C(h)amp der Sehnsucht

Okay, für alle, die es noch nicht wissen: Ich bin ein großer Fan des RTL-Trashformates „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“, besser bekannt als „Das Dschungelcamp“. Bei Twitter unter dem hashtag #ibes zu finden.

Aber ich will jetzt gar nicht viel über das Format an sich schreiben – ich glaube, man liebt es oder man hasst es. Ich liebe es und halte es für eine sehr ehrliche Sendung. Es ist eine jährliche Abrechnung mit der gesamten Medienbranche. Da bekommt jeder sein Fett weg. Das ist ähnlich anarchistisch wie der Karneval im Rheinland, den ich allerdings gar nicht mag.

Aber zurück zum Dschungel. Gestern gewann Joey Heindle. Ein 19-jähriger Ex-DSDS-Teilnehmer. Teilnehmer, keinesfalls Sieger.

Dieser junge Mann, dessen Intellekt – sagen wir mal – beschränkt ist, hat sich zwei Wochen lang wunderbar zwischen selbstdarstellenden C-Promis bewegt und war so, wie er ist: nicht klug, ziemlich naiv und von einer entwaffnenden Echtheit. Das wunderbar böse Moderatorenduo Zietlow und Hartwich brachte mehrfach den Vergleich mit Forrest Gump ins Spiel. Und dieser Vergleich passt. Joey mag vielleicht nicht die hellste Birne in Gottes Kronleuchter sein, aber er kann keiner Fliege etwas zuleide tun, ist sozial, kümmert sich um andere, hört zu. Und ich glaube, das ist der Punkt, den die Zuschauer honorierten.

Seiner Naivität ist poetisch und weise: „Liebe ist nicht nur ein Wort, sondern Milliardenden (sic!) von Worten“, haute er mal eben so raus und daheim auf dem Sofa drückte man sich fast ein Tränchen aus dem Auge, weil er – grammatikalisch stolpernd und taumelnd – die Welt, diese komplizierte, in etwas ganz, ganz Einfaches verwandelt.

Das rührt!

Bis ins Mark. Und man fragt sich ständig, ob Joey die Figur des naiven Narren nicht einfach nur unendlich gut spielt.

Es war herzerfrischend zu erleben, wenn er zwischen gebotoxten Gesichtern, aufgespritzten Brüsten und gutgetimten Pseudogeständnissen feststellt: „Es ist wie bei einer Geburt. Da musst du pressen. Und hier, da presst du halt mit deinen Gefühlen.“ Und das vollkommen ernst meint. Unironisch. Joey kann keine Ironie, kann nicht taktieren, kann nicht schauspielern. Er ist einfach so, wie er ist.

Ich denke er hat diese Show – und die Herzen der Zuschauer – gewonnen, weil er eine Sehnsucht bedient hat. Nicht die nach Dummheit, nein, die Sehnsucht nach Ehrlichkeit, nach Echtheit. Da war einer, der eben keine Show abziehen wollte, der nicht jedes Wort bedachte, der nicht im Vorfeld ausrechnete, wie stark sein Marktwert nach dieser Sendung steigen würde. Einer der nicht rumzickt, weil es gut für die Quote ist. Einer, der weiß, dass er nicht schlau ist, dieses Manko aber locker durch Gutherzigkeit ausbügelt.

Touché!

Wenn Kritiker den Untergang des Abendlandes durch das Dschungelcamp prophezeien, halte ich dagegen: Solange die Masse der Zuschauer nicht auf gespieltes Gezicke, gemachte Brüste und wohlkalkulierte Geständnisse hereinfällt, sondern einem Typen wie Joey seine fünf Minuten Ruhm schenkt, ist längst nicht alles verloren.

Im Gegenteil.

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