Das Ende der Sommermärchen

Ich habe heute viele Berichte gelesen und gesehen, habe Youtube-Videos betrachtet, Blogkommentare verfolgt und natürlich meine Timeline auf Twitter verfolgt. Die Vorfälle auf der Loveparade hinterlassen mich ein Stück weit ratlos. Weil ich das, was ich gesehen, gelesen und verfolgt habe, nicht einordnen kann.

Natürlich will jeder jetzt im Nachhinein alles besser gewusst haben. Und wenn ich mir diesen Artikel ein paar Tage vor der Veranstaltung ansehe, kann ich selbst auch nicht ganz verstehen, dass diese Veranstaltung überhaupt stattfinden konnte.

Geärgert hat mich die Pressekonferenz der Verantwortlichen heute Mittag. Dass diese Personen aus persönlichem Schutz nicht unbedingt jedes Detail an die Presse weitergeben, ist klar. Dass aber niemand von ihnen die – Entschuldigung – Eier in der Hose hat, die politische Verantwortung dafür zu übernehmen empfinde ich als menschlich absolut erbärmlich. Ein Bürgermeister, der sich so für eine Veranstaltung einsetzt, der fast zynisch sein Sicherheitskonzept verteidigt, der kann doch nicht so einfach weitermachen. Selbst wenn ihn persönlich keinerlei Schuld trifft, steht er doch als erster Bürger einer Stadt in der Verantwortung.

Aber das ist meine Meinung und sie geht von einem menschlich-moralischen Handeln aus. Ich will nicht danach schreien, dass Köpfe rollen. Ein selbstbestimmter Rücktritt hätte noch ein wenig Größe gezeigt. Alles andere nicht.

Wer jetzt wie, wann und wo Fehler begangen hat, wer welchen Zaun nicht öffnete und ob mehr Einsatzkräfte vor Ort hätten sein müssen … das sind Fragen, die ich nicht beantworten kann (und ich glaube diese Fragen konnten die Verantwortlichen heute Mittag auch nicht beantworten.)

Es bleibt die Frage, inwiefern eine Veranstaltung in dieser Größe oder eine solche Masse an Menschen überhaupt gesteuert werden kann. Selbst auf einem freien Feld ist eine Masse von einer Millionen Menschen in ihrem Innern nicht steuer- und erklärbar. Schon gar nicht, wenn Drogen und Alkohol im Spiel sind.

Ich kann das alles noch nicht einordnen. Und vielleicht dient dieser Beitrag in erster Linie mir selbst als Konstrukt, um die Vorfälle besser begreifen zu können.

Ich war nicht vor Ort. Kenne niemanden, der persönlich betroffen ist. Ich mochte die Loveparade noch nie. Einfach, weil mir dort immer zu viele Leute waren. Und ich mag viele Leute auf einem Haufen nicht. Viele Partypeople, viel Alkohol und Drogen … das war für mich immer gleichbedeutend mit sehr viel Dummheit, mit sehr viel Mob. Und das macht mir wirklich Angst.

Ich kann das alles noch nicht einordnen. Aber ich habe ein Gefühl. Ein Gefühl, dass diese Katastrophe sich tief in das kollektive Bewusstsein brennen wird. Dass in Zukunft vieles anders sein wird. Ich habe noch vor ein paar Wochen, im Laufe der WM, mit meiner Liebe darüber diskutiert, dass ich diese ganze Autokorso-WMFeiern und Saufgelage unglaublich aufgesetzt und affektiert fand. Dass man bei einem Vorrundensieg der Deutschen Nationalmannschaft gegen einen irrelevanten Gegner nicht zwei Stunden lang aus Schiebedächern hängend, hupend und gröhlend durch die Stadt fahren muss. Dass es so lange gut geht, bis irgendwann mal ein Unglück passiert. Ich habe das Gefühl, die Zeit der unbeschwerten Sommermärchen ist vorbei.

Ich habe einen Trackback von diesem Blogbeitrag zu dem Statement von Sascha Lobo gesendet. Seine Worte kamen meinen Empfindungen sehr nah. Er hat es mit weniger Worten geschafft, die Unmöglichkeit der Einordnung all der Fakten, Bilder, Statements, Kommentare und Filme zu beschreiben.

Ich habe dafür etwas mehr Raum gebraucht. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer, mein Respekt allen Ersthelfern, meine Gedanken all jenen, die auch versuchen einzuordnen.

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