Gedanken in Pfennig

Neulich dachte ich – ganz begeistert von dem wundervollen Stories-and-Places-Projekt – an meine Lieblingsorte, an meine Sehnsuchtsorte, an die Orte, mit denen ich Geschichten verbinde. Und natürlich musste ich in diesem Zusammenhang an das winzige Dörfchen Vent in den Tiroler Alpen denken. Und dann fiel mir dieser Text wieder ein. Den ich lange auf meinem Rechner suchte. Bis mir einfiel, dass er auf meiner alten, statischen und sträflich vernachlässigten Homepage zu finden ist. Es ist mal wieder etwas mehr Literatur und etwas wenniger Blog. Ich hoffe, Ihr habt trotzdem Spaß daran.

Und ich hoffe, dass jeder von Euch auch so einen Sehnsuchtsort hat.

Gedanken in Pfennig

Sieben Schilling sind eine Mark, das weiß ich noch.
Schritt für Schritt gehe ich die Straße entlang. Die Straße hinauf. Ich laufe das letzte Stück, habe ich dem Fahrer gesagt. Wie viele Kurven sind es noch? Ich hätte die Schritte zählen sollen, damals, oder die Kurven. Jedes Neujahr hätte ich die Gelegenheit dazu gehabt. Ich habe sie verpasst.
Der Spaziergang am Neujahrsvormittag nach Winterstall. Schweinshaxen für die Erwachsenen. Viel zu lang für mich. Auf dem Rückweg schlafe ich auf Vaters Schultern. Wäre lieber Ski gefahren.

Ein Schillingstück ist groß und messingfarben, Groschen sind leicht und klein. Wer den Pfennig nicht ehrt, sagte Vater immer und sprach den zweiten Teil des Satzes schon gar nicht mehr aus, während er sich in Deutschland für jeden Pfennig bückte, den er sah.

Ich laufe das letzte Stück, es ist kalt und angenehm, es ist Kindheit. Links geht’s bergab, rechts nur weiße Wände. Das ist Schnee, denke ich, das ist Schnee, der sich da türmt. Geradeaus die Straße, die sich schlängelt, zwischen dem Bergab und dem Bergauf. Geradeaus türmen sich die Erinnerungen. Das letzte Haus rechts im Dorf, am Ende der Straße. Da wohnt die Erinnerung, immer in den Winterferien, über die Weihnacht, bis ins neue Jahr hinein.
Ich bin vielleicht fünf oder sechs und weiß, dass sieben Schilling eine Mark sind. Dafür kann ich mir was kaufen, im Dorfladen. Drops in quadratischen, roten Schachteln. Ich weiß nicht mehr, wie sie hießen. Zu viel ist hinabgeflossen, die Ache runter. Wie viele Brücken sind es ab Sölden? Ich hätte sie zählen sollen. Jedes Jahr kurz vor Weihnachten hätte ich die Gelegenheit dazu gehabt.

Ich rede wie ein Wasserfall ab Sölden. Ab Sölden sage ich immerzu: Gleich sind wir da. Vater ist gereizt, ist die ganze Nacht durchgefahren, über 800 Kilometer. Pausen werden nur zum Tanken gemacht. Ich schlafe auf der Rückbank. Wenn ich nicht schlafe, frage ich: Wie lange noch?
Die Straße. Ich weiß, es sind vielleicht zwei oder drei Kilometer. Bergauf zu den Erinnerungen. Alles riecht nach Kindheit. Eine Brücke über die Ache, unter dem Eis fließt es. Immer ist etwas unter dem Eis. Ich habe Steine mitgenommen und Drops in quadratischen roten Schachteln. Ich habe ein T-Shirt mitgenommen, auf dem steht: I bin a echter Venter. Größe 136. Seit zwanzig Jahren liegt es in meinem Schrank, seit zwanzig Jahren ist es zu klein. Keine Drops, seit zwanzig Jahren.

Der Schnee knirscht leise unter meinen Füßen, sagt freundlich: Hallo Kolja, lange nicht gesehen.
Eine weitere Kurve, immer noch kein Ortseingangsschild? Wann kann ich den Turm der kleinen Kapelle sehen?
Christmette in der heiligen Nacht, es ist kalt, der Pfarrer ist uralt und kommt zu Fuß. Ich habe vergessen woher.
Schwarze Punkte bewegen sich oben in den weißen Wänden. Das sind Gämse, sagt Mutter zu mir. Das sind Gämse, denke ich jetzt auf der Straße hinauf zu den Erinnerungen. Gamsragout mit Preißelbeersoße am heiligen Abend. Ich mag keine Preißelbeeren und esse Pasta Asciutta. Jeden Tag esse ich Pasta Ascuitta. Similaun heißt das Restaurant, in dem wir täglich abends an dem gleichen Tisch sitzen. Ich erinnere mich an den Namen. Gut so, flüstert der Schnee. Nach dem Essen geht es zurück in die Pension. Vater, Mutter, Kind, zehn Tage lang, über den Jahreswechsel hinweg. Mit meiner Taschenlampe leuchte ich mir und meinen Eltern den Heimweg. Es sind nur ein paar Schritte. Hier kann man sich nicht verlaufen.

Vor der Pension sammelt sich der Schnee auf dem Dach des bronzefarbenen Audi mit deutschem Kennzeichen. Wenn wir in einer Woche die Heimreise antreten werden, wird er verschwunden sein. Erst unter dem Schnee, als wollte dieser, dass wir den Wagen nicht finden, später dann von diesem Parkplatz vor der Pension mit uns als Gepäckstück. Und auf dem Heimweg werde ich weinen, auf dem Heimweg werde ich mich übergeben. Weil ich auf jeder Heimfahrt weine, weil ich mich auf jeder Heimfahrt übergebe. Das weiß ich schon am heiligen Abend.

Eine weitere Kurve auf der Straße hoch ins Dorf. Immer noch kein Schild, immer noch kein Turm. Nur der Schnee um mich herum und die Ache etwas tiefer.
Wie sah der Anfang des Dorfes aus? Ich habe es vergessen. Das Ende des Dorfes war wichtig, das letzte Haus rechts war wichtig. Mit dem riesigen Hügel davor. Ich bin sieben oder acht, als ein Hubschrauber vor der Pension auf diesem Hügel landet. Deutsche Schäferhunde springen in die Kabine, als würden sie sich auf das Fliegen freuen. Deutsche Touristen stehen auf dem Balkon ihrer Pension und fragen die Wirtin, ob es Neuigkeiten von den Lawinenopfern gäbe. Sie duzen die Wirtin. Sie heißt Imelda. Ich habe vergessen, was aus den Lawinenopfern wurde.

Die Straße schlängelt sich weiter durch das Schneeweiß. Felsen wachsen aus dem Schnee. Noch eine Kurve, wieder kein Ankommen. Ich muss weiter bergauf, zu den Erinnerungen. Zu Imelda, die kein Gesicht mehr hat, die ihr Gesicht in den vergangenen zwanzig Jahren verloren hat. Wie so vieles Andere, was hier im Tal zurückblieb, was ich zurücklassen musste, weil Vater, Mutter, Kind zu spielen irgendwann nicht mehr reichte, weil es kein Spiel mehr war. Weil Vater sich immer öfter für Pfennige bücken musste. Pfennige, die ich in Groschen und Schillinge umrechnen konnte, die Vater aber nicht ausgeben durfte.

Ein Auto kommt mir entgegen. Am Ende der Straße muss das Dorf sein. Hinter diesem Dorf kommt nichts mehr. Ein paar einzelne Höfe noch, zu denen Mutter spaziert, während Vater und Kind Ski fahren. Mutter kann nicht Ski fahren, oder will es nicht, und läuft stattdessen zu den Höfen, zu denen es im Winter kein Auto mehr schafft.
Am letzten Silvesterabend, bevor wir aufhörten Vater, Mutter, Kind zu spielen, darf ich bis zum Feuerwerk aufbleiben. Böller und Raketen gibt es keine, weil Vater sich nicht für Pfennige bückt, damit das Kind sie in Schillinge umgetauscht verfeuert. Ein paar Wunderkerzen brennen in Kinderhänden ab, die Feriengäste tanzen durch die ganze Pension eine Polonäse. Imelda hat einen Schwipps und ihr Mann Igenuin auch. Selbst Mutter hat einen Schwipps und wird am Neujahrsmorgen nicht zum Schweinshaxenessen nach Winterstall laufen. Sie wird im Bett liegen und sich übergeben. Ich bin neun oder zehn und weiß, dass in ein paar Tagen die Ferien vorbei sein werden. So schnell, dass ich lieber Ski fahren würde, als mit Vater und Mutter nach Winterstall zu laufen.

Ich hätte die Kurven zählen sollen, oder die Schritte. Ich laufe dem Dorf entgegen, aber es erscheint nicht. Nur Kurve hinter Kurve und links die Ache und rechts weiße Wände, aus denen hin und wieder Felsen wachsen. Hallo Kolja, sagen sie, wir haben dich vermisst. Weitere Erinnerungen.
Das Dorf kann nicht vor mir fliehen. Das Tal ist hier zu Ende, hinter dem Dorf ist nichts mehr, außer ein paar Höfen, zu denen es im Winter auch Autos mit Allradantrieb nicht schaffen. Auf dieser Straße gab es den Unfall, irgendwann als ich sieben oder acht war. Jemand bückte sich nicht nach Pfennigen oder Groschen, sondern nach seiner Brille und hinter ihm war diese Schneefräse und ich habe vergessen, warum sich da dieser Jemand vor der Schneefräse nach seiner Brille bückte. Es war an Mutters Geburtstag. Das habe ich nicht vergessen.

Der letzte Tag vor der Abreise. Ich fahre noch einmal Ski. Den Ochsenkopf hinunter. Die Wartezeit am Schlepplift ist länger als die Abfahrt über die Piste. Ich bin neun oder zehn und wiege zu wenig für den Schlepper Nummer 21. Auf halber Strecke zieht er mich in die Luft. Ich falle in den Schnee neben der Liftspur. Hallo Kolja, sagt er, hast du dir weh getan? Hast du dir weh getan, fragt auch der Mann am Schlepplift. Er zwinkert mir zu und knipst kein Loch in meine Zehnerkarte, weil er weiß, dass ich immer so schnell die Piste hinunterfahre. Vielleicht weiß er auch, dass sieben Schillinge einhundert Pfennige sind, nach denen sich Vater bücken muss.

Am letzten Abend vor der Abreise essen wir wie immer im Similaun. Pasta Ascuitta für mich, als Nachtisch für Mutter einen Cup Dänemark. Bis zum nächsten Jahr, sagt die Bedienung. Ich sage: Bis in diesem Jahr. Und sie dann: Ja, das stimmt. Am Ende des Jahres seid ihr wieder hier. Und dann denken Vater und Mutter und Kind: Ja, das stimmt. Ein paar Monate später weiß erst Vater, dann Mutter und irgendwann auch ich, dass es eben nicht mehr stimmt.
Wieder eine Brücke, wieder nicht das Dorf, keine Pension Soldanella am Ende der Straße. Wie lange noch, denke ich nach jedem zweiten Schritt und wünsche mir Vaters Schultern, auf denen ich sitzen und schlafen kann, während er mich die Straße hinaufträgt.

Hallo Kolja, sagt ein Felsen neben der Straße. Gleich bist du da. Vielleicht noch ein, zwei Kurven. Ein paar Meter noch bergauf, immer die Straße entlang. Hier kann man sich nicht verlaufen.
Ich weiß, antworte ich.

Schritt für Schritt.

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