Ein Fest im Schauspielhaus

War das Theater? War das Kino? Die Geburt von etwas völlig Neuem?

Vergangenen Freitag war ich nach vielen Jahren mal wieder im Theater. Ich sah „Das Fest“, inszeniert von Kay Voges nach der Dogma95-Vorlage von Thomas Vinterberg. Und auch heute – eine Woche später – grüble ich noch immer über den Abend nach. Was ja schon mal klasse ist und sich angenehm vom Konsumieren-und-Vergessen-Scheiß abhebt.

Theater in Dortmund
Ich möchte gar nicht viel über den Inhalt des Stückes schreiben. In aller Kürze: Ein Familienfest eskaliert. Brutal und derbe. Wer mag, kann sich über den Inhalt der Filmvorlage (die ebenfalls sehr sehenswert ist) bei Wikipedia informieren. Oder, am besten: den Film ansehen. Keine leichte Kost, aber eine, die etwas zu bieten hat.

Und nun zurück zu meinem Theaterabend. Das Publikum besteht – wie ich es erwartet habe – zu geschätzten 50% aus Bildungsbürger-Kartenabonnenten-Ü50. Wir sind halt im Dortmunder Schauspielhaus und nicht in einer Fabrikhalle in Berlin.

Dogma 20_13
Kurz nachdem sich der Saal verdunkelt hat, tritt ein Schauspieler vor den Vorhang, zitiert aus dem Dortmunder Manifest Dogma 20_13 und verteilt Flugblätter. Er tritt wieder ab, der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick auf eine leere Bühne frei. Vielleicht drei Meter über der Bühne hängt eine runde Metallkonstruktion, an der eine Kamera und ein paar Scheinwerfer langsam, mechanisch und bedrohlich ihre Kreise ziehen. Schauspieler tauchen auf, tragen Requisiten, die wie Requisiten aussehen, und beginnen zu spielen. Ein heller halbtransparenter Gaze-Vorhang sinkt hinab und trennt die Akteure auf der Bühne von den Zuschauern. Die Kamera zieht weiter ihre Kreise, filmt, was dort oben hinter dem Vorhang gespielt wird. Das aufgenommene Bild wird auf den Vorhang projeziert. Ich sitze im Zuschauerraum eines Theaters und sehe wie ein Film gedreht und gesendet wird. In Echtzeit.

Das mag jetzt erst einmal nicht so wahnsinnig spektakulär klingen, das ist es aber. Denn diese Mischung aus Film und Theater hat den Effekt, dass ich ständig meine Wahrnehmung überprüfe und zwischen Illusion, Realität und der Frage, was gerade Wirklichkeit ist hin und her pendle. Mal akzeptiere ich die Bilder auf dem Vorhang als Film – wie im Kino. Dann wieder schaue ich durch den Vorhang und sehe wie die Bilder auf dem Vorhang entstehen, wie das Stück gemacht wird, mit allem, was dazu gehört: Kulissen werden auf- und abgebaut, Scheinwerfer bewegt und Kostüme gewechselt. Das ist spannend. Nicht zuletzt, weil dieser Wahrnehmungswechsel in den 120 Minuten des Stückes gefühlte 500 Mal stattfindet.

Intensität durch Trennung
An einigen zentralen Punkten der Aufführung brechen die großartig agierenden Schauspieler – allen voran Friederike Tiefenbacher als stets um Contenance bemühte Ehefrau und Mutter Else – die Trennung zwischen Produktionsort und Zuschauerraum. Sie treten vor den Vorhang – vor die Leinwand – und sprechen von dort aus. Die Tischrede von Christian, dem Sohn des Geburtstagskindes, stellt solch ein zentraler Punkt dar. Christian, intensiv gespielt von Sebastian Kuschmann, tritt vor den Vorhang und spricht zur Gesellschaft:

„Als viel gefährlicher erwies es sich, wenn Vater ins Bad wollte. Ich weiß nicht, ob ihr euch daran erinnert, dass Vater immer ins Bad wollte. Wenn er das wollte, nahm er Linda und mich mit in sein Büro. Er hatte dann zunächst noch etwas zu erledigen, hat die Türen abgeschlossen und die Rollos heruntergelassen und eine Kerze angezündet, schön sollte es sein. Dann hat er Hemd und Hosen ausgezogen, und wir sollten das auch tun, und er hat uns auf die grüne Liege gelegt, die dann auf den Müll gekommen ist, und hat uns vergewaltigt. Uns sexuell missbraucht, hatte Sex mit seinen lieben Kleinen. Na, genug davon, wir sind ja nicht gekommen, um für den Rest des Abends meine Rede zu hören, wir sind gekommen, um Helge am sechzigsten Geburtstag zu feiern, und zwar alle gemeinsam, finde ich. Also … danke für die vielen guten Jahre und herzlichen Glückwunsch.“
(Quelle: http://www.theaterdo.de/uploads/events/downloads/Begleitmaterial_Paedagogen_Fest.pdf)

Während dieser Worte, die schon für sich allein ein Schlag in den Magen sind, werden die Gesichter der Gesellschaft in Großaufnahme auf dem Vorhang gezeigt. Else, die um Fassung bemüht ist und deren Unsicherheit subtil durch kleinste Veränderungen in Ihrer Mimik rüberkommt. Der Vater – der Täter –, der mit jeder seiner Bewegungen leugnet und seinen Sohn diskreditiert, die Geschwister, die Gäste. Das ist der intensivste Moment des Abends, die Stimmung im Zuschauerraum ist arktisch.

Großartig!

Nach 120 Minuten endet das Stück. Das Publikum ist begeistert, vielleicht ein Viertel der Zuschauer applaudieren stehend. Ich schaffe es nicht aus dem Sitz, stehe aber in Gedanken. Und ich empfehle dieses Stück. Überhaupt hat mich „Das Fest“ angefixt, zukünftig wieder häufiger ins Theater zu gehen. Im Spielplan habe ich mir zwei Stücke angestrichen: „Kannibale und Liebe“ von Jörg Buttgereit, den ich sehr schätze, und „Die Nibelungen“ nach Friedrich Hebbel. Der machte Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem bekannten Stoff ein Rachedrama, gegen das Tarantinos Kill Bill I und II wie Kasperletheater wirken. Bei Hebbel ist die Rache gewaltig. Und Erlösung gibt es keine. Für niemanden.

Ich freu mich und sage: „Danke, Kay Voges! Ich möchte gern weitere Dogma20_13-Inszenierungen sehen.“

„Das Fest“ wird noch an folgenden Abenden aufgeführt.

Sa, 23. März 2013

Mi, 17. April 2013

Fr, 26. April 2013

So, 05. Mai 2013

Sa, 18. Mai 2013

Fr, 07. Juni 2013

Hingehen!

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