Warum es mich ärgert, dass ich das Kindle Fire nicht benötige.

Was braucht man in diesem Leben?

In letzter Zeit denke ich häufig darüber nach, was man eigentlich so alles braucht. Im Leben. Und zum Leben. Wo liegt die Wahrheit zwischen den Polen „zwei-neue-Jeans-pro-Monat“ und dem verschlissenen Teil, das man seit Jahren trägt und das die besten Zeiten schon lange, lange hinter sich hat? Wann braucht man ein neues Handy? Wenn das alte kaputt ist? Wenn ein neues Modell rauskommt? Wenn man sich von wemauchimmer technisch überholt fühlt? Wo liegt der goldene Mittelweg zwischen Nachhaltigkeit, Sparsamkeit, Vernunft auf der einen, und „sich selbst etwas gönnen“, Spaß und Belohnung auf der anderen Seite? Und gönnt man sich wirklich selbst etwas, wenn man als sich das iPhone5 vorbestellt? Das Samsung Galaxy S3 kauft, obwohl man doch vor einem halben Jahr erst das HTC One X geordert hat?

Ich weiß es nicht.

We’ll slide down the surface of Maslowian Hierarchy of Needs.

Man braucht ein Paar Schuhe, man braucht eine Hose, eine Jacke, einen Pullover. Ein T-Shirt vielleicht. Unterwäsche. Etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf. Liebe braucht man. Soziale Kontakte auch. Vielleicht ein Auto. Wir leben ja nicht mehr in der Steinzeit.

Aber sonst?

Ich will jetzt überhaupt nicht einer dieser Mahner sein, die kein Fleisch essen, die den Hunger in Somalia beweinen und für die die ganze Welt aus Katastrophen zu bestehen scheint: Klimawandel, Kinderarbeit, Kriege, Gentechnik und Globalisierung. Nein, mahnen liegt mir fern, ich frage mich nur, was man denn nun wirklich braucht. Schließlich spiele ich ja auch in diesem Spiel mit. Wie wir alle mitspielen. Ich spüre auch diesen Reflex, neue Sachen kaufen zu wollen. Immer wieder. Ohne dass ein echter Bedarf vorliegt.

Bewusst geworden ist mir das erst neulich wieder: Das neue, tolle Amazon Kindle Fire wurde vorgestellt. „Jetzt endlich auch in Deutschland zu haben.“ Ich war total angefixed, schaute mir alles ganz genau an, stellte fest, dass es ein tolles Gerät ist, aber dass ich wirklich null Bedarf dafür habe. Ich brauche kein Tablet, weder von Apple noch von Samsung oder Amazon. Das krasseste an der Sache war: Ich war enttäuscht, dass ich es nicht brauchte. Wie verschroben ist das denn bitteschön? Die Werbung will mir etwas verkaufen und ich entschuldige mich mental dafür, dass ich das Produkt nicht brauche.

Wieso glauben wir immer, dass wir uns verbessern, wenn wir einen neuen Laptop, ein neues Handy oder ein neues Auto kaufen? Als könnten wir so unsere Persönlichkeit aufwerten. Was natürlich totaler Quatsch ist. Wer im Jahr 2012 noch mit einem Nokia 3210 telefoniert, ist nicht besser oder schlechter, als derjenige, der das neue iPhone 5 benutzt. Beide können wunderbare Menschen sein oder totale Vollidioten. Und – auch wenn ich nichts unterstellen möchte – ich habe die Vermutung, dass es mehr Vollidioten mit iPhone 5 gibt.

Aber immerzu bekommen wir gezeigt, dass alles besser wird, mit neuen, anderen, optimierten und teureren Dingen. Werbespots, Plakate, Zeitschriftencover, Artikel in Zeitschriften, Artikel im Netz. Alle zeigen Vorbilder, denen wir versuchen nachzueifern.

Was wir dabei vergessen, ist der Mensch hinter all dem neuen, scheinbar wichtigen Kram. Kleider machen Leute, sagt ein ziemlich altes Sprichwort. Wieso ist das immer noch so? In allem wollen wir uns verbessern: größere Fernseher, mehr PS im Auto, schnelleres Internet, schickere Klamotten. Aber ein Sprichwort, das auf den Titel einer 140 Jahre alten Novelle zurückgeht, nehmen wir als unveränderlich an. Leute machen Leute, sollte es heißen. Oder: Fähigkeiten machen Leute. Das wäre dann wirklich eine Verbesserung. Und kosten würde sie auch nix.

Keine Sorge, ich werde mich nicht zu einem digitalen Öff Öff entwickeln. Mein Wunschzettel ist lang genug. Auch ein neues Handy steht da drauf, ein neuer Laptop und eine digitale Spiegelreflexkamera. Das mag jetzt vielleicht widersprüchlich klingen, aber darum geht es ja letztendlich. Um die Suche nach dem Mittelweg.

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Ein Gedanke zu “Warum es mich ärgert, dass ich das Kindle Fire nicht benötige.

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