Verweigert Euch!

Das geht so alles nicht mehr, das kann so nicht mehr gehen. Das spüren wir tagtäglich.
Wir rennen von Termin zu Termin, gehen ins Sportstudio, machen Praktika, ziehen für jeden befristeten Job durch ganz Europa, kaufen halbjährlich das neueste Mobiltelefon, das neueste Tablet, die neueste Smart-Watch.

Wir ernähren uns biodynamisch-vegetarisch, cholesterinarm und ballaststoffreich. Fleisch und Alkohol nur in Maßen. Messen Blutdruck, kennen unsere Leber- und Nierenwerte, messen Hirnströme, Knochendichte, Blutfett.

Das Rauchen haben wir eingestellt und das Fastfood, und den Zucker haben wir eingestellt. Und weil wir jetzt vielleicht besser funktionieren denken wir, dass wir automatisch auch besser leben.
Sowieso müssen wir immer besser werden. Besser als die anderen. Besser als wir selbst. Besser als gestern.
Wir nutzen Apps, die uns sagen, was wir essen sollen, was wir essen müssen. Wir nutzen Apps, die uns sagen, wann wir ins Sportstudio müssen. Wir nutzen Apps, die uns sagen, wie wir unser Kinder erziehen müssen.

Die Apps sind ein Muss, denken wir. Aber Apps sind vor allen Dingen ein Du-musst.
Wir lesen Ratgeber. So finden sie Freunde, so klappt es mit dem Ehepartner, so laufen sie richtig, so atmen sie richtig, so wird ihr Stuhlgang ein Freudenfest. Wir wissen so viel, dass wir ganz durcheinander sind und uns Ratgeber kaufen müssen.

Wir schauen auf das Display. 4 Zoll, 5 Zoll, 6 Zoll. Es zeigt uns etwas, von dem wir glauben, es wäre die Wirklichkeit. Wir schauen nicht mehr in die Gesichter der Menschen, vielleicht aus Angst, wir könnten uns wirklich darin erkennen.

Wir rennen, rennen, rennen. Optimieren, verbessern, upgraden uns. Machen alles mit, um mehr zu erreichen. Mehr Geld, mehr Verantwortung, mehr Anerkennung. Wir haben den Gedanken, dass unser Gerenne die Welt ankurbelt.
Dass wir immer schneller rennen müssen, damit die Welt nicht über unseren Köpfen zusammenbricht, ist eine Möglichkeit, die wir ausschließen.

Wir optimieren unseren Lebenslauf, machen Praktika, ziehen von Berlin nach London nach München nach Basel. Sammeln Erfahrungen. Ordnen unsere Lebensplanung – so etwas Einfaches wie ein Haus bauen, ein Kind zeugen – der beruflichen Laufbahn unter. Weil es alle so machen. Weil es nicht anders geht. Weil wir es besser haben wollen als unsere Eltern.
Und wir kommen nicht damit klar, dass wir seit langem die vielleicht erste Generation von Kindern sind, denen es eben nicht besser geht. Weil wir uns auf der Suche nach dem Besseren verloren haben.
Verloren in Gleichzeitigkeit, in Multitasking, Körperoptimierung, verloren in Gesundheitswahn und ständiger Erreichbarkeit.

Wir sollten stehen bleiben.
Uns verweigern.
Einfach nicht mehr mitmachen bei all dem.
Unsere Mobiltelefone ausschalten, unser Facebookprofil löschen und aus all den Ratgeberbüchern ein Feuer machen. Nachts, an einem einsamen Strand. Der Stimmung wegen. Und wenn dann die Welt über unseren Köpfen zusammenbricht, ist das letzte was wir sehen, das Funkeln der Sterne, die wir nicht erreicht haben.

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2 Gedanken zu “Verweigert Euch!

  1. Erst wollte ich schreiben: Schöne neue Welt! Das fand ich gut, der Anspielung wegen. Dann dachte ich: Vielleicht doch Amen drunter schreiben, um dem Ganzen etwas religiöses zu verpassen. Hat ja was religiöses, diese Anbetung des Mehr und Sofort. Und natürlich hatte ich dann noch den Gedanken, dass ich einen Link zu meinem Blog erwähnen könnte, damit ich zusätzliche Leser bekomme. Irgendwie habe ich mich jetzt, wie man sieht, zu allem und zu nichts entschieden. Vielleicht nur ein „Danke, ja!“ zu dem Text und die Hoffnung, dass zwar nicht alles machbar ist, ein bisschen mehr Bewusstsein aber schon ein Schritt in die richtige Richtung ist.

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