Ein Stöckchen für Euch: Bücher, die Arbeit waren.

Manchmal finde ich es schade, dass zwar unglaublich viel gelesen wird, aber in der Regel zur reinen Unterhaltung. Leicht soll es sein, unterhaltend und nicht zu anstrengend. So McDonalds-Bücher, die sicherlich mitreißende Charaktere haben, originelle Ideen und einen spannenden Plot, aber deren Nährwert gegen Null tendiert.

Was oft in Vergessenheit gerät: Bücher können so viel mehr, als eine Geschichte erzählen. Bücher können mit Sprache spielen, Sprache brechen, Experiment sein und Lesegewohnheiten auf den Kopf stellen.

Auch solche Bücher mag ich. Und wenn ich ehrlich bin, haben diese Bücher mich sehr oft, sehr viel nachhaltiger beeindruckt, als der ausgefeilteste Stephen-King-Roman.
Ich würde gern von Euch erfahren, welche Bücher Ihr Euch „erarbeiten“ musstet? Und warum? Was waren die ungewöhnlichsten Bücher, die Ihr gelesen habt? Die anstrengendsten? Habt Ihr durchgehalten? Habt Ihr abgebrochen? Und bei welchem dieser Bücher hat sich die Arbeit gelohnt?

Ich selbst finde es schwierig, weil ich während meines Komparatistik-Studiums (allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft) viele dieser Brocken durcharbeiten musste. Aber einige haben mich doch sehr beeindruckt. Einfach weil sie mir zeigten, dass ein Buch mehr sein kann als eine Geschichte zwischen zwei Pappdeckeln.

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Hier meine Top 5

1. Bret Easton Ellis: American Psycho
Den Roman kennen wahrscheinlich sehr viele von Euch, vielleicht auch die eher schwache Verfilmung. Und ja, die seitenlangen Aufzählungen von Herrenpflegeprodukten, von Designer-Anzügen und die völlig zusammenhanglos auftauchenden Abhandlungen über Genesis und Whitney Houston sind extrem langweilig.

Aber hey, darum geht es doch in der Geschichte. Um eine total gelangweilte Generation. Insofern: Doppeldaumen hoch, weil dieser Roman die Langeweile zum Thema hat und dieses Thema perfekt transportiert.

2. Samuel Beckett: Der Namenlose
Ein Buch, nicht sehr dick und trotzdem ein echter Brocken. Ein einziger Monolog. Keine Absätze, keine Gliederung im Text, nichts, was es dem Leser irgendwie einfach machen würde. Wenn ich mich recht erinnere, dann bestehen die letzten 60, 70 Seiten aus einem einzigen Satzgefüge. Vielleicht mal ein Komma, aber kein Punkt. Worum es geht? Gute Frage! Vielleicht sitzt irgendwer – ein Namenloser(!), ein Körperloser(?), ein Ich(?) – irgendwo in einem Raum, in einem Nichts. Und dieses Ich denkt, redet, faselt. Und sagt herzlich wenig. Klingt erst einmal ziemlich wirr. Bekommt aber einen Sinn, wenn man bedenkt, dass Beckett mit diesem Text die Themen „Grenzen der Sprache“ und „Sprachlosigkeit“ thematisiert. Und das ist ja das klassische Dilemma des Autors: an die Grenzen der Sprache zu stoßen.

3. James Joyce: Ulysses
Das ist wahrscheinlich das Buch, über das die meisten Menschen reden, ohne es gelesen zu haben. Knapp 1.000 Seiten, die eine Handlung(?) von 24 Stunden widergeben. Die Hauptfigur Leopold Bloom treibt am 16. Juni 1904 durch Dublin. Auch hier wird wieder ohne Punkt und Komma gedacht, reflektiert, wahrgenommen. Und alles durcheinander.

In Poetry-Slam-Kneipen sitzen am Tresen immer irgendwelche Leute, die immer betrunken sind und die diesen Moloch von Buch in den Himmel loben. Ich legte es seinerzeit nach rund 100 Seiten weg. Irgendwann nehme ich es vielleicht wieder in die Hand und arbeite es durch. Es gibt davon wohl eine kommentierte Ausgabe, die das Verständnis erleichtern soll.

4. Arno Schmidt: Zettels Traum
Dieses Buch nahm ich gerne zu meinen Tutorien mit um den Erstsemestern zu zeigen, was Literatur auch sein kann. Und eigentlich muss an sich schon formal von der Vorstellung „Buch“ verabschieden, wenn man es in die Hand nimmt. Ich besitze eine Faksimile-Ausgabe dieses Werks, das im Original aus über 1.300 DinA3 beschriebenen Blättern besteht. Es hat ungefähr Telefonbuch-Format, ist dreispaltig beschrieben, korrigiert, mit handschriftlichen Kommentaren versehen und in einem Dialekt bzw. in einer Art Lautschrift verfasst. Liest man es spaltenweise? Springt man zwischen den Spalten hin und her? Ich weiß es nicht. Ich fragte irgendwann man meine Dozentin an der Uni, eine international anerkannt Koryphäe der Literaturwissenschaft, wie man dieses Buch liest. Ihre lakonische Antwort: Das liest man nicht, das studiert man. Ein Leben lang.
Natürlich habe ich es nie ganz gelesen. Aber ich kann es dieses Buch irgendwo aufschlagen, ein paar Sätze lesen und diese Sätze machen mich glücklich, weil dort so viel Sprachspiel zu finden ist.

5. Michel Houellebecq: Elementarteilchen
Eigentlich ein konventioneller Roman, wäre er nicht so abgrundtief hoffnungslos, traurig, ja widerlich und aber auch: ehrlich. Houellebecq analysiert unsere Gesellschaft, in der es um Schönheit, Jugend und Sex geht. Oder um Hässlichkeit, Altern und Keinsex. Ich habe diesen Roman geliebt, weil er im Kern zutiefst romantisch ist. Die Liebe soll alles heilen, alles gut machen, aber die Welt in der wir leben ist verrückt. Michel Houellebecq ist eine Drecksau, keine Frage. Er zeigt alles, was man nicht sehen will, all das erbärmliche Rumgeeiere. Aber eigentlich will er durch dieses Extrem nur zeigen, wie falsch der Weg ist, den unsere Welt beschreitet.
Finger weg übrigens von der unheimlich schlechten Verfilmung. Sie führt zu nichts.

Das war meine Offenbarung. Wie sieht es bei Euch aus? Wer mag kann dieses Stöckchen gern aufgreifen, Verlinken und weiterwerfen. Ich würde mich freuen. Und vielleicht bekomme ich so ja noch ein paar Lesetipps.

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2 Gedanken zu “Ein Stöckchen für Euch: Bücher, die Arbeit waren.

  1. Zettels Traum wird wohl immer ein Traum bleiben… 🙂

    Ganz gelesen habe ich von diesen hier nur den Beckett, und was soll ich sagen – ich fand den gar nicht so schlimm. Wahrscheinlich, weil ich gerade „Wie es ist“ hinter mir hatte und schon ahnte, was mir blüht. So richtig toll Zeit verpulvern kann man übrigens auch mit JJ’s „Finnegan’s Wake“, das, wenn überhaupt, nur laut und unter Drogen lesbar ist. Eine andere Art der Herausforderung, aber dennoch richtig Arbeit waren Prousts „A la Recherche du temps perdu“, Musils „Der Mann ohne Eigenschaten“ und – na klar – Cervantes‘ „Don Quijote“, letzterer vor allem, weil er ab dem zweiten Lesen immer besser wird.

    EInen grandiosen Tipp unter 1000 Seiten habe ich auch noch: „Das Leben – eine Gebrauchsanweisung“ von Georges Perec: 99 miteinander verkleisterte, aus Kaufhauskatalogen inspirierte Kurzgeschichten, und vermutlich ein Aufzählungsweltrekord.

  2. Ellis und Joyce: check. Wobei ich sagen muß, daß ich den Ellis da gar nicht eingeordnet hätte, und der Joyce wahrhaftig arbeit war. Für die Zukunft: Beckett wahrscheinlich nicht, Houellebecq wahrscheinlich schon. Für den Schmidt wird mir in meinem Leben die nötige Langeweile fehlen.

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