Ein rundum gelungener Abend

Die beste Ehefrau und ich sitzen im Auto und beschuldigen einander, zu viel Zeit vertrödelt zu haben (genauer gesagt benutzen wir beide den Ausdruck rumpimmeln). Es ist zwanzig nach sieben, wir sind irgendwo auf dem Weg nach HagenWetterHerdeckeWonochmal, um uns die Buchvorstellung zu Heike Engels autobiografischem Roman „Was du heulst, musst du nicht pinkeln“ anzuschauen. Die soll um halb acht beginnen.

Wo geht es lang? Rechts. Okay. Jetzt sollte gleich irgendwann die Lichtburg kommen. Was bremst der Spasti in dem BMW? Hast du den Opi am Zebrastreifen gesehen? Da ist die Lichtburg. Jetzt nur noch eine Parklücke. Da vorne. Aber du stehst mit einem Rad auf dem Bordstein. Egal.

Es ist 19.28 Uhr, als wir den Bürgersteig betreten, es ist 19.29 Uhr, als wir die Lichtburg betreten und aus mehreren Gründen angenehm überrascht sind.

Erstens: die Lesung beginnt später. Erst um acht. Also Zeit um in Ruhe anzukommen.

Zweitens: die Location ist traumhaft schön – ein altes Kino, Gewölbedecke und viel roter, schwerer Samt.

Drittens: Kaum sind wir im Kinosaal angekommen, werden wir überaus freundlich von der Autorin selbst (die wir nie zuvor gesehen haben, die ich lediglich über die virtuelle Welt von Facebook und Twitter kenne) begrüßt. Das ist toll. Das leitet einen schönen Abend ein.

Neben Heike Engel gibt es einen weiteren Grund, warum wir heute hier sind. Der ist auch virtuell. Erst über Twitter, etwas später dann auch bei Facebook, sind mir die Tweets und geposteten Videolinks des Verlegerehepaars Tobias Wimbauer und Silvia Stolz-Wimbauer sehr ans Herz gewachsen. Ich mochte ziemlich schnell den trockenen Humor der beiden, den Sinn für Ästhetik, die unzähligen Bilder ihrer sieben Katzen und nicht zuletzt die Liebe für schräge Musik.

Jetzt sind die Ehefrau und ich hier im Kino, treffen die beiden und reden und reden und da beginnt auch schon die Lesung:

Heike Engel liest souverän (mir persönlich etwas zu betont, ich mag es lieber etwas indirekter, aber ich mag ja auch das gelangweilte Gesinge von Tocotronic sehr gerne). Meine Bedenken, dass sich beim Thema „Kindheit in den frühen 1960ern“, „häusliche Gewalt“ und „Missbrauch“ das Betroffenheitsklischee zu sehr über das (übrigens zahlreich erschienene) Publikum ausbreitet, werden Gott sei Dank nicht erfüllt. Im Gegenteil: Der Roman hat Witz, die Szenen sind gut ausgearbeitet und Wiebke, die Protagonistin der Geschichte, kommt überzeugend in meinem Kopf an. Engel fühlt sich sichtlich wohl auf der Bühne und strahlt eine Freude aus, die sehr einnehmend ist. Ich fühle mich also rundum gut unterhalten (was ich wirklich, wirklich nur bei sehr wenigen Lesungen habe).

In der Pause rauchen wir vor dem Kino (eigentlich ist es hinter dem Kino), reden wieder ein wenig mit den Wimbauers und kaufen den unglaublich wundervollen Bildband „Tief im Westen – Das Ruhrgebiet zwischen 1950 und 1969“  aus dem Klartext-Verlag. In dem Buch: Bilder, die mich an meine Kindheit erinnern, an die Fotos in den Kisten und Alben der Großeltern und Onkel, an eine Zeit, die zu einem Klischee wurde, von dem das Ruhrgebiet aber noch immer zehrt. Kohle, Zechen, Brieftauben, Zechensiedlungshinterhöfe, Gärten mit faltigen alten Männern, Unter-Tage-Romantik.

Der zweite Teil der Lesung ist wieder unterhaltsam, wieder mit einer Prise bissigem Humor versehen und wieder laufen Filme in meinem Kopf ab. Das Buch ist lesenswert, keine Frage. Und ihr solltet es euch alle, alle kaufen. Die Autorin hat es sich verdient. Und der Eisenhut Verlag der Wimbauers natürlich auch.

Nach der Lesung, wieder Gespräche, viel zu kurz, einen Handtaschenvergleich zweier Ehefrauen, noch ein Kalender (ebenfalls mit Motiven aus dem Kohlenpott der 1950er Jahre) und dann Heimfahrt.

Wir müssen noch zur Tankstelle. Du hast vorhin viel mehr rumgepimmelt. Ein schönes Buch. Ja. Und eine tolle Lesung. Wir sollten häufiger mal wieder unter Menschen. Schön wars. Find ich auch. Der Kalender ist toll.

Alles in allem ein rundum gelungener Abend, an dem die virtuelle Welt kurz real wurde.

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