Schoßgebete von Charlotte Roche: meine Leseeindrücke

Vor ein paar Wochen, direkt am Veröffentlichungstag, kaufte ich das neue Buch Schoßgebete von Charlotte Roche. Dies tat ich mit großer Vorfreude, denn ich mag Charlotte Roche sehr und fand ihren schwer diskutierten Roman Feuchtgebiete seinerzeit sehr lesenswert.

Über das neue Buch wurde im Vorfeld viel geschrieben; Die PR-Abteilung von Piper hat ganze Arbeit geleistet, der Stern lobte Schoßgebete in den Himmel und – ähnlich, wie seinerzeit bei den Feuchtgebieten – wird scheinbar an jeder Ecke über das Buch diskutiert.

Mich hat es etwas enttäuscht. Die Story fängt stark an und bis etwa Seite 70 (von knapp 300) war ich recht begeistert. Da las ich zwischen den Zeilen die Stimme einer Generation. Und zwar meiner. Menschen, irgendwo zwischen 30 und 40, irgendwie verunsichert und nirgendwo angekommen. Aufgerieben zwischen den unterschiedlichsten Ansprüchen nach Perfektion. Wir wollen oder müssen immer perfekt sein: perfekte Eltern, perfekte Kinder, perfekte Liebhaber, perfekte Umweltschützer, perfekte Verbraucher und und und.

Das funktioniert alles recht gut und schlüssig. Der Mittelteil hat mir die das Buch dann allerdings ziemlich verhagelt. Über die folgenden 60, 70, 80 Seiten zelebriert Roche den tödlichen Autounfall der 1 zu 1,01 auch in ihrer eigenen Biographie vorkommt. Ihr kennt es aus den Medien: Auf dem Weg zur Hochzeit … drei Brüder tot … das Hochzeitskleid im Auto … die unerträgliche Berichterstattung in den Medien. All das wird über den kompletten Mittelteil bis ins allerkleinste Detail durchexerziert. Das ist mir unsympathisch. Das ist mir unsympathisch, weil ich mich als Leser von Roche missbraucht vorkomme. Und dabei bin ich wirklich ein ausgesprochen gutmütiger Leser. Ich ertrage die Langeweile von Bret Easton Ellis‚ Romanen, weil ich eine (literarische) Funktion erkennen kann. Ich kämpfe mich durch Sprachmonster von Samuel Beckett, weil ich das Ende der Sprache erkennen kann. Ich lese Jörg Albrechts Romane, weil ich die Vielfalt von Stimmen und Perspektiven erkennen kann. Ich möchte als Leser aber nicht als Therapiemülleimer benutzt werden. Als Gegenüber, dem man einfach alles erzählt. Natürlich ist diese Tragödie ein wichtiges Thema; sowohl im Buch, als auch im Leben der Autorin. Aber es ist mir persönlich zu dominant und zu wenig in die Geschichte eingebunden.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Medienschelte, die Roche betreibt. Die Hasstiraden auf die Druck-Zeitung (welch doofes Synonym), die Rache- und Mordgedanken, die Roches Protagonistin an Redakteure, Journalisten und Herausgeber verschwendet, sind mir zu billig. Roche ist doch als Medienmensch selbst Teil dieses Systems (und dieses System hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass ihre Feuchtgebiete über 1.000.000 Mal verkauft wurden). Sie weiß, wie dieses System funktioniert und wie man dieses System nutzt. Jetzt einfach draufkloppen ist menschlich verständlich, literarisch aber schwach.

Gegen Ende wird das Buch wieder etwas besser. Aber da war meine Stimmung schon so genervt, dass ich es eher als Pflichtübung durchlas.

Schade Charlotte, ich mag dich sehr, aber die Schoßgebete sind nicht viel mehr als ein Betroffenheitsbuch, wie sie zu Hunderten in einschlägigen Verlagen oder bei Bod zu finden sind. Ein paar kluge Gedanken blitzen auf, werden aber von diesem subjektiven Gejammer überlagert.

Schade.

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Ein Gedanke zu “Schoßgebete von Charlotte Roche: meine Leseeindrücke

  1. Oh je! Hört sich ja nicht so gut an – „menschlich verständlich, literarisch aber schwach“. Ich glaub ich lasses – menschlich verständlich hab ich schon so viel im wirklichen Leben!

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