Meine erste Demo

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Es ist Samstagvormittag, eigentlich noch -morgen, halb elf, als ich mich auf den Weg in die Innenstadt mache. Draußen: Schnee, Kälte, Atem, der die Luft vernebelt. Eben habe ich noch vor dem Kleiderschrank gestanden. Im Warmen. Was ziehst du an? Wie kalt wird es wohl? Gehen Mütze und Kapuze? Oder fällt das unter das Vermummungsverbot?

Es ist viertel vor elf, als ich mich vor das Rundschau-Haus am Brüderweg stelle und damit ganz offiziell als Teilnehmer einer Demonstration gezählt werden kann.

Meine erste.
Abzüglich vielleicht der paar Sternmärsche in den frühen 1990ern. Mit der Schulklasse und begleitenden Lehrern.
Das zählt nicht.

Ansonsten: nix. Keine Anti-Nazi-Demos, keine Anti-Atomtransport-Demos, selbst die Einführung von Studiengebühren motivierte mich nicht ausreichend auf die Straße zu gehen.

Heute will ich aber hier sein. Will in der Kälte stehen, zwischen Menschen, die sich den Demonstrationsklassiker in Form von Ver.di-Plastiktüten über ihre Wellenstein-Jacken gezogen haben, die Schilder der IG Metall hochhalten oder die orangefarbene Regenjacken der Deutschen Journalisten-Union tragen. Heute will ich demonstrieren. Eine ganze Tageszeitungsredaktion – 120 Festangestellte und ungefähr ebenso viele freie Journalisten – soll plattgemacht werden. Die Westfälische Rundschau, nach dem Krieg von den Engländern ins Leben gerufen und jahrelang die sozialdemokratische Stimme in dieser Stadt, soll allerdings weitergeführt werden. Mit einem Mantelteil, der aus Essen kommt, und einem Lokalteil, der von der zweiten – konkurrierenden – Dortmunder Tageszeitung geliefert wird. Das ist so absurd, dass ich einfach hier sein musste. Außerdem wollte ich – schon wieder ein Demo-Klassiker – Solidarität zeigen. Und vor allen Dingen – der dritte Klassiker – ein Signal setzen.

Das allerdings nicht nur für die Kolleginnen und Kollegen der WR-Redaktion in Dortmund, sondern auch für mich. Ich will nicht nur immer den Gefällt-mir-Button bei Facebook klicken, weil es so schön einfach ist. Nö. Manchmal muss man dahin gehen, wo es weh tut. Was Unbequemes machen.

Deswegen stehe ich hier in der Kälte, fühle mich ein wenig verloren zwischen den betroffenen Journalisten und den Demo-Profis der Gewerkschaft. Trillerpfeifen werden verteilt, ich nehme dankend eine an und bin jetzt auch für die anderen hörbar: ein Demonstrant. Kein Samstagvormittag-Shopper, der zufällig den Brüderweg entlangschlendert und nur mal so schauen will, was all die Menschen da machen. Irgendjemand verteilt Ver.di-Plastiküberzieher, ich lehne dankend ab. Man muss ja nicht bei seinem ersten Spiel im Nationalmannschaftstrikot auflaufen. Die Regenjacke der dju wiederum hätte ich genommen, aber die bietet mir niemand an.

Das Publikum – nennt man das bei einer Demo so? – ist recht alt. Graue bildungsbürgerliche Schläfen überall, weit und breit nichts zu sehen von einem schwarzen Block, keine Dreadlocks, keine Che Guevara-Flaggen, keine Antifa. Stattdessen: alte Hasen, die den streng ritualisierten Ablauf einer Demonstration auf vielen, vielen Maikundgebungen, Ostermärschen und Tarifauseinandersetzungen perfekt verinnerlicht haben. Was angenehm ist: Selten findet man heutzutage solch eine große Gruppe von Menschen, in der noch so selbstverständlich geraucht wird. Ohne bedauernde Blicke, ohne Gezeter. Auf Presse und Gewerkschaftler kann man diesbezüglich zählen.

Die ersten Reden werden noch vor dem Zug durch die City gehalten. Durch Megafone, die immer erst einmal rückkoppelnd pfeifen oder alternierend den Dienst sekundenlang verweigern. Es geht um Solidarität, um Betroffenheit, um immer korrekt gegenderte Kolleginnen und Kollegen. Gendern ist wichtig, liebe Genossinnen und Genossen.

Ich habe kalte Füße.

Als der Zug sich in Bewegung setzt, schaue ich mich um und bin überrascht, wie viele Leute gekommen sind. Die genaue Anzahl kann ich nur schwer abschätzen. Die Polizei wird später von 500 Teilnehmern sprechen, die Veranstalter von mehr als 1.000. Mit der Anzahl der Unterstützer zu fudeln gehört wohl auch zum Ritual. Ich denke irgendwo in der Mitte wird sich die Wahrheit verstecken.

Auf halber Strecke zwischen Brüderweg und Altem Markt wird kurz gehalten. Eine Vertreterin der Linken hält einen kurzen Wortbeitrag. Es geht um die Revolution 1848, um Marx und Freiheit und Solidarität. Da verdreht so mancher rechts und links neben mir die Augen. Es folgt die Bundestagsabgeordnete der SPD aus Dortmund. Auch die sagt, dass sie betroffen sei und redet um einiges länger als ihre Vorrednerin Wenn ich mich so umsehe: eine kämpferische Wut ist hier kaum zu spüren. Vielleicht, weil den meisten hier klar ist, dass eine Demo mit 500 oder mehr als 1.000 Teilnehmern nicht ausreichen wird, das soziale Gewissen oder die gesellschaftliche Verpflichtung eines weltweit tätigen Konzerns zu erreichen. Hat so ein Konzern nämlich in der Regel nicht, ein soziales Gewissen.

Ich bin froh, als es wieder weiter zum Markt geht, so können sich wenigstens die kalten Füße etwas aufwärmen. Die Einkäufer in der City scheint der Demonstrationszug übrigens nicht sonderlich zu interessieren. Kennt man ja. Irgendwer demonstriert schließlich immer – Tierschützer, Kurden, die IG Metall – und nur selten decken sich die eigenen Interessen mit denen der beschilderten Wutbürger.

Auf dem Alten Markt wird Kaffee und Glühwein verteilt. Kostenlos. Zur Sicherheit halte ich meinen Gewerkschaftsausweis griffbereit, denn seit vergangenem Jahr bin ich tatsächlich Mitglied bei Ver.di. Will aber hier niemand sehen. Ob Gewerkschaftsmitglied oder nicht, wer bei -4°C demonstriert, hat sich ein Heißgetränk verdient.

Es folgen weitere Redebeiträge. Jetzt sind Vertreter der Landesregierung dran. Die betonen natürlich, dass sie an der Seite der Journalistinnen und Journalisten stehen. Solche Aussagen haben ungefähr den gleichen Wert und Wahrheitsgehalt wie die von Bundesligapräsidien, die einem erfolglosen Trainer das uneingeschränkte Vertrauen aussprechen.

Warm ums Herz wird mir dann aber, als Martin Kaysh vom Geierabend-Ensemble redet. Da ist Pathos drin, das ist die Sprache, die ich verstehe. Gänsehaut. Und er ist es, der jenseits der Floskeln, jenseits des ritualisierten, solidarischen Schulterschlusses, den Demoteilnehmern die ersten konstruktiven Gedanken entgegenmegafoniert:

Stiftungsmodell.
Genossenschaftslösung.
Absurd sei es, eine Lokalredaktion in Dortmund zu betreiben, heißt es. „Leute, es geht!“ ruft Kaysh ins Megafon.

Und vielleicht ist das der Gedanke, den man mitnehmen sollte: Mag sein, dass es total verrückt ist, im Jahr 2013 eine neue lokale Tageszeitung an den Markt bringen zu wollen, aber eines weiß ich: Verrückt ist charmant und viel zu selten in unserer Zeit. Und um so eine verrückte Idee zu unterstützen, würde ich direkt ein Abo abschließen, kostenlose Kolumnen schreiben oder Flyer verteilen.

Es folgen noch ein paar Beiträge, aber mir wird endgültig zu kalt. Ich gehe zum Auto. Nein, diese Demo war keine Initiation in eine neue Welt, bei mir wurde kein Feuer der Begeisterung entzündet und ein besserer Mensch bin ich auch nicht geworden.

Im Wagen werden meine Füße vom Gebläse warmgepustet. Es ist Samstagmittag, es ist kalt da draußen und ich war gerade auf meiner ersten Demo.

Es war gut, dass ich dort war.

Wichtig.

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