Die Gemeinde

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Ich weiche in vielen Bereichen von der Norm ab – sei es in meinem Musik- und Filmgeschmack, sei es in meinem Hang für das Morbide oder einfach in meiner Sympathie für extreme Positionen. Wenn es aber um Kirche, Gemeinde und Gottesdienst geht, bin ich unauffällig wie die graue Kirchenmaus.
Im Nebel.
Bei Dunkelheit.
Will sagen, ich gehe vielleicht am Heiligen Abend in den Gottesdienst, wenn jemand heiratet, stirbt oder seine Erstkommunion hat. Ansonsten nicht. Von zusätzlichen Aktivitäten in meiner Gemeinde, die über dieses Pensum hinausgehen, ganz zu schweigen.
Ich wohne seit fast zehn Jahren direkt neben einer katholischen Kirche. Vom Balkon aus, auf dem ich immer rauche, kann ich das Gebäude sehen. Und da ich oft rauche, habe ich es sozusagen ständig vor Augen. In den Ohren übrigens auch, denn die Glocken läuten täglich zwischen 7.00 Uhr morgens und 22.00 abends. Halbstündlich. Sonntagsmorgens zur Messe auch gerne mit sehr viel Rambazamba. Meine Kirchengemeinde ist also sehr präsent in meinem Leben. Und trotzdem war ich in den vergangenen zehn Jahren nicht ein einziges Mal in dieser Kirche. Nichts zieht mich dahin, weil niemand mich dahinzieht. Obwohl die Voraussetzungen, die ich mitbringe, nicht die schlechtesten sind: Sagen wir mal, dass ich – irgendwie – an Gott glaube, dass ich einen großen Hang zum Pathos habe und dass ich – ganz allgemein – die ruhige, erhabene Stimmung in Kirchen liebe. Wieso gehe ich dann nicht in den Gottesdienst? Oder suche den Kontakt zu anderen Gemeindemitgliedern?
Ich denke, dass es eine ganze Reihe von Ursachen gibt und dass bestimmt auch jede Menge Vorurteile meinerseits eine Rolle spielen. Ich weiß, dass diese Vorurteile ein wenig ungerecht sind, denn ich kenne die Menschen nicht, die dort arbeiten, die sich engagieren und die versuchen, ein lebendiges Gemeindeleben aufzubauen. Aber ich habe halt diverse Klischees im Kopf. Eines zeigt ein Grüppchen von Menschen, das sich nach außen abschottet. Menschen, die einen Kreis um etwas bilden und dadurch der Welt außerhalb dieses Kreises den Rücken zukehren.
Menschen, die ich gern „Superchristen“ nenne.
Immer lächelnd und schrecklich humorlos.
Toleranz predigend, aber im Alltag das Gegenteil lebend.
Menschen, die in der Kirche alles richtig machen, an den richtigen Stellen der Messe aufstehen, die Lieder auswendig kennen und mir dadurch das Gefühl geben, nicht auszureichen.
Als wenn ich das nicht selbst wüsste.
Das ist das Bild in meinem Kopf, wenn es um die Gemeindearbeit geht.
Dazu kommt eine weitere ganz persönliche Charaktereigenschaft von mir: Ich bin schüchtern. Unter fremden Menschen fühle ich mich unbehaglich. Folglich gehe ich auch ungern auf fremde Menschen zu. Wenn ich ehrlich bin, ich habe keine Ahnung, wie und wo ich bei wem in meiner Gemeinde vorstellig werden könnte. Und was sollte ich auch sagen? Hallo, ich würde gern bei euch mitmachen?
Nein, ich brauche Angebote. Angebote, die mich da abholen, wo ich stehe.
Angebote, die mich mitnehmen und die mir zumindest ein klein wenig das Gefühl vermitteln, dass da jemand ist, der an mir, meinem Leben und an meinen Fähigkeiten Interesse hat.
Man muss mir nicht hinterherlaufen, aber ich fände es sehr angenehm, wenn man mir entgegenkäme. Oder zumindest irgendwo in der Ferne mit offenen Armen stehen würde.
Ich denke, dass es vielen Menschen so geht und dass dies ein Hauptgrund dafür ist, dass sich die Kirchen vor Ort und die Menschen voneinander entfernen.
Das ist unglaublich schade.
Wenn ich mir beispielsweise die Homepage meiner Gemeinde anschaue, sehe ich nichts, was Außenstehenden – und so einer bin ich – signalisiert: Komm doch mal vorbei! Da ist kein: Super, dass du da bist. Kein: Du kannst hier nichts falsch machen. Sicher, es gibt einen Chor, es gibt die Messdiener- und Jugendgruppen und natürlich auch das Kaffeekränzchen für die Zielgruppe Ü65. Aber da ist nichts, was sich an der Lebenswirklichkeit eines knapp 40-Jährigen orientiert. Ich brauche keinen Adventsbasar, keine Waffelstände, kein schlecht gezapftes Bier aus schlecht gespülten Biergläsern. Wieder eines dieser Klischees, ich weiß.
Mir fehlen Angebote, um Ruhe zu finden. Angebote, die eine Spiritualität in den Alltag bringen. Kleine Impulse. Niedrigschwellige Angebote, die ich nutzen kann. Zu Zeiten, an denen ich frei habe. Es muss nicht die große Messe sein. Ein kleiner Vortrag über die kleinen Dinge des Alltags und ihren Bezug zum großen Ganzen würde mir reichen.
Und mir fehlen Gesichter. Echte Menschen mit Leidenschaft, die für ihre Sache brennen und dadurch die Gemeinde nach außen vertreten. Es ist symptomatisch, dass ich noch nicht einmal weiß, wie der Pfarrer meiner Gemeinde aussieht.
Warum nicht mal zu den Menschen hingehen, wenn die nicht in die Kirche kommen?
Warum keine kleinen Vorträge, zu Themen, die ganz nah am Leben sind?
Warum keine Rituale, die einen in eine neue Gemeinde einführen?
Warum nicht mal eine Umfrage dazu, was den Menschen der Gemeinde fehlt?
Warum keine Flyer im Briefkasten? Von mir aus sogar wöchentlich.
Ich wünsche mir mehr Beharrlichkeit von meiner Kirche vor Ort. Machen wir uns nichts vor: Kirche, Gemeindearbeit, Glauben oder Gott begleiten mich nicht zwingend durch meinen Arbeitsalltag. Das ist bedauerlich, aber ich bin in meinem Kopf einfach voll mit Arbeit, mit Erledigungen, mit Haushalt und E-Mails, mit Telefonaten, dem Zahnarzttermin. Und immer ist da noch ein Paket, das in der Postfiliale abgeholt werden muss. Da muss Kirche einfach viele und starke Impulse aussenden, damit sie in meinem Alltag nicht untergeht.
Der Gemeindebrief ein paar Mal im Jahr ist mir zu wenig. Ganz davon abgesehen, dass dort meist nur über Veranstaltungen berichtet wird, die bereits stattgefunden haben. Da steht, was ich verpasst habe, nicht, was ich erleben könnte.
Dass man mich trotz dieser eher negativen Grundstimmung durchaus für religiös-spirituelle Angebote gewinnen kann, dass es solche Angebote, die mich ansprechen überhaupt gibt habe ich lange Zeit nicht für möglich gehalten. Durch zahlreiche Aufenthalte im Kloster Arenberg und die dort herrschende authentische Offenheit wurde ich eines besseren belehrt.
Mich kann man mit religiösen Themen packen! Und die Damen in Weiß haben das einfach mit einem ehrlichen Lächeln geschafft, mit kerniger Bodenständigkeit, mit einem zwinkernden Auge und mit Fünfen, die einfach mal gerade gelassen werden.
Super.
Ich wünschte mir, dass meine Gemeinde vor Ort und die vielen anderen Gemeinden vor anderen Orten, ebenso leichtfüßig agieren würden. Die Kirchen wären voller, das Gemeindeleben lebendiger, die Menschen näher bei ihren Nachbarn.
Näher bei sich selbst.
Und Gott.

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3 Gedanken zu “Die Gemeinde

  1. Lieber Mirko! Mir aus der Seele gesprochen, als jemanden der sich seit Jahren in einer Gemeinde engagiert und auch in verantwortlicher Position versucht, einen Weg zwischen Tradition und Moderne, Gemeinschaft und Offenheit zu finden. Ja es scheitert oft an „alten Zöpfen“, aber auch Unverständnis derer, die alles „schon immer so“ gemacht haben. Jemanden wie Dich, der die richtigen Fragen zu stellen versucht hätte ich gerne in meiner Nähe, wenn ich das mal so sagen darf. Vielleicht klappt es ja doch mal mit einem Treffen irgendwann, in Grenzberg, Vallendar oder hier bei uns in Werden LG G.

    • Oh … Werden klingt klasse. Mein Papa kommt daher und liebt es immer noch. Wir waren einmal vor zwei Jahren mit ihm dort und er hat uns die ganzen Orte seiner Kindheit gezeigt. Er hängt noch immer mit ganzem Herzen an Werden.
      Ich würde mich freuen.

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