Weitere Dinge: Spiegel

Spiegel

Der Spiegel kann sein: ein wöchentlich erscheinendes Nachrichtenmagazin von zweifelhaftem Ruf, das Lehrer gerne lesen, um zu schauen, was so in der Welt passiert.
Der Spiegel kann auch sein: ein Stück Glas, das die Wirklichkeit auf uns zurückwirft. Etwas, in dem wir uns zu erkennen glauben.

Jeder von uns besitzt zahlreiche Spiegel und benutzt sie täglich x-fach. Morgens sehen wir uns mit einer Zahnbürste im Mund. Bevor wir das Haus verlassen, prüfen wir noch einmal Frisur und Sitz der Kleidung. Vergleichen das Bild, das wir sehen, mit dem, das wir gerne sehen würden. Auch im Auto schauen wir in Spiegel. Dort zeigen sie uns, was wir hinter uns gelassen haben. Sie kündigen Fahrzeuge an, die an uns vorbeirauschen werden. Ein Blick in den Spiegel ist Vergangenheit. Ist Gegenwart. Ist Zukunft.

Das Stückchen Glas gibt uns Identität, denn ohne es wären wir blind für uns selbst. Man guckt ja sein ganzes Leben lang nur aus seinem Kopf hinaus in die Welt. Man sieht alles, sieht die Gesichter anderer Menschen, sieht deren Pickel, deren unreine Haut, deren Silberblick. Nur sich selbst sieht man nicht ohne Spiegel. Wir können an uns herunterschauen, sehen unsere Füße, unsere Hände, einen Bauch, der zu dick ist. Aber wir können uns kein Gesicht geben. Unser Gesicht entzieht sich unserem Blick.

Aber wären wir wirklich identitätslos? Wie nah kommt das Bild, das wir beim Zähneputzen sehen an unser wirkliches Ich heran? Was ist man eigentlich, oder wer? Und was macht einen zu der Person, die man ist? Die man vorgibt zu sein? Die man sein will? Ist es das, was wir im Spiegel sehen? Das Lachen, die Farbe der Augen, das Strahlen im Gesicht? Oder ist es das, was hinter den Augen liegt? Das, was aus unseren Köpfen herausschaut? Spiegel zeigen uns einen Doppelgänger. Und irgendwo zwischen dem Glas und unserem Kopf klebt die Frage: Bin ich das wirklich, da im Spiegel?

Der Autor des weltbekannten französischen Kinderbuches Le petit prince hat in diesem Buch einen Satz untergebracht, der mittlerweile so oft zitiert wurde, dass man eigentlich jedem, der ihn heutzutage noch benutzt, eine Atombombe an den Kopf werfen sollte. Es ist der Satz mit dem Herzen und den Augen und der Sehfähigkeit dieser Organe. Eine Atombombe wäre da das mindeste.

Also: Wenn das, was uns ausmacht, eben nicht das ist, was man mit den Augen sehen kann, wieso verbringen wir dann so viel Zeit damit, in den Spiegel zu schauen? Kaufen Faltencreme und Tagescreme und Nachtcreme und Anti-Aging-Lotion. Lassen uns liften und botoxen und Permanent-Makeuppen? Zupfen Augenbrauen, drücken Pickel aus und lächeln mit gebleachten Zähnen aus unserem Kopf hinaus?

Warum sind Spiegel wichtig für uns? So wichtig, dass sie mich regelmäßig zur Verzweiflung bringen. Und zwar im Auto. Immer ist die Sonnenblende über dem Beifahrersitz meines Autos runtergeklappt, weil die beste Ehefrau dort häufig sitzt und den Spiegel an der Sonnenblende benutzt, um nach dem Rechten zu schauen. Und das nervt, denn VW hat in dem Modell Polo einen Konstruktionsfehler eingebaut: Die heruntergeklappte Sonnenblende versperrt wunderbar die Sicht auf Ampeln, weil die ja meist am rechten Fahrbahnrand stehen. Die Standartsituation, wenn wir beide in meinem Auto fahren, sieht also folgendermaßen aus: Die Beste klappt die Sonnenblende runter, wir stehen an der Ampel, ich klappe die Blende hoch um die Ampel sehen zu können, die Ampel wird grün, die Ehefrau klappt die Blende wieder runter. Bis zum nächsten Rot-Stopp.

In Filmen sind Spiegel oft die eigentlichen Hauptdarsteller. Eine der schönsten und metaphorischten Szenen der findet man in John Woos Meisterwerk Face/Off aus dem Jahr 1997, mit John Travolta und Nicolas Cage in den Hauptrollen. Es ist eine irrsinnige Doppelgänger oder Body-Switch-Geschichte. Im Telegramm-Stil erzählt klingt sie etwa so: Guter Polizist gegen psychopathischen Verbrecher. Durch hanebüchene Umstände werden ihre Gesichter operativ vertauscht. Guter Polizist trägt das Gesicht des psychopathischen Verbrechers und umgekehrt. Beide leben die Rolle des jeweils anderen. Der Gute lebt also in der Verbrecherwelt mit Drogen und hübschen, willigen Frauen. Der psychopathische Verbrecher – jetzt mit dem Gesicht des Polizisten – lebt das spießige Vorstadtidyll inklusive Ehekrise und pubertierender Tochter. Und irgendwann kommt es natürlich zum Showdown, wie immer in John-Woo-Filmen mit weißen Tauben, Kirchen und Kerzen und zehn Millionen verschossenen Kugeln. In Zeitlupe

Auf jeden Fall stehen sich die beiden Protagonisten schließlich gegenüber. Zwischen ihnen ein Spiegel. Jeder sieht sich selbst. Und das Gesicht des anderen. Das Ich ist jetzt ein anderer. Dann schießen beide durch diesen Spiegel, der sie trennt, der sie zu einem Ganzen macht. Wollen den anderen töten, vielleicht auch sich selbst. Aber noch wird niemand sterben.
Ich glaube ohne Spiegel würde dieser Film nicht funktionieren. Zumindest wäre es ein völlig anderer Film.

Zwei Spiegel können uns die Unendlichkeit zeigen, wenn sie sich gegenüber stehen. Alles, was zwischen ihnen steht, vervielfacht sich ins Unbegreifliche und löst sich schließlich irgendwo ganz hinten auf. Wir können Viele im Spiegel sein. Alles. Nichts. Die Fähigkeit, uns selbst im Spiegel zu erkennen, das Selbst-Bewusstsein, trennt uns von den meisten Tieren, macht uns zum Menschen. Wir sollten versuchen, uns ohne Spiegel zu erkennen. Das wäre ein Anfang.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Weitere Dinge: Spiegel

  1. Schöner Artikel (bis auf die Atombombe, geht es nicht etwas humaner, wenn man nur einen Einzelnen für einen schlecht benutzten, guten Spruch strafen will. Sieh das doch mal mit Deinem Herzen!)

    Spiegel sind eine ganz schön gemeine Angelegenheit. Meiner z.B. versaut mir den Tag immer gleich kurz nach dem Aufstehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s