Unsere Heimatfilme

DSC_0003Wann hat eigentlich diese Emotionalisierung des Content in den Sozialen Netzwerken begonnen? Ist es euch noch nicht aufgefallen? All diese kurzen Drei-Minuten-Clips? First Kiss, Julia Engelmann, greise Paare oder die letzten Minuten eines einzuschläfernden Hundes. Alle diese Filme gingen viral durch die Decke, wurden geteilt, kommentiert und führten zu kollektiver Rührung.
Ich liebe diese Filme. Aber wenn gefühlt die halbe Welt auf solcherlei Filme steil geht, steht natürlich die Frage im Raum, warum dies so ist.
Was substituieren diese Filme?
Was simulieren sie?
Was stimulieren sie?
Diese Clips werden ja nicht nur einfach für gut befunden. Sie werden ebenso geteilt und vielleicht sogar öfter geteilt als für gut befunden. Ganz so, als wollten wir unseren Freunden auf Facebook, Twitter und Co etwas ganz anderen mitteilen. Nämlich, was wir für sensible, emotionale Menschen sind.
Dass diese Filme vielfach exakt dafür gemacht wurden, um unsere niederen Instinkte anzusprechen, blenden wir dann gern aus. Immer blubbert irgendeine pathetische Musik im Hintergrund, immer kommentieren irgendwelche Menschen das Geschehen – ähnlich wie in Making-offs zu Kinofilmen – um den dokumentarischen Charakter der Sache zu verstärken. Und natürlich ist immer alles so awesome, so cute, so amazing.
Geweint wird auch meist.
Natürlich sprechen uns diese Filmchen an. Weil sie dafür gemacht wurden. Trotzdem bleiben sie nüchtern betrachtet, was sie sind: ein verkitschtes Stück Pseudoleben. Ein verklärtes So-sollte-mein-Leben-sein, in dem selbst der Tod noch zum Happy End wird. In dem nichts stinkt oder hässlich ist. In dem die Alten so altern, wie wir sie gern altern sehen würden. In dem die fremden Menschen sich so küssen, wie wir sie gern küssen sehen wollen. In denen uns eine junge Dame altklug erzählt, wie das Leben zu leben ist.
Und hey, wenn die lila Wolken am Ende einer Nacht auf einem Hochhausdach nicht das Klischee schlechthin sind, dann weiß ich auch nicht.
Wir belächeln gern die quietschbunten Heimatfilme, mit denen sich unsere Eltern und Großeltern ihren Alltag in den Nachkriegsjahren schön schauten. Die Schlager, mit denen sie sich aus der Wirklichkeit stahlen. Hinein in ein Stückchen heile Welt.
Unsere Drei-Minuten-Clips auf Youtube sind auch nicht besser.
Nur kürzer.
Und unehrlicher.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s