Brief an Frau Merkel, an Herrn Steinbrück, an Frau Göring-Eckard, an Herrn Trittin, Herrn Brüderle und Herrn Gysi

Sehr geehrte Frau Merkel,
sehr geehrter Herr Steinbrück,
sehr geehrte Parteivorsitzende und Fraktionsführer,

in wenigen Monaten wird ein neuer Bundestag gewählt. In den kommenden Tagen und Wochen werden die Bürger dieses Landes wieder der heißen Wahlkampfphase ausgesetzt sein.

Sie – als gewählte oder zu wählende Kandidaten – werden viel reden. Auf Marktplätzen, in Fußgängerzonen, in Fernsehduellen. Und diejenigen von Ihnen, die sich für jung und innovativ halten, werden auf Facebook, Twitter oder in einem Google-Hangout aktiv sein.

Aber egal ob analoge Welt oder digitale: Sagen, werden Sie wieder recht wenig. Ich möchte nicht unfair sein und Ihre Arbeit als Politiker generell in Frage stellen. Ich denke wirklich, dass Sie hart arbeiten und dafür auch angemessen entlohnt werden.

Trotzdem bin ich nicht zufrieden! Mir ist unbehaglich. Und auch, wenn es im ersten Moment anmaßend klingen mag, hat es doch eine gewisse Logik: Sie sind gewählte Vertreter. Von einzelnen, einfachen Bürgern gewählte Vertreter. Letztendlich also Menschen wie ich.

Also, ich bin unzufrieden. Ich fühle mich von Ihnen allesamt nicht vertreten. Und wenn ich mich in meinem Freundes-, Verwandten- und Bekanntenkreis umhöre, gibt es dort auch jede Menge Menschen, die sich von Ihnen nicht vertreten fühlen.

Sie sind so weit weg!

Selbst in der Fußgängerzone und auf dem Marktplatz sind Sie weit weg von den Menschen.

Es ist ein Dilemma: Als Berufspolitiker sind Sie Experten im Sitzungen absitzen, im Abstimmen, im Positionspapiere anfertigen. Sie kennen sich aus mit Steuerpolitik, mit Familienpolitik, mit Außenpolitik. Und auch: mit Rhetorik, Körpersprache und aktivem Zuhören.

Das sind sicherlich allesamt wichtige Kompetenzen. Kompetenzen, die aus einem guten Menschenversteher – aus einer engagierten Persönlichkeit – einen noch besseren Politiker machen können.

Aber verstehen Sie die Menschen noch?

Manchmal erscheint es mir, als würden Sie ätherisch durch dieses Land schweben. Wie Popstars. Wesen, die man nicht anzusprechen wagt, die mir – vielleicht unbeabsichtigt – das Gefühl vermitteln, klein zu sein.

Nicht greifbar. Nicht menschlich.
Und schon gar nicht von dieser Welt.
Da ist ein Graben zwischen Ihnen und mir.
Sie haben sich von den wirklich wichtigen Dingen entfernt.

Und das sind eben nicht die Positionspapiere, die Körpersprache oder die Rhetorik. Das wichtige Ding, das ist der Mensch. Und zwar jeder einzelne. Natürlich ist auch Ihre politische Fachkompetenz gefragt. Mehr denn je. Aber die haben Sie, da bin ich zuversichtlich. Sie wissen um all die Rädchen, an denen Sie drehen müssen um Veränderungen herbeizuführen. Aber dass hinter den Rädchen echte Menschen stehen, haben Sie vergessen. Zumindest scheint es so.

Und was ist eigentlich mit Ihren Kompetenzteams? All die Kommunikationsberater, die Rhetorik-Coaches, die Trainer für Körpersprache. Woher kommt Ihre Annahme, dass das alles richtig ist, was die Ihnen so als Wahrheit verkaufen? Dass ein zartgrünes Kostüm offener wirkt als ein dunkelblaues, oder dass Sie durch Ihre hochgekrempelten Hemdsärmel als Anpacker wahrgenommen werden?

Diesen Kokolores glauben Sie, stimmt’s?

All das wäre komplett überflüssig, wenn Sie sich nur hin und wieder mal menschlich zeigen würden. Wenn Sie nicht immer wieder das Gefühl vermitteln würden, dass Sie mich/uns/den Bürger/den Einzelnen sowieso nur verscheißern. Dass Sie auf Ihrer Seite des Grabens ein Spiel spielen von dem Sie wissen, dass es die Menschen jenseits des Grabens zwar verfolgen, aber nicht beeinflussen können.

Ich meine, kommen Ihnen nicht manchmal Zweifel, wenn Sie ein Wahlversprechen geben und sich in Umfragen zeigt, dass rund die Hälfte der repräsentativ Befragten überhaupt nicht damit rechnet, dass sich diese Versprechen erfüllen? Sind Sie so ätherisch, dass Ihnen das egal ist? Ist der Graben schon so breit und tief? Sind Sie schon so weit weg?

Und dann wundern Sie sich über Politikverdrossenheit?

Beginnen Sie doch einfach mal damit, aufzuhören perfekt sein zu wollen! Das wäre ein super erster Schritt. Ich wünsche mir nämlich keine perfekten Politiker.

Ich wünsche mir Menschen, die Politik machen. Kompetente Menschen, keine Frage, aber Menschen. Echt, mit Ecken und Kanten, mit Fehlern und aus Fleisch und Blut. Und dann ist es mir egal, welche Farbe Ihr Kostüm hat oder ob Sie Ihre Hemdsärmel hochkrempeln.

Weil es nicht wichtig ist.

Ich will Sie wütend sehen und weinend vor Rührung. Ich will Ihre Stimme zittern hören, wenn Sie engagiert über ein Thema diskutieren. Und verdammt, ich will Sie stammeln hören, weil Sie mal zu einem Thema keine Meinung – oder noch besser – auch einfach mal keine Ahnung haben. Ist doch nicht schlimm, ist doch normal. Macht sympathisch und sexy.

Kündigen Sie in einem zweiten Schritt all Ihren Coaches, Beratern und Trainern! Hören Sie stattdessen auf Ihr Bauchgefühl, auf Ihren Instinkt! Ihren gesunden Menschenverstand.

Das wäre ein Fortschritt.

Klingt einfach? Klingt leicht?
Dann machen Sie es!
Das wird schon reichen.
Wenn Sie es drauf haben.

Dann wären Sie wirklich die richtige Person in der richtigen Position. Jemand, der mich und viele, viele andere Bürger vertreten sollte. Jemand, dem ich vertrauen möchte. Ein Politiker, bei dem ich denke, dass er wirklich eine Lösung hat. Einen Lichtblick bietet. Jemand, der den Funken überspringen ließe.

Und wenn bei Ihnen ohne Coaches und Berater nicht funktioniert?

Who cares? Dann sind Sie vielleicht ein prima Positionspapierformulierer, haben es vielleicht sogar voll drauf, mit den Steuern und so. Haben aber trotzdem den falschen Beruf gewählt.

Denn die Schlüsselqualifikation für die Politik ist simpel. Verstehen Sie die Ängste und Sorgen der Menschen! Sagen Sie den Menschen die Wahrheit. Schauen Sie, wie wir alle gemeinsam die Probleme in den Griff bekommen! Und halten Sie die Bürger nicht für dumm, denn das ist der Einzelne keineswegs. Er hat ein sehr gutes Gespür dafür, was politisch und wirtschaftlich geht und was nicht.

Wenn Sie teure Wahlversprechen machen und jeder Zweite denkt/weiß, dass dies nicht zu finanzieren ist, sollten Sie solche Versprechen einfach nicht machen. Fertig.

Und bevor die Opposition jetzt Beifall klatscht: Wie wollen Sie, Herr Steinbrück, es bitteschön Erika Mustermann, die irgendwo hier im Ruhrgebiet in einer Schimmelbude der Deutschen Annington wohnt und deren Hilferufe um Abhilfe das Unternehmen scheinbar nicht erreichen … wie wollen Sie Erika Mustermann vermitteln, dass Ihr neuer Sprecher, bis vor kurzem genau bei diesem Unternehmen tätig war? Ja, dass dessen Tätigkeit als Head of Public Affairs momentan sogar nur ruht. Wie, glauben Sie, kommt das bei Erika Mustermann an? Welcher Zweck heiligt denn zum Teufel welche Mittel?

Und bevor jetzt die Spitzenkandidaten der noch kleineren Parteien Beifall klatschen: Sie wirken auch nicht vertrauenswürdiger auf mich. Ehrlich nicht! Mit all Ihren Dogmen, mit Ihren Ideen, die aus der Zeit gefallen sind und mit Ihren Kontakten zu den Wirtschaftsbossen und deren Lobbyisten, die Ihnen gern und häufig beim Formulieren Ihrer Positionspapiere helfen.

Wissen Sie Frau Merkel, Herr Steinbrück, Frau Göring-Eckardt, Herr Trittin, Herr Brüderle und Herr Gysi, was das Schlimmste an der Geschichte ist? Das Schlimmste an der Sache ist das Gefühl, dass meine vielen Worte nichts bringen werden.

Gar nichts.

Und ich werde trotzdem wieder zur Wahl gehen, mein Kreuz machen. Mit dem Gefühl, dass ich meine Stimme verschenke an jemandem, dem sie egal ist. Meine Stimme bei den vergangenen Wahlen war sowieso stets die Stimme für das gefühlt kleinste Übel. Aus Überzeugung konnte ich seit Jahren nicht wahlkreuzen. Und auch hierzu höre ich in meinem Umfeld ähnliche Stimmen.

Aber ich werde trotzdem wieder hingehen, weil ich mir dieses Privileg nicht durch Ihr Verhalten nehmen lassen werde. Durch nichts auf der Welt.

Und letztendlich macht es das nur alles noch viel trauriger!

Advertisements

2 Gedanken zu “Brief an Frau Merkel, an Herrn Steinbrück, an Frau Göring-Eckard, an Herrn Trittin, Herrn Brüderle und Herrn Gysi

  1. „… Ich fühle mich von Ihnen allesamt nicht vertreten..“

    diese aussage kann ich für mich unterschreiben. nur: warum sollte ich jemanden wählen, wenn ich mich durch ihn nicht vertreten fühle? dieser gewählte wird sich dann auf meine stimme auch berufen als legitimation für sein handeln und verhalten, das ich wiederum schon vor und mit wahrscheinlichkeit auch nach der wahl nicht gutheiße. wo liegt da der sinn, zu wählen?

    wir haben ein wahlrecht. dies beinhaltet auch das recht, NICHT zu wählen. wäre dies nicht so, hätten wir eine wahlpflicht. der nicht-wähler ist moralisch nicht schlechter als jeder andere mensch, er ist nur konsequenter, bringt persönliche meinung und verhalten zusammen.

    die inkonsequenz, sich nicht vertreten zu fühlen, aber diese politiker dann doch wieder mit einem mandat zur (nicht-)vertretung auszustatten, kann ich nicht nachvollziehen. nicht zu wählen bedeutet nicht, politisch gleichgültig zu sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s