Der Klang der Welt

Ich hörte neulich ein Album meiner Lieblingsband. Diese Lieblingsband hat im Laufe ihrer inzwischen 30-jährigen Bandgeschichte unzählige Alben veröffentlicht. Vielleicht 40, eher 50, wahrscheinlich noch mehr. Jene Platte neulich mag nicht viel mehr sein als eine Spielerei, aber irgendwie hat sie mir – obwohl ich sie schon zigfach spielte – ein Aha-Erlebnis beschert.

Das Album heißt „The great in the small“ und es ist deshalb eine Spielerei, weil der Kopf der Band einfach mal alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Stücke übereinander gemischt hat.

Herausgekommen ist eine rund einstündige Soundcollage, die für ungeübte Ohren vielleicht wie Krach klingen mag. Da dröhnt eine Vielzahl von Stimmen aus den Boxen, Männer-, Frauen-, Kinderstimmen, eine Vielzahl von Instrumenten und Klängen. Manchmal legt sich etwas Gesang in den Vordergrund, manchmal etwas Kirchengeläut oder eine Gitarre. Das meiste verschwimmt zu einer Wall of Sound. Fast wellenförmig schwillt etwas an und bricht Momente später wieder in sich zusammen. Man kann in diesem Klanggewitter alles finden. Oder nichts. Es ist schrecklich. Es ist wunderbar.

Das Aha-Erlebnis hatte ich deshalb, weil mir beim Hören klar wurde, dass dieses Album eine sehr schöne Metapher für das ist, was mich umgibt. Man mag es den Alltag nennen oder das Leben. Aber so ungefähr hört sich das an – die Welt außerhalb meines Kopfes.

Autos fahren, Kinder schreien, Menschen unterhalten sich, ein Martinshorn schrillt vorbei, Türen werden geknallt, Musikfetzen wabern an mir vorbei, der Hund gegenüber bellt, Vögel zwitschern, Skateboards klacken über den Asphalt, der Nachbar lässt sein ferngesteuertes Modellauto mit Benzinmotor die Straße rauf und runter fahren, wieder Kinder, Bässe pumpen aus einem anderen Auto, Kirchenglocken läuten, die Waschmaschine läuft und der Fernseher läuft und die Spülmaschine läuft, der Kaffeevollautomat mahlt einen Espresso, in der Pfanne zischt es, die Türklinken quietschen, klackklackklack macht die Tastatur des Laptops, eine Flasche fällt in der Wohnung über mir auf den Boden, Handyklingeltöne, Menschen lachen, U-Bahn-Durchsagen, das blecherne Scheppern von Musik aus Mobiltelefonen, der Kater miaut, Wasser rauscht in der Klospülung, in der Leitung, der Abfluss gluckert und alles alles alles macht ein Geräusch.

Übereinander und zeitgleich.

So klingt die Welt, in der ich mich bewege.

So unangenehm und anstrengend das im Alltag sein mag – als Soundcollage über den Kopfhörer funktioniert das wunderbar. Ich kann die Augen schließen, eintauchen in das Viele, Teil werden und abschalten, aufgehen, mich verlieren. Das stresst mich nicht, es hüllt mich ein. In all dem Sound finde ich hinter meinen Augen die Stille.

Die echte Welt klingt anders. Die echte Welt ist zu viel. Von allem. Die echte Welt ist laut. Die echte Welt lässt mich verloren fühlen. Manchmal.

Die echte Welt hat keine Stille. Keine Ruhe. Keine Pause.

Ich hätte gerne ein Video eingebunden. Leider gibt es dieses Album nicht auf youtube.

Um euch aber nicht völlig ratlos zurückzulassen, gibt es ein anderes Stück der selben Band.

Eines, das mir auch immer wieder Stille schenkt.

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