Ich denke, Dortmund hat die Vorweihnachtszeit eingeläutet

Ich denke, Dortmund hat an diesem Wochenende die Vorweihnachtszeit eingeläutet.

Wer einen Ausblick, ein Gefühl, einen körperlich erfahrbaren Eindruck von den kommenden zehn Wochen in der Innenstadt haben wollte, kam am heutigen Sonntag genau dort hin. Und wie nicht anders zu erwarten war, es kamen viele, viele Menschen, die diesen Eindruck hautnah erleben mussten. Das Ergebnis: Gedränge, Geschiebe, Warterei an den Kassen. Immer stinkt es um einen herum in der Schlange nach Knoblauch, After Shave, Schweiß oder einfach auch mal nach Scheiße. Das Verkaufspersonal ist gereizt, weil natürlich niemand an einem Sonntag arbeiten will, mit all diesen Menschen. Schon gar nicht für diese Menschen.

Nein, wir haben nur noch das, was auf den Ständern ist.

Und so wird es jetzt bis Weihnachten bleiben. Und es wird wahrscheinlich sogar noch ein wenig schlimmer werden, wenn Ende November der Weihnachtsmarkt beginnt. Dann kommen nämlich noch die ganzen besoffenen Bratwurst- und Backfischfresser dazu.

Verkaufsoffener Sonntag in der achtgrößten Stadt des Landes, das ist immer so ein klein wenig wie Krieg. Du kämpfst um Parkplätze, Sitzplätze und leere Umkleidekabinen. Du kämpfst für neue Winterklamotten und gegen Deinen Kontostand. Du kämpfst Dich über den Westenhellweg und wirklich alles ist feindlich. Kinder sind feindlich, Hunde sind feindlich, händchenhaltende Pärchen sind feindlich, rumalbernde pubertierende Jungs denen das Testosteron nicht zu bekommen scheint sind feindlich und auf Smartphones starrende Mädels, die ihre Handtaschen in der Beuge ihres rechtwinklig gehaltenen Armes tragen.

Die Endgegner sind Trommelgruppen, Tanzgruppen und Gesangsgruppen, die sich an neuralgischen Punkten in der Innenstadt positioniert haben um den größtmöglichen Rückstau an Passanten zu erreichen. Einfach vorbei kommt man nicht, denn jeder Bauer aus dem Hochsauerlandkreis, dem Märkischen Kreis und dem Ennepe-Ruhr-Kreis steht mit seinem Mobiltelefon im Weg um solcherlei Attraktionen zu filmen. Von so einer Einkaufstour nach Dortmund muss man ja daheim in Hemer, Iserlohn oder Werdohl auch wackelige Videos zeigen. Sonst glaubt einem das ja niemand.

Seit ein paar Jahren hat sich die Hauptfrontlinie – um in der Kriegsmetapher zu bleiben – in Richtung Thier-Galerie verlagert. Wenn man es bis hierhin geschafft hat, hat man aber keinesfalls das Schlimmste hinter sich, nein. Die Hölle lauert hinter den Glastüren. Ich ging schnell daran vorbei und hinein in das Winterjackenfachgeschäft des Unternehmens XYZ. Hinter mir ein Gruppe von Jungs, die man mit dem Begriff Spackos recht treffsicher beschreiben könnte. Die also auch alle rein in den Laden, gribbelnd, brabbelnd, gackernd wie die Jungfrau beim ersten Erlebnis und dann hin zum Verkäufer.

Gutn Tag, isch würde gern so eine XYZ-Jacke kaufen.

Und ich dachte so: Ja, in einem Geschäft, das ausschließlich Jacken dieses Unternehmens führt, ist das schon einmal eine super Eröffnung ins Verkaufsgespräch.

Und der Oberspacko dann aber gleich nochmal: So eine XYZ-Jacke, so für höchstens zweihundertzwanzischeuro.

Alles Weitere blendete ich aus. Hatte eine Viertelstunde später aber ein komisches Gefühl in der Magengegend, als ich meine Jacke zahlte. Weil man ja mit solchen Leuten eigentlich nicht in den gleichen Bekleidungstopf geworfen werden möchte. War mir aber in dem Fall egal. Ich brauchte einfach eine warme Jacke.

Draußen stand ich nochmal kurz vor den Glastüren der Thier-Galerie. Dachte an die Nächte in denen ich auf diesem Gelände gefeiert hatte. Damals, als dort noch Clubs und Diskos ansässig waren und nicht Primark seine in Bangladesch zusammengeschrubbte Scheiße verhökerte. Als es die Hölle dort noch in Form von Gothic-Partys gab. Mit dunkel gekleideten Gruftis, die in der leerstehenden Brauerei in Stroboskoplicht und Nebel tanzten.

Ich rauchte, sah die Menschenmassen in das Shoppingzentrum strömen, blickte nach rechts und sah nur ein paar Meter weiter das Fachgeschäft für freie Waffen.
Product-placement at its best.

Ich denke, Dortmund sieht mich erst im Januar wieder.

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