Es wird Herbst

Es wird Herbst, ganz eindeutig. Die Tage werden kürzer, die Abende kühler und die ersten Wehklagen über Spekulatius und Printen im Supermarkt schallen durch die Kehlen der Mainstream-Menschen.

Denn so viel ist sicher: Ab Ende August wird sich aufgeregt! Über Printen und Domino-Steine und die bösen Warenhausketten, die uns dieses Zeug schon Monate vor der Adventszeit anzubieten wagen.

Es scheint so, als würde sich wirklich jeder darüber ereifern. Und niemand das Zeug kaufen. Was ich aber nicht so ganz glauben mag, denn erstens spricht überhaupt gar nichts gegen eine saftige Printe an einem bewölkten Septembernachmittag und zweitens würden die Strategen in den Supermärkten all die Leckereien wieder ganz schnell ins Lager rollen, wenn es keine Kunden gäbe, die zugriffen.

Aber die Ware wird angeboten, sie wird gekauft und – wie immer in Deutschland – will es niemand gewesen sein. Kennt man ja. Von Pornos, vom Mai 45, von der verkauften Auflage der Bild-Zeitung, von den abgegebenen FDP-Stimmen. Wobei es bei der FDP ja wirklich kaum jemand gewesen ist, der sie noch gewählt hat. Ich könnte schwören, dass es mehr Dominostein-Käufer-im-September als FDP-Wähler gibt.

Es wird also Herbst. Ich mag diese Jahreszeit nicht sonderlich. Die ersten ein, zwei Tage nach einem langen heißen Sommer, an denen es spürbar kühler wird, sind okay. Anschließend ist es aber eher so buäh.

Es mag Menschen geben, die den Herbst klasse finden. Frauen meist. So Brigitte– oder Schöner-Wohnen– oder Landlust-Frauen. Die reden dann von heißem Kakao unter Wolldecken, von guten Büchern auf dem Sofa, von Kaminfeuern und raschelndem Laub.

Mit der Realität hat diese Sehnsuchtsvorstellung aber recht wenig zu tun.

Zumindest mit meiner nicht: Man geht im Dunkeln aus dem Haus, wird nass, weil es regnet, kommt im Dunkeln aus dem Büro, wird nass, weil es regnet, sprintet in den Supermarkt. Beim Verräumen des Einkaufs auf dem Parkplatz wird man nass, weil es regnet, und frieren tut man auch so langsam. Auf dem Weg nach Hause beschlägt ständig die Windschutzscheibe, weil man ja komplett nass ist. Zwei, drei Radfahrer, die man im Dunkeln einfach nicht sieht, entgehen nur knapp der Konfrontation mit der Motorhaube. Die Einkäufe werden ins Haus getragen, mindestens zweite Etage Altbau, und man wundert sich, warum es auf einmal nicht mehr regnet. In der eigenen Wohnung angekommen ist es bitterkalt, weil man vergessen hat, das Fenster im Bad zu schließen, und nach zehn Minuten entdeckt man dann auf dem Laminat die Fußabdrücke, die die nassen Schuhe hinterlassen haben. Wischen, ärgern, nichts sonst.

Da man keinen Kamin hat und weil man auf den heißen Kakao laktoseintolerant reagiert, trinkt man ein paar Kronen Pils aus der Flasche oder Dose, frisst ein Paket Dominosteine und zappt durch Stern TV, Exklusiv-Die Reportage und das Nachtjournal. Man nickt auf dem Sofa ein, zitternd vor Kälte, weil die Wolldecken immer noch im Keller sind, wandert ins Bett, schläft, steht auf, zittert vor Kälte, immer noch, schon wieder egal, draußen ist es dunkel, immer noch, schon wieder, egal. Man geht im Dunkeln aus dem Haus und wird nass, weil es regnet.

Schon wieder.

Das ist Herbst.

Ich mag ihn nicht besonders.

Aber Printen.

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2 Gedanken zu “Es wird Herbst

  1. Recht hat er. zu den Herbst-Frauen (nicht umsonst gibt es den Altweiber-Sommer): Ich vermute, wenn all die ungeliebten Alleinstehenden nebst Katze und Hedwig Courts-Mahler am Kamin (wahlweise Zentralheizung, immer aber jenseits der erträglichen Wärme) sitzen, fühlen sie sich nicht mehr so elend, wie sommers, wenn überall glückliche Paare die traute Zweisamkeit heuchelnd zur Schau stellen.

    Und ich werde trotz allem auf die Spätsommer-Printen schimpfen (egal ob im Blog oder in Print(en)-Medien. Da ich mir das Zeug innerst 2 Wochen überfressen habe, fange ich am 2. Advent an. Dann kommt die Übelkeit erst mit dem Geschenke-Umtausch-Stress. Das paßt dann besser.

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