kommt viel von der Stimmung rüber!

    Und nach der Lektüre dieses Beitrags bin ich gar nicht mehr so traurig, nicht dort gewesen zu sein.

    Klar, ich liebe das Ruhrgebiet und seine Menschen. Aber ich bin nunmal nicht einer von ihnen. Ich bin Niederrheiner, und wir haben vieles gemeinsam – und sind doch nicht gleich.

    Daher wäre ich, so schön es sicher gewesen wäre, nicht Teil dessen geworden was Du beschreibst. Wie ich Euch Ruhries kenne hättet Ihr es mich nicht spüren lassen, aber ich wäre in der Rolle des faszinierten Beobachters, des Touris verblieben.

    Aber auf der A40 gab es nichts zu sehen, sondern nur etwas zu feiern. Es war Eure Party, und das war gut so!

  2. Hedwig Courths-Mahler hätte es nicht besser beschreiben können. Das bewunderte „kollektive Bewusstsein aus Bier, Kohle, Stahl, Brieftauben, Schrebergärten“ kennen die unter 40-jährigen Teilnehmer allesfalls vom Hören-Sagen! Freiwilliges Picknick auf der Autobahn ist wirklich etwas Großes, Erhabenes, nicht Wiederkehrendes!
    Sie sollten Kommentator bei den Aschener Reiterfestspielen werden.

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