Weitere Dinge: Weihnachtsmärkte

Wir tun uns in dieser aufgeklärten, modernen Gesellschaft ja stets sehr schwer, wenn es um Gott, Teufel oder sonstwas zwischen Himmel und Erde geht. Dabei ist es ziemlich einfach: Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt der achtgrößten Stadt Deutschlands kommt der Hölle schon ziemlich nahe. Eigentlich ist ein Besuch der gesamten City von Mitte November bis ganz zum Ende des Jahres ein einziger Ausflug in die Welt des Bösen, des Grauens, des Ekels.

Es fängt schon im Auto an. Parkplätze: Fehlanzeige. Oder es fängt in den öffentlichen Verkehrsmitteln an. Mindestmaß an individuellem Freiraum von – sagen wir mal – einem Quadratmeter: Fehlanzeige. In der Stadt angekommen, wird man eingesogen von der Masse. Fremdgesteuert schwimmt man im verdreckten Menschenstrom den Westenhellweg entlang. Und immer gehen die Leute vor einem zu langsam. Bleiben stehen, um Schwachsinn in blinkenden Schaufenstern zu betrachten. Und man selbst will doch einfach nur weiterkommen.

Jeder sieht gehetzt aus, abgekämpft, gestresst. Aus den Geschäften dringt ein Soundbrei aus Last Christmas, Frank-Sinatra-Songs und Stille Nacht. Rund um die Glühweinstände kommt der Menschenstrom ins Stocken. Mittags prosten sich die Oberstufenschüler zu irgendwelchen Vorabiklausur-Erfolgen zu, ab 16.00 Uhr treffen sich dann die Angestellten der fußläufig erreichbaren Innenstadtbüros. Ab 16.00 Uhr wird gemeinschaftlich über die Stränge geschlagen und selig angeheitert fallen sich Kollegen in die Arme, die sich ein Jahr lang gemobbt haben. Ab 16.00 Uhr wird gemütlich gepichelt, damit man um spätestens 18.00 Uhr volltrunken die Heimreise antreten kann. Falls der Familienvolvo nicht aus dem Parkverbot abgeschleppt wurde, lässt man ihn stehen.

Es stinkt. Überall in der City. Es stinkt nach Champignon-Pfanne, nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Es stinkt nach Backfisch, nach Fürzen und Fett. Nach Schnaps und Rülpsern stinkt es. Und nach Schweiß. Es stinkt nach zuviel. Von allem. Zuviel Mensch, zuviel Alkohol, zuviel Illusion von Besinnlichkeit, Gemütlichkeit und Weihnachtsstimmung.

Über allem schwebt der größte Weihnachtsbaum des Landes, der Republik, der Welt. Egal. Geschmacklos geschmückt mit Meisterschale und DFB-Pokal, weil irgendwer im Stadtmarketing oder vom Schaustellerverband so etwas für schick oder modern oder innovativ hält. Ist aber in erster Linie einfach nur großer blinkender Scheiß aus Plastik. Das ganze Jahr lang wird in der achtgrößten Stadt der Republik – die so gern Metropole wäre, aber nicht viel mehr ist als eine Kleinstadt – dem Fußball gehuldigt. Selbst zu Weihnachten.

Die rund 300 Stände unter dem größten Weihnachtsbaum bieten Jahr für Jahr den gleichen Schrott an. Lampen, Socken, Windlichtkitsch. Und in jedem Jahr steht jeder Händler am gleichen Standort. Eine Zeitschleife. Die Menschen sehen, was sie schon gesehen haben. Sie kaufen, was sie schon in den Jahren zuvor gekauft haben. Halten Frühstücksbrettchen mit dem eigenen Foto bedruckt für ein legitimes Geschenk, um den neuen Partner zu beglücken. Sind überzeugt davon, dass das klimpernde Windspiel ein prima Mitbringsel für die Schwiegereltern ist. Obwohl sie sich ja eigentlich nichts schenken. Und sie glauben, dass die wahrscheinlich hochgradig krebserregenden Zimträucherstäbchen – Made in Bangladesch – die eigenen vier Wände ganz wundervoll weihnachtlich beduften werden.

Zwischen den Weihnachtsmarktmenschen, die anderen, die Einkäufer. Die noch schnell in den Elektronikmarkt müssen, die noch schnell zum Juwelier müssen, ins Spielwarengeschäft und zur Parfümerie. In die Feinkostabteilung. Schonmal schnell das Kaninchen vorbestellen. Zum Heiligabend gönnen sie sich was. Damit alles schön ist und man für ein paar Stunden sowas wie Glück simulieren kann. Und dieses Glück müssen sie sich hart erarbeiten, erkaufen. Zwischen den 300 festlich geschmückten Bretterbuden erkämpfen.

Während in echten Metropolen Weltstars auftreten, um ein Unterhaltungsprogramm für die Menschenmassen auf die Beine zu stellen, schafft es die achtgrößte Stadt der Republik nur zu einer Schlagerweihnacht. Jürgen Drews, Nicole, Nino de Angelo. Das ist die Liga, in der Dortmund spielt. Und vor der Bühne schunkeln sich betrunkene Mütterchen die heile Welt herbei. Schunkeln und schunkeln und schunkeln. Bis mindestens einer kotzt.

Das bin ich. Jedes Jahr aufs Neue. Auch so eine Zeitschleife.

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