Der Mainstream macht die Nazis

Seit ein paar Wochen gehen mir eine Menge Gedanken durch meinen kleinen Kopf. Auslöser war einer dieser sich viel zu häufig wiederholenden Nazi-Aufmärsche hier in Dortmund.

Ich halte mich ja selbst für einen zutiefst aufgeklärten, liberalen und durch und durch demokratischen Menschen. Und die Jahre, in denen ich Politikwissenschaft studierte, sind auch nicht spurlos an mir vorübergegangen. Auch wenn mich das politische Tagesgeschäft relativ wenig interessiert, weil ich denke, dass es eh relativ egal ist, ob Angela Merkel dieses Land regiert oder Gerhard Schröder oder Hannelore Kraft oder Edmund Stoiber. Die Parteien sind gefangen in ihren Möglichkeiten … und die Möglichkeiten fallen in Zeiten der Globalisierung sehr bescheiden aus. Trotzdem finde ich es spannend, wie das politische System funktioniert, wie sich Strategien ändern, wenn auf einmal eine Partei mehr ins Spiel kommt, usw.

Rituale

Aber zurück zum Naziaufmarsch-Beispiel. Also da melden sich dann ein paar Hundert finstere Gestalten von zweifelhafter Gesinnung an und wollen der Welt zeigen, dass es sie gibt. Und die Welt (in diesem Fall die Dortmunder Bevölkerung) bricht in Panik aus. Man organisiert Gegendemonstrationen, multikulturelle Straßenfeste, DIE LINKE ruft auf und DIE GRÜNEN rufen auf, die Gewerkschaften sowieso und immer kommen Claudia Roth oder Jürgen Trittin. Die Lokalpresse berichtet schon Wochen vorher und der Slogan Bunt statt Braun wird gebetsmühlenartig wiederholt, damit sich auch der letzte Gymnasiallehrer an dem Tag X idiotensicher behelmt und mit seinen Kindern Leonie und Jonas im Anhänger auf das Fahrrad schwingt, um ein Zeichen zu setzen gegen Intoleranz und Rassismus, ein Zeichen für Verständnis und Toleranz und überhaupt ein Zeichen, dass man nicht untätig zuschaut.

Dann werden Sitzblockaden gestartet, Trillerpfeifen getrillert (seit der WM auch Vuvuzelas), ein wenig auf das harte und ungerechte Vorgehen der Polizei geschimpft. Der harte Kern der Antifa wird irgendwo eingekesselt, ein paar Steine fliegen und mindestens 100 Menschen werden festgenommen. Alles, während irgendwo am anderen Ende der Stadt, nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit diese paar hundert Gestalten sich selbst feiern.

Kontraproduktiv?

Ich frage mich immer, ob dieses fast schon ritualisierte Tamtam nicht total kontraproduktiv wirkt. Und ich frage mich immer, woher diese Angst kommt. Dieser Mangel an Selbstbewusstsein. Als wären diese paar hundert finsteren Gesellen ein ernsthaftes Problem für unsere Gesellschaft. Die kommen in unsere Stadt und wollen uns Angst machen. Und die breite Masse schreckt auf und zeigt, dass sie Angst hat. Eine rational nicht begründbare Angst. Und diese kleine politische Splittergruppe, die in etwa den gleichen Stellenwert hat wie die Partei der bibeltreuen Christen oder die Autofahrerpartei, kann sich richtig groß vorkommen. Immerhin schaffen sie es eine Stadt komplett lahmzulegen.

Spinner gibt es immer

Diese Gesellen gibt es ja nicht erst seit gestern (immerhin hat die NPD im Jahr 1969 (!) nur knapp den Einzug in den Bundestag verpasst) und in den letzten vierzig Jahren ist unser Land wahrlich nicht nach rechts gedriftet. Wieso lernen wir nicht einfach mit dieser kleinen Gruppe von Spinnern zu leben und gehen mit ihr so um, wie man mit kleinen Gruppen von Spinnern halt umgeht? Also hinsehen, Schulter zucken, weitergehen, interessiert mich nicht, find ich doof. Alles andere gibt diesen Menschen doch nur eine Aufmerksamkeit und eine Plattform, die ihner überhaupt nicht würdig ist. Man lässt deren kruden Ideen eine Wichtigkeit zukommen, die sie überhaupt nicht verdienen. Es sind krude Ideen, nicht mehr und nicht weniger. Und Gott sei Dank leben wir in einem Land, in dem auch krude Ideen vertreten werden dürfen. Also lassen wir sie sich doch selbst feiern. Wäre es nicht traumhaft, wenn sich ein paar Hundert Spinner in Dortmund auf irgendeinem dreckigen Parkplatz träfen und keine Sau interessiert sich dafür. Lasst sie doch durch die Straßen laufen. Wäre es nicht ein viel eindrucksvolleres Zeichen, wenn man die Fenster schließen würde, die Vorhänge zuziehen und dadurch signalisieren würde „Ich weiß, dass ihr da seid, aber ich schenke euch nicht einen Funken Beachtung. Denn eure Einstellung ist es gar nicht wert, beachtet zu werden.

Als Gegenargument kommt natürlich jetzt sofort der Vergleich mit DAMALS und „da haben ja auch alle weggesehen“ und so. Bullshit. Die Republik im Jahr 2010 lässt sich nicht mit der Weimarer Republik vergleichen und wie wenig Vertrauen muss man in sich selbst oder in unsere Demokratie haben, um ernsthaft zu glauben, so etwas würde sich auch nur ansatzweise wiederholen können. Es wird sich nicht wiederholen. Auch ohne Demonstrationen wird es sich nicht wiederholen.

Distinktion

Und wenn man dieses Nazidingens mal von der politischen Ebene runter nimmt und es als eine Jugend-Protest-Kultur betrachtet, wird diese Kontraproduktivität doch noch viel deutlicher. Da ist Mäxchen Müller, 16, und der will sich auflehnen. Gegen Eltern, gegen Institutionen, gegen einfach alles. Ist ja erstmal auch nichts Verwerfliches daran. Auflehnung funktioniert aber nur durch Distinktion. Das seid ihr und das bin ich. Und ich bin ganz anders. Jetzt hat Mäxchen Müller aber ein Problem, weil er kaum noch Möglichkeiten hat, sich von der Welt abzugrenzen. Punk fanden schon die Eltern nicht schlecht, auf dem Schulhof gibt es zwanzig Gothics und Emos, die Großeltern würden ein Engagement in der örtlichen Kirchengemeinde sehr wohlwollend betrachten und selbst ein Beitritt zu den Jungen Liberalen würde nur kurz für Verwirrung sorgen. Was soll Mäxchen also machen, um der Gesellschaft ins Gesicht zu spucken?

Er kann völlig bescheuert sein und einen Amoklauf starten und so zum Popstar mutieren. Aber vielleicht findet Mäxchen ja das Leben an sich nicht sooooo schlecht und zögert ein wenig vor dem letalen Ende.

Oder er marschiert in irgendeiner Kameradschaft mit, kommt nach Dortmund, wird von einigen Hundertschaften der Polizei empfangen und von ein paar Tausend Gegendemonstranten ausgepfiffen, ausgetrillert und … yeah!!!! … wahrgenommen.

Aus der Masse raus, um gesehen zu werden

Das mag jetzt alles etwas verkürzt, überspitzt oder auch flapsig formuliert sein, aber ich glaube mein Grundgedanke wird deutlich. Mäxchen ist 16 und muss Tabus brechen. Völlig legitim, völlig normal und auch sehr gesund, was die persönliche Entwicklung eines Menschen betrifft. Aber Mäxchen kann kaum noch Tabus brechen, weil unsere offene Gesellschaft kaum noch Tabus bietet. Und durch diese Hysterie, die diese Ewiggestrigen auslösen, wird es für Mäxchen sehr attraktiv sich dort zu engagieren, denn er bekommt ein Feedback. Ein negatives Feedback zwar, aber immerhin ein Feedback. Und es ist sogar gewaltig. Natürlich wäre es schöner für die Gesellschaft, wenn Mäxchen beispielsweise den Bundeswettbewerb Jugend musiziert für sich entscheiden könnte. Aber für Mäxchen wäre das bei Weitem nicht so attraktiv, denn nach seinem grandiosen Sieg in der Sparte Klaviervirtuosen 15-17 Jahre bestünde das Feedback eben nicht aus 10.000 Gegendemonstranten und auch Claudia Roth würde kaum nach Dortmund kommen, um Mäxchen zu beglückwünschen.

Dieser Eintrag ist schon viel zu lang und deshalb möchte ich mit einem Zitat von Marilyn Manson schließen. Es ist aus Bowling for Columbine. Trotzdem durchaus auch auf mein Szenario anwendbar.

Michael Moore: If you were to talk directly to the kids at Columbine or the people in that community, what would you say to them if they were here right now?

Marilyn Manson: I wouldn’t say a single word to them I would listen to what they have to say, and that’s what no one did.

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2 Gedanken zu “Der Mainstream macht die Nazis

  1. Sobald dreckige Parkplätze im Niemandsland als Demo-Flächen für die Vögel ausgewiesen werden – okay.

    Solange sie vor den Haustüren von normalen Bürgern ihren Retro-Faschokram machen – ist es wichtig dort im Verhältnis 10:1 vor Ort zu sein, um sie lächerlich zu machen.

    Viel schlimmer ist allerdings, dass gestern Pierre Vogel in DO in Eving
    gepredigt hat – und kein Antifa-Schwanz hats interessiert.

    Die Salafisten sind Faschisten. Und müssen auch so behandelt werden.

  2. Mir gefällt der Kommentar von Marilyn Manson. „Zuhören“ im Sinne von „Ursachen erkennen“.
    Fenster dicht ist auch wieder eine Form von „WEGGUCKEN“.
    Demonstrieren geh ich nicht, weil ich mich weder bei den Haudraufs noch bei den Freizeitprotestlern einreihen möchte.
    Vielleicht sollte man Gummibärchen und rote Nelken verteilen. Aber dann würde ich wohl einen vor die Mappe kriegen.
    Wach und immer diskussionsbereit bleiben. Ich kenne aus der Jugendarbeit einige „Rechte“, die ihre Meinung geändert haben, nachdem sie sich irgendwie in der Gesellschaft etabliert haben.

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