Wir sind verloren

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Wir haben es nicht gut. Und schon gar nicht haben wir es besser als unsere Eltern. Wirklich nicht. Mit unseren Eltern meine ich die Gruppe von Menschen, die ein paar Jahre nach dem zweiten Weltkrieg geboren wurde.

Unsere Eltern
Die Menschen, die den Hunger nicht mehr erleben mussten.
Die Menschen, die ihre ersten Schritte in ein Nachkriegsland setzten, das sich sehr bald in ein Wirtschaftswunderland verwandelte.
Die Menschen, die zur Schule gingen und die wussten, dass sie nach der Schule Arbeit finden würden. Arbeit direkt vor Ort. Unbefristete Arbeit. Arbeit, von der sich eine Familie ernähren ließ.
Die Menschen, die im Alter von 14, 15, 16 eine Lehre machten und die sich recht sicher sein konnten, die nächsten 15 oder 20 Jahre in dieser Firma zu verbringen.
Die Wirtschaftswundermenschen, die sich den Bauch vollschlugen und nicht ans Cholesterin dachten. Deren fettiger Schweinebraten zwar unter dicker brauner Soße ertrank, aber von einem Tier stammte, das nicht mit Hormonen vollgepumpt in riesigen Fleischfabriken seinem Tod entgegensiechte.
Die Menschen, die vom eigenen Auto träumten, vom Urlaub im Süden träumten, vom kleinen Häuschen vielleicht. Und die sich diese Träume erfüllen konnten.
Die Menschen, die noch in einem von der Mehrheit getragenen Wertesystem aufwuchsen. Ein System, das sicherlich nicht perfekt war, das aber Halt gab. Und Sicherheit.
Ich meine die Menschen der 1950er und 1960er Jahre, die ihr Leben mit Freude gestalten konnten. Und für die – mit Ausnahme von persönlichen Schicksalsschlägen – die Zukunft etwas Positives bereithielt. Mehr Einkommen, mehr Urlaubstage, mehr Weihnachtsgeld, eine stetig besser werdende gesundheitliche Versorgung.
Menschen, die noch an das glaubten, was die Politik sagte. Und wenn sie nicht daran glaubten, gingen sie auf die Straße. Und erreichten etwas.
Menschen, deren Naivität etwas Unschuldiges hatte.

Natürlich lebten unsere Eltern nicht in einer rosaroten Welt, ich weiß.
Sie hatten Eltern, die von ein oder zwei Weltkriegen traumatisiert worden waren. Sie lebten in Familien, in denen physische und psychische Gewalt an der Tagesordnung war.
Sie lebten in einer Gesellschaft, in der Frauen nicht gleichberechtig waren.
Sie hatten nicht unsere Möglichkeiten. Nicht die Freiheit. Nicht die Wahl. Ihnen stand nicht die ganze Welt offen. Sie bekamen nicht von Kindesbeinen an gesagt, dass sie alles erreichen könnten.
Und vielleicht ist das unser Problem.

Wir
Wir haben uns verloren, irgendwo in dieser großen kaputten Welt der Möglichkeiten.
Wir sind auf dem ganzen Erdball zuhause und fühlen uns fremd.
Wir fühlen uns für alles verantwortlich und zerbrechen an dieser Verantwortung.
Wir wollen alles kontrollieren. Und werden dadurch Chaos.

Wir haben viel gelernt von unseren Eltern, aber eines nicht: das Leben zu genießen. Alles hinterfragen wir: jede Regel, jedes Verhalten, jede Wahrnehmung. Wir leben salzarm und fettarm und zuckerarm, sparen Benzin und Strom und Wasser und Kalorien, machen Diäten, machen Sport, machen Weiterbildungen, denken an das Klima, denken an die Tiere, denken an den Regenwald, denken an die Kinderarbeit, an beschnittene Frauen, an Menschen mit Behinderung, an Homorechte, Frauenrechte, Kinderrechte, Ausländerwahlrechte, sind nachhaltig, sind ökologisch, sind regional, sind biologisch-dynamisch, naturnah, bewusst, engagiert, liberal und verständnisvoll.
Wir sind immer auf der Hut und wachsam. Immer auf Augenhöhe. Immer ganz dicht dran an den Sorgen, an den Nöten, an den Menschen.

Die Zukunft ist am Arsch, Leute.
Wir sind am Arsch, Leute.
Weil wir an all diesen Vorstellungen scheitern müssen. Wir können nicht alles richtig machen. Das wird nicht gehen. Es wird nicht alles wieder gut werden. Und wir müssen uns nicht dafür bestrafen, indem wir in immer größeren Dimensionen versuchen allem gerecht zu werden.
Wo hört das denn auf?

Verloren
Ist die Klimabilanz meines Biohühnchens immer noch super, wenn ich dafür 20 Minuten mit dem Auto unterwegs bin? Oder sollte ich dafür das Fahrrad nehmen? Und wer sagt mir, wie mein Fahrrad produziert wurde? Vielleicht schraubten unschuldige Kinderhände den Lenker an den Rahmen. Muss ich einen Helm aufsetzen? Es könnte ein Unfall passieren, der das Gesundheitssystem belastet. Doch lieber laufen? Auch wenn es länger dauert? Ist diese Zeit nicht Verschwendung, weil sie sinnvoller genutzt werden könnte?
Ist ein Apfel, der aus Neuseeland verschifft wurde, vielleicht sogar für das Klima besser als sein regionaler Kollege, der seit drei Monaten in einem Kühlhaus liegt? Und wie entscheide ich mich, wenn der biozertifizierte Apfel ungünstiger für das Klima ist?
Müsste ich den Apfel nicht gendern? Oder besser: ihn sofort geschlechtsneutral als das Apfel bezeichnen? Damit geschlechtsspezifische Stereotype aufgebrochen werden? Und erinnert der Begriff das Apfel nicht schon wieder an ein Unternehmen, dessen Produkte von chinesischen Wanderarbeitern unter – wie Wikipedia sagt – unethischen bis illegalen Arbeitsbedingungen zusammengebaut werden?
Darf ich solche Fragen mithilfe von Google beantworten? Einem Unternehmen, das die Privatsphäre des Einzelnen mit Füßen tritt? Wo bereits eine einzige Suchanfrage 0,3 Wattstunden Energie verbraucht?
Ich weiß es nicht.
Aber ich glaube, dass wir echt am Arsch sind, wenn uns diese Fragen am Leben hindern.

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