Rauchfrei in die Brave New World

Ich bin Raucher. Seit meinem 20. Lebensjahr rauche ich mehr oder weniger regelmäßig.

Gern.

Und viel.

Zu viel, bestimmt. Aber das sollte meine Sache sein. Nicht die Sache von irgendwem sonst.

Ich behaupte mal, dass ich keiner dieser ignoranten Raucher bin. Ich behaupte sogar mal, dass es diese ignoranten Raucher nur noch sehr vereinzelt gibt! Will sagen: Ich rauche nicht in Räumen, in denen sich Kinder aufhalten. Ich rauche nicht in meinem eigenen Auto, wenn Nichtraucher mitfahren, die meine Qualmerei stört. Und auch beim Essen puste ich nicht meinen Qualm auf die Teller der anwesenden Nichtraucher. Ja, selbst in meiner eigenen Wohnung rauche ich hauptsächlich auf dem Balkon.

Ich nehme also durchaus Rücksicht auf die Menschen, die meine Qualmerei aus verständlichen Gründen stören oder belasten könnte.

Was allerdings seit einigen Jahren in diesem Land passiert, wie sich die öffentliche Meinung verändert, wie die Stimmung zusehends kühler wird, das nehme ich mit sehr großer Skepsis, ein wenig Angst und viel Wut im Bauch zur Kenntnis. So geht das nicht.

Seit Jahren wird – man möge mir dieses Wortspiel gestatten – die Luft für Raucher immer dünner, die öffentlichen Räume, in denen man rauchen darf, immer kleiner. Als ich mein Studium begann, durfte man noch ohne strafende Blicke IN den Gebäuden, ja sogar VOR den Seminarräumen rauchen. Das war sicherlich nicht schön, das war vielleicht auch nicht nötig, aber es war erlaubt. Irgendwann kamen die ersten Rauchverbote. Rauchen nur noch in ausgewiesenen Bereichen. War mir Recht. Vielleicht sogar lieber, denn es gab eine eindeutige Trennung: Hier die Raucher, da nicht Nichtraucher. Kein Nichtraucher musste sich beschweren, wenn er sein Terrain verließ, in die stinkenden, verqualmten Bereiche der Unverbesserlichen eindrang und dort eingeräuchert wurde. Denn es war der Raucherbereich. Andersherum war es völlig okay, wenn man rauchend im Nichtraucherbreich einen Sack Schrauben an den Kopf geworfen bekam.

Aber in den vergangenen paar Jahren wurden auch diese Zonen immer kleiner und kleiner und ab da begann es mich zu ärgern. Denn je kleiner diese Zonen wurden, desto größer wurde die alltägliche Ablehnung der „Öffentlichkeit“, wenn ich mir eine Zigarette anzündete.

Als Beispiel eine Situation, die mir mehrfach passierte und die mir auch in Zukunft passieren wird, da bin ich mir sicher. Ich besuche ein Restaurant, drinnen herrscht natürlich Rauchverbot. Ist okay, kann ich mit leben. Vor der Tür hat der Wirt ein paar Aschenbecher aufgestellt. Als Service für seine rauchenden Gäste. Also gehe ich nach einem leckeren Essen vor die Tür, um dort zu rauchen. Mag es kalt sein oder regnen, egal. Ich weiß, dass das Rauchen nicht nur eine schlechte Angewohnheit ist, sondern eine Sucht. Mit entsprechendem Suchtdruck und der Bereitschaft auch widrigste Widrigkeiten zu ertragen, um das Verlangen nach dem Nikotin zu befriedigen. Ich kann also auch damit leben, im Regen stehen zu müssen. Kein Problem, ehrlich nicht.

Ich stehe also draußen vor der Tür, rauche meine Kippe und dann kommt von irgendwo ein Passant daher, schaut mich mit abfälligem Blick an – nicht selten mit einem affektierten Husten – und begleitenden abfälligen Sprüchen, dass ich die Luft verpesten würde. Eine Situation, die vor zehn, fünfzehn Jahren völlig undenkbar gewesen wäre. HALLO? Ich stehe doch bereits draußen? Wo soll ich denn sonst hin? Wir sollten doch in unserer Gesellschaft in der Lage sein, Kompromisse zu finden. Aber das Rauchen – das Bild eines rauchenden Menschen – ist in den Köpfen vieler Menschen inzwischen so negativ konnotiert, dass sie wirklich nicht anders können, als ihrer Wut freien Lauf zu lassen.

Die öffentliche Meinung hat sich in diesen vergangenen zehn, fünfzehn Jahren so radikal geändert, dass ich Angst bekomme. Da werden Aussagen übernommen, ohne sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Da wird das nachgeplappert, was der Mainstream vorgibt. Und der Mainstream ist gemacht von RTL und Stern und Bild und Spiegel und Co.

Immer heißt es zum Beispiel, dass die Raucher die Krankenkassen stärker belasten würden. Das stimmt so einfach nicht.

Niemand redet davon, dass von den 5,00 Euro, die inzwischen eine normale Schachtel Kippen kostet, 3,65 Euro direkt an den Staat in Form von Tabak- und Mehrwertsteuer gehen.

3,65! Jeden Tag. Für bessere Straßen und Autobahnen, für die Mehrkosten des Kampfes gegen den Terror.

Für den Staat. Und Ihr nichtrauchenden Menschen sagt mir, ich wäre unsozial und egoistisch, weil ich rauchen würde.

Aber geschenkt! Richtig schlimm finde ich allerdings diese mitleidigen Blicke der Nichtraucher. Diese Blicke, in denen mitschwingt, dass der arme Raucher – also ich – einfach keinen starken Willen hat. Dass er sich doch einfach etwas zusammenreißen sollte. Dass er nicht so ein perfekter tadelloser Mensch ist wie der mitleidig dreinblickende Nichtraucher. Dass es schade ist, dass er nicht so ganz in die Gesellschaft passen will.

Und da kocht es dann in mir. Verdammt, ich will gar kein perfekter Mensch sein. Ich bin süchtig nach diesen kleinen Stengeln und statistisch gesehen werden sie mich 8 Jahre eher ins Grab bringen. Das weiß ich. Aber verdammt noch mal, wir haben als Menschen einen freien Willen und können Gott sei Dank selbst entscheiden, ob wir Sachen machen, die nicht gut für uns sind. Und auch die Nichtraucher sollten auf Knien dafür danken, dass es so ist. Denn auch wenn sie nicht rauchen mögen, vielleicht tun sie andere Dinge, die nicht 100%ig ins sterile brave-new-world-Bild passen.

Ich habe Angst, dass dies nur der erste Schritt ist auf dem Wege zu einer klinisch reinen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der alles schön konform, bedacht und sinnvoll sein wird. Gesund und fit und dynamisch. Es geht schon lange nicht mehr darum, Nichtraucher zu schützen. Das halte ich für ein legitimes Anliegen. Nein, es geht um die Umerziehung der Raucher. Ich kann es anders nicht nachvollziehen, warum es keine Raucherkneipen geben darf. Was hat das mit Nichtraucherschutz zu tun? Wenn jemand eine Kneipe aufmachen will, in die nur Menschen hinein kommen, die volljährig sind und die rauchen wollen. Wer wird dadurch geschädigt? Kein Nichtraucher muss dort hinein. Ich glaube der Gesetzgeber argumentiert hier mit der freien Berufswahl. Sprich, dass ein Nichtraucher auch in solchen Locations arbeiten können darf. Und das finde ich schon ziemlich weit hergeholt. Denn heißt „freie Berufswahl“ wirklich, dass ich jeden möglichen Job annehmen können darf? Wenn ich Kinderpfleger bin und katholischen Glaubens, stehen mir auch zahlreiche Jobs in kirchlicher – nicht katholischer – Trägerschaft nicht zur Verfügung. Sind die Bergmänner, die immer noch unter Tage einfahren nicht auch in ihrer Gesundheit bedroht? Führen nicht zahlreiche Berufe gewisse Gesundheitsrisiken mit sich? Mit welcher Begründung sollen sogar private (!) Feiern in einem angemieteten Saal nicht mehr möglich sein? Ganz zu schweigen von der Gleichbehandlung der E-Zigaretten, bei denen überhaupt nicht feststeht, ob und wenn ja in welchem Umfang sie Nichtraucher schädigen könnten. Aber erst einmal verbieten.

Fuck, ich möchte nicht in so einer Gesellschaft leben, denn eine Gesellschaft, die das Unperfekte, das Unnötige, das Unnormale zu sanktionieren versucht, ist eine fragwürdige Gesellschaft.

Bisweilen grinse ich in mich hinein. Ertrage die beschnittene Freizügigkeit und rauche meine Kippen demnächst nur noch daheim. Denn – auch wenn es dramatisch und pathetisch klingen mag – diese Sache mit den Rauchern ist doch nur der Anfang. Als nächstes Ziel sind doch schon die Dicken ausgemacht. Mit ähnlichen Argumentationen (hohe Kosten für die Gesellschaft, verantwortungslos, etc.) werden zunehmend Berichte in den Medien platziert, Ergebnisse von Studien veröffentlicht, usw. Und ich würde fast alles darauf setzen, dass wir in vielleicht zehn Jahren eine sehr, sehr deutliche Verschärfung des Alkoholkonsums sehen werden. Wollen wir wetten? Ob dann immer noch mitleidig die Raucher betrachtet werden? Wenn auf einmal das Bierchen im Stadion nicht mehr erlaubt ist? Wenn Tattoos und Piercings durch die Krankenkassen sanktioniert werden? Wenn der Body-Mass-Index perfekt sein muss, damit man ärztlich behandelt wird.

Alles Quatsch?

Wir werden sehen.

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5 Gedanken zu “Rauchfrei in die Brave New World

  1. Der Vergleich mit Dick-Sein oder Alkoholkonsum ist in diesem Punkt völlig unangebracht.
    Verbote oder Einschränkungen des Tabakkonsums werden keinesfalls begründet mit den gesundheitlichen Folgen, sondern allein damit, dass durch das Rauchen die Gesundheit *Anderer* beeinträchtigt wird.
    Da Jahrzehnte lange „Appelle“ und „Gutes Zureden“, also *Toleranz*, NICHTS gebracht haben und Raucher auf ihrem vermeintlichen „Recht“ bestehen, anderen Personen Rauchpartikel in die Lunge zu pusten, die das nicht möchten, sind Rauchverbote *so* und zu Recht begründet.

    Statt dass Raucher gegen Nichtraucher hetzen oder Verbote auch bei Dick-Sein oder Alkohol argwöhnen – statt dass also die Bürger mal wieder gegen einander hauen und stechen statt EINSICHT zu zeigen -, sollten sie lieber mal fragen, weshalb denn AUTOS oder FLUGZEUGE ihren Dreck einfach in die Luft pusten dürfen ?
    DAGEGEN sollten sie angehen !
    Nur ist das eben eine MACHTfrage gegen die Lobby der Auto-Industrie und der Automobilclubs oder Flugzeugindustrie.
    Statt diese Fragen zu stellen, behacken und beargwöhnen sich die „kleinen“ Bürger unter einander.
    Es müßte EINSICHT von Autofahrern, Autoindustrie oder Luftfahrtindustrie gefordert werden: aber WIE, wenn schon „kleine“ Raucher keine Einsicht zeigen möchten …?

    • Hallo Heartworker, wenn es um die Gesundheit der Anderen geht, wirklich geht, kriege ich das Verbot von expliziten Raucherklubs nicht logisch erklärt. Und wenn es um die Gesundheit der Anderen ginge, frage ich mich, warum Alkohol nicht stärker sanktioniert wird. Ich denke da an so Sachen wie Verkehrsunfälle, Gewalt in der Familie, eine zünftige Boxerei auf einem Schützenfest, etc.

    • Der Vergleich mit dem Alkoholkonsum ist wohl angebracht. All zu oft steige ich abends in die Strassenbahn und renne derart gegen eine Mauer aus Alkoholgestank, dass man den Leuten am Liebsten den Mageninhalt ins Gesicht befördern möchte…

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