Neues aus dem Backkatalog: Echolot [2006]

Um mal wieder ein wenig literarischer zu sein, stelle ich einen alten Text ins Blog. Er heißt Echolot, ist von 2006 und ich habe ihn eine Zeit lang ziemlich häufig auf Lesungen vorgetragen. Ich mag ihn trotzdem immer noch recht gerne. Wer nicht lesen möchte, kann sich hier auch einen Videomitschnitt ansehen, der im letzten Jahr auf dem Kulturgut Nottbeck angefertigt wurde. Kommentare sind wie immer sehr willkommen. Da freut sich dann der Autor.

Enjoy!

Echolot

Die schwarze Vinylscheibe aus der weißen Papierhülle nehmen. Oder die schwarze Schellackscheibe aus der weißen Papierhülle nehmen. Die weiße Papierhülle beiseite legen [vergessen], sie ist nicht wichtig. Die schwarze Scheibe auf den Plattenteller legen ist wichtig. Den Tonarm kurz nach rechts drücken ist wichtig. Damit der Motor startet. Damit die Platte eine Geschwindigkeit von 33 rounds per minute bekommt [oder 45 rounds per minute oder 78 rounds per minute]. Damit der Tonarm eine Bahn bekommt, auf der er sich spiralförmig um ein Zentrum drehen kann. Ein Zentrum, das schweigt.

Wie klingt die Vergangenheit? fragt Solveig. Alles klingt anders, sagt Kolja, oder alles klingt immer gleich und wir hören anders.

Die ersten zwei, drei Umdrehungen. Das Knistern ist nicht gewollt, aber da. Je älter die Platten sind, desto stärker knistern sie. Da nutzt sich etwas ab. Das Knistern ist Hintergrund, die Musik ist  Vordergrund. Mit dem Hintergrund beginnt immer alles.

Koljas Großvater ist 15, als er sich die erste Schallplatte kauft. Die Tonspur hat da schon Kratzer, die Welt ist da schon zerstört. Die Platte ist sechs Jahre alt. Das Knistern und Rauschen im Hintergrund, weil die Welt sich abzunutzen scheint.
Die erste Platte des Großvaters ist von Lale Andersen. Um die schweigende Mitte dreht sich das Elekrola-Emblem. Die Tonabnahmemöglichkeiten sind noch beschränkt, die Nadel hinterlässt bei jedem Durchlauf ein Knistern auf der Tonspur. Der Krieg ist laut und hinterlässt mit jeder Offensive, mit jeder Frontbewegung ein Knistern in der Welt.

Wir müssen hinter das Rauschen hören, sage ich. Hinter dem Rauschen liegen die Geschichten. Im Rauschen sind alle Frequenzen vorhanden, sagt Kolja. Aus jedem Rauschen kann man jede Frequenz filtern.

Wir müssten alle Platten auf einmal hören. Dann könnten wir alle Geschichten auf einmal hören.

Die zweite Platte des Großvaters nur ein paar Wochen später [not stars on 45 but stars of 44]. Das Horst-Wessel-Lied. Man kann die Fenster öffnen und es auf der Straße hören, man kann die Fenster schließen und es von der Schallplatte hören [Geschwindigkeit der Platte 78 rounds per minute // Geschwindigkeit der Welt 0,000694 rounds per minute]. Das Knistern im Zimmer, das Rauschen vor dem Fenster. Koljas Großvater mag den Klang von Hitlers Stimme und er hasst die lärmende Welt, die den Klang des Führers verfälscht [Frage: Wie klingt der Führer ohne Fliegeralarm, ohne tönende Wochenschau, ohne Störsenderfrequenzen?]. Wie klingt der Führer in der irrealen rauschfreien Welt des Friedens? Koljas Großvater träumt nachts oft vom Frieden und von Hitler. Seine Träume klingen gut.

Acht Hände auf den Schallplattenstapeln, Zeige- und Mittelfinger blättern Platte für Platte vorwärts. Nach welchen Kriterien suchen sie sich ihren Weg durch den Stapel?

Die Cover sind das wichtigste, sagt Joerg. Die Bilder sagen unseren Augen, was die Ohren hören wollen [sollen]. Wenn man die Augen schließt, dann entscheidet das Herz, was die Ohren hören wollen, sagt Solveig. Und Joerg: Auch wenn wir die Augen schließen, bleiben die Bilder auf der Netzhaut.

Vier Menschen schließen die Augen, acht Netzhäute lassen Bilder frei, sechzehn Zeige- und Mittelfinger      blättern durch Schallplattenstapel. Solveig ruft: Stopp! Sechzehn Zeige- und Mittelfinger stoppen, acht Augen öffnen sich, vier Hände ziehen vier Schallplatten aus den Stapeln.

Zwei Hände erheben sich im Frühjahr 1945 irgendwo in der Nähe von Berlin, irgendwo an der Heimatfront, irgendwo im kühlen Volkssturm der letzten Kriegstage. Sie halten ein weißes Bettlaken hoch [weiß ist unwichtig // weiß ist Vergessen]. Der Führer ist tot, der Krieg ist verloren. Für Großvater ist die Welt verloren. Die Stimme des Führers bleibt in seinem Kopf. Er redet in den folgenden Tagen, Wochen, Monaten, Jahren wenig über Hitler. Hitler ist die weiße Papierhülle [white label]. Seine Schallplatten darf Großvater behalten [Hans Albers has a clean record // Zarah Leander has a clean record // Elisabeth Schwarzkopf has a clean record]. Einige versteckt er auf dem Dachboden [black press // Goebbels Sportpalastrede]. Der Krieg war [ist] Schall und Rauch. Der Krieg war die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln. Der Krieg war laut. In Großvaters Kopf hallt das Echo nach. Das Echo legt sich über das Hintergrundrauschen, legt sich über das Knistern, über das Vordergrundrauschen, über jeden Gedanken. Das Echo wird zur Schallquelle. Das Echo produziert ein Echo. Das erste Echo als erste Ableitung der Wirklichkeit. Das zweite Echo als zweite Ableitung der Wirklichkeit. Welche Frequenzen haben sich verändert? An welchen Punkten verschwimmt der Klang der Wirklichkeiten, wenn man sie übereinander legt?

Die Cover der Fünfziger haben Stil, sagt Joerg. Sie sind klassisch schön. Dein Opa war ein Nazi, sage ich zu Kolja. Mein Opa war Ästhet, antwortet er. Ich als Ästhet, beginnt Solveig. Dann schweigt sie.

Welche der vier Platten soll sich als nächstes drehen? Wo ist das Hintergrundrauschen am deutlichsten zu hören? Wo ist das Vordergrundrauschen am deutlichsten zu hören? Wo ist das Knistern der Vorlaufrille am deutlichsten zu hören?

Was ist mit der Musik? fragt Solveig. Was ist mit den Covern? fragt Joerg. Was sagen unsere Herzen? frage ich. Kolja schweigt, zieht eine schwarze Vinylscheibe oder eine schwarze Schellackscheibe aus einer weißen Papierhülle, wendet sie einige Male zwischen seinen Zeigefingern [A-Seite // B-Seite // A-Seite // B-Seite]. Solveig ruft: Stopp! [B-Seite]. Mit 33 rounds per minute beginnt das Knistern.

1950 beginnt das Ende des Schwarz-Weiß-Films. Das Schwarzwaldmädel ist die erste Farbfilmproduktion der Nachkriegszeit [Rudolf Prack has a clean record // Paul Hörbiger has a clean record]. Koljas Großvater sieht den Film zusammen mit Gerlinde. Koljas Vater ist noch nicht geboren [nicht gewollt], aber schon da. Gerlindes rechte Hand auf ihrem Bauch in einem abgedunkelten Kinosaal, Gerlindes linke Hand in Großvaters rechter Hand in einem abgedunkeltem Kinosaal [Frage: Wird die Vergangenheit ab 1950 // ab dem ersten Farbfilm der Nachkriegszeit // ab dem Schwarzwaldmädel also // ab gedunkelt?]. Ist die Vergangenheit da noch schwarz-weiß? Ist die Vergangenheit da schon nachkoloriert [natürlich Technicolor // natürlich nicht mehr Agfacolor]?

Ein paar Tage später kauft Großvater die Schallplatte mit der Musik zum Film [Polydor]. Er wendet sie zwischen den Fingern [A-Seite // B-Seite // Junge // Mädchen]. Auf dem Dachboden schweigen weitere Platten, schweigt eine Uniform der Hitlerjugend. In der Wohnung unter dem Dachboden schweigt Großvater, wenn es um die Vergangenheit geht [unwichtig // vergessen // weiß // unschuldig].

Wir müssten die Platten chronologisch ordnen, sage ich, dann wüssten wir, wer Koljas Großvater war. Ein Leben chronologisch zu ordnen ist langweilig, sagt Kolja. Mit welcher Geschwindigkeit läuft die beste A-Seite im Leben des Großvaters? fragt Solveig. Joerg schweigt. Wir müssten weitere Löcher in die Platten bohren, sagt Solveig, dann könnten wir hören, wie sich die Vergangenheit ausdehnt und zusammenzieht. Das gab es schon, erwidere ich. Ein paar Endlosrillen auf jeder Seite, mehrere nicht mittig gebohrte Löcher und der Hinweis „playable at any speed“ [this is independent // this is industrial music for industrial people]. Wir müssten die Platten rückwärts abspielen und die Vergangenheit auf links drehen, dann hörten wir wirklich hinter das Rauschen.

Das nächste Schwarz, das nächste Rund. Zeit. Sprung. Die frühen 80er [vielleicht]. Oder die späten 70er [vielleicht]. Wo ist Koljas Großvater zu diesem Zeitpunkt? Wo sind wir alle zu diesem Zeitpunkt?

In den frühen 80ern wird Kolja geboren und in den frühen 80ern beginnt das Ende von Gerlinde. Der Krebs ist noch nicht erkannt, aber schon da. Ihre Lungenflügel sind schwarz [Vinyl // Schellack // Ruß // Schellack besteht aus Ruß]. Auf dem ausgebauten Dachboden über Gerlinde sitzt Großvater zwischen einigen tausend Schallplatten [nicht chronologisch geordnet // nicht alphabetisch geordnet // nach Themenblöcken geordnet]. Der Dachboden ist eine Zeitmaschine. Das Ziel des Großvaters: die Vergangenheit. Das Ziel von Kolja, Solveig, Joerg und mir: die Vergangenheit, jetzt. Der Dachboden ist der gleiche. Was hören wir noch von damals? Was hörte Großvater damals von damals? Hat das Knistern der Vorlaufrille sich verändert? Wie klang die Zukunft in den frühen 80ern auf diesem Dachboden für Großvater? [und unter diesem Dachboden für Gerlinde?] Wie klingt die Gegenwart für uns auf diesem Dachboden?

Mit welcher Geschwindigkeit lebt Gerlinde kurz vor ihrem Tod [33 rounds per minute // 45 rounds per minute // 78 rounds per minute]? Eine Schallplatte hat bis zu ihrem Ende eine konstante Geschwindigkeit, sagt Joerg [Toleranzen sind vernachlässigbar]. Je näher der Tonarm zur Mitte kommt, desto kürzer wird die Strecke, die er zurücklegt. Eigentlich müssten wir es hören können, aber wir sollen es nicht hören, sagt Kolja. Zwischen dem Knistern der Nachlaufrille und dem Knistern der Vorlaufrille stoppt der Motor [0 rounds per minute]. Ist das schon [noch] der Anfang? Ist das noch [schon] das Ende?

Gerlinde stirbt in den späten 80ern [wichtig]. Ein paar Wochen nach ihrem Tod beginnt das Ende der DDR [unwichtig]. Ein paar Wochen vor ihrem Tod hat das Ende der Schallplatte schon längst begonnen [wichtig]. In den späten 80ern dreht sich alles schneller [200 bis 500 rounds per minute geben den Takt vor]. Großvater verbringt mehr und mehr Zeit auf dem Dachboden. Er starrt auf seine Platten oder er starrt auf etwas hinter seinen Platten. [0,000694 rounds per minute brauchen einen Fixpunkt].

Die letzte Schallplatte, die er sich kauft, ist eine Zusammenstellung von Zarah Leander [clean record]. Wenn er das Cover betrachtet, weint er manchmal. Wenn er Lili Marlen hört, weint er manchmal. Warum er das tut, weiß er nicht. 3148 Schallplatten zählt er in den Regalen [playable at different speed], 3148 schwarze Scheiben, 3148 weiße Papierhüllen, 3148 Cover [bemerkenswert // keine Doppelalben // keine Triplealben]. Hinter den Regalen, hinter der Weichholzverkleidung ist ein Stückchen Vergangenheit verkantet. 3157 Schallplatten zählt Großvater in den Regalen und hinter den Regalen. Die Differenz zwischen dem, was er sieht, und dem, was er weiß, ist ein Stückchen Schwarz. Die Differenz ist das Hintergrundrauschen hinter den Regalen [mit welcher Geschwindigkeit rauscht es hinter den Regalen?].

Im Winter 2001 stirbt Großvater auf dem Dachboden [die Todesanzeige spricht ein paar Tage später von „plötzlich und unerwartet“]. Das letzte, was seine Augen sehen, ist ein Regal mit Schallplatten, das letzte, was seine Ohren hören, ist das Knistern zwischen zwei Liedern [das letzte Geräusch in seinem Kopf // Rauschen]. Sein Blutkreislauf: 0 rounds per minute.
Wenigstens zwölf Jahre gut gelebt, soll Göring bei seiner Verhaftung gesagt haben [Göring war ein Ästhet]. Großvaters letzter Gedanke: Wie sieht meine Rechnung aus? Sein Ergebnis

[verschwindet im Hintergrundrauschen]. Elf Minuten später, drei Lieder später, keinen Herzschlag später fährt der Tonarm in seine ursprüngliche Position zurück. Was jetzt noch [schon] da ist: das Echo als Teil des Hintergrundrauschens; oder besser: das Echo als Teil des Untergrundrauschens.

Mit welcher Geschwindigkeit bewegt sich ein paar Tage später der Trauerzug über den verschneiten Friedhof [white label]? Der knirschende Neuschnee unter den Füßen als Teil der Nachlaufrille, knisternde Hustenbonbonpapierchen in der Trauerhalle als Teil der Nachlaufrille, die Familie als schweigende Mitte, um die sich irgendetwas dreht.

Kolja ist 14, als er sich die erste Schallplatte auf dem Trödelmarkt kauft [vernachlässigbar: die geschenkten Märchenplatten seiner Kindheit // die gekauften LPs seiner Eltern // die gesammelten Schallplatten seines Großvaters auf dessen Dachboden].  Das Knistern der Schallplatte ist erwünscht, weil es einen Teil der Welt übertönt. Das Knistern der knapp 40 Jahre alten Schallplatte gehört dazu [das Knistern ist authentisch].

Joerg ist 14, als er zu Kolja sagt: Der neueste und letzte Schrei sind digitale Schallplattenspieler. Da gibt es keine Nadeln mehr. Die Schallrille wird mit Hilfe eines Lasers abgetastet. Allerdings müssen die Platten sauber sein, sonst kommt es zu Lesefehlern und man hört nicht das, was man hören soll [who has a clean record?].

Solveig sagt, als sie 14 ist, saubere Schallplatten sind eine Illusion [who has a clean record?]. Ich antworte ihr: Vielleicht ist der Dreck, vielleicht ist das Knistern, vielleicht sind die Lesefehler ein Echo, das wir hören müssen [who has a clean record at all?]. Vielleicht hinterlässt die Nadel bei jedem Durchlauf eine Nachricht für uns auf der Schallrille. Und Joerg dann: Wo bleiben unsere Echos, wenn es nur noch CDs gibt?

Jetzt blickt Kolja auf die herausgerissenen Weichholzbretter, blickt auf den freiliegenden Hohlraum, jetzt blickt er in ein Rauschen. Wie klingt die Erinnerung an deinen Großvater jetzt? fragt Solveig. Wie klang die weichholzverkleidete Erinnerung an deinen Großvater vor zwei Wochen? fragt Joerg. Alles klingt immer gleich und wir hören anders, antwortet er.

Welche Platte sollen wir jetzt auflegen? fragt Solveig. Sollen wir überhaupt noch etwas hören? fragt Joerg. Haben wir nicht schon alles gehört, sagt Kolja.

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