Ich bin ein Groupie

 

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann diese Liebe anfing. Waren das schon die Nuller-Jahre? Oder noch die 90er? Ist ja ein Unterschied. Schon alleine assoziativ. 90er Jahre: Hip und cool, alles kann und alles muss vor allen Dingen. Nuller Jahre: Bankensterben, Weltwirtschaftskrise, natürlich der 11. September und selbst Harald Schmidt hatte ein Hängerchen.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann diese Liebe anfing, aber ich weiß noch genau, wie diese Liebe anfing. Fast. Ich zappte mich durchs Fernsehen, wie man sich als junger Mensch eben durch die Kanäle zappt, nämlich wahllos und schnell und gelangweilt. Ich blieb in einer Talkshow hängen. Sie hieß B.trifft. Gastgeberin war die ebenso fleißige wie auch am totalen Erfolg haarscharf vorbeischrammende Bettina Böttinger. Ihre Gäste: Susan Stahnke, deren Hollywoodkarriere bis heute haarscharf an allem vorbeischrammte und ein Jungliterat namens Benjamin von Stuckrad-Barre. Ich fand sein Auftreten sagen wir mal … interessant. Im Laufe der Sendung fiel er Susan Stahnke vor die Füße und ich frage mich bis heute, ob die Zeit der Ironie da schon vorbei war. Der andere legendäre Fernsehauftritt des jungen Schriftstellers war etwa zur gleichen Zeit in der Sendung Zimmer frei mit Christine Westermann und Götz Alsmann. Ich weiß nicht, welche Drogen da im Spiel waren, aber sie verursachten, dass der junge Autor über Tisch und Bänke ging und dies artuntypisch keinesfalls metaphorisch. Man bewarf sich auch mit Essen. Ich glaube es war Grünkohl. Und eine gute Sendung. Er hatte mich angefixt. Ich kaufte Soloalbum. Und dachte diesen unglaublich anmaßenden Gedanken: „Er schreibt das, was ich denke.“ Ich kaufte Livealbum, und Blackbox und Deutsches Theater und Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft. Dazu die Liverecordings. Und noch heute höre ich immer wieder gerne seine Lesungen.

2004 erlebte ich in Dortmund erstmals eine seiner Lesungen. Das war kurz nach A.E., kurz nach Koks und Rausch und Ruhm. Kurz vor Feierabend. Von Stuckrad-Barre war großartig auf der Bühne und seitdem wünsche ich jedem Literaten und Möchtegernliteraten, dass sie so grandios performen können, wie er. Die Lesung damals dauerte über zwei Stunden und bisher hat es noch kein Autor bei mir geschafft, dass ich zwischendurch nicht mal wegsacke und den Aufmerksamkeitsfaden verliere. Nach der Show bat ich ihn um ein Autogramm und ein paar „Glückwünsche“ in mein kleines schwarzes Notizbuch. Das war, wie geschrieben, 2004 und was die literarischen Glückwünsche angeht: Sie haben funktioniert. Was die Schreiberei angeht, konnte ich mich nicht beklagen. Ein paar Preise, ein paar Stipendien, eine Einladung nach Klagenfurt … Ereignisse, für die sich wohl eine ganze Reihe von jungen Nachwuchsautoren einen Arm abhacken würde.

Vor einigen Tagen hatte ich nun Gelegenheit Stuckrad-Barre erneut in Dortmund live zu erleben. Lesung super! Lesungspartner Jörg Thadeusz super! Lesungsspecialguest Lars Ricken super!

Nach der Lesung dann: wieder Büchertisch, wieder das kleine schwarze Buch. Ein netter und gut aufgelegter Benjamin von Stuckrad-Barre unterschrieb wieder in dieses Buch. Wir redeten kurz über seine Glückwünsche und wieso sie für mich so wichtig waren // sind. Und ich habe jeden Moment genossen. Ich hätte mich gerne noch viel länger mit ihm unterhalten, über das Schreiben, die Menschen und wieso ich zum Teufel nochmal neulich sogar von ihm träumte.

Die beste Ehefrau und ich standen dann noch draußen, rauchten und ich habe mir echt gewünscht, dass er sich einfach dazustellen würde und ein paar schlaue Dinge sagen würde. Das passierte leider nicht.

Trotzdem war es ein wundervoller Abend. Großartig. Und so.

 

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Ein Gedanke zu “Ich bin ein Groupie

  1. Der Hochmut des Verehrers, das kenne ich auch. Bei Heinz Rudolf Kunze denke ich immer, „Der singt, was ich denke“. Ich verachte Anke Engelke noch heute dafür, dass Sie Benjamins Herz gebrochen hat. Nur so.

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