Weiterkommen durch Wiederholung

TreppenhausWieder waren die beste Ehefrau und ich im Kloster Arenberg. Zum neunten Mal in den vergangenen vier Jahren. Wieder war es wunderbar tief und berührend. Aber immer wieder an den gleichen Ort? Ist das nicht langweilig?
Eben nicht! Die Wiederholung gibt Kraft und neue Perspektiven.

Dieser Ort da in Koblenz, dieses Kloster mit Gästehaus, ist in den vergangenen vier Jahren zu einem ganz besonderen Ort in meinem Leben geworden. Arenberg, das ist für mich das Eine-Runde-Aussetzen-Feld im Spiel des Lebens, die Blackbox, die ich ein, zwei Mal im Jahr brauche, um ein-, aus-, auf- und durchatmen zu können. Und obwohl inzwischen vieles sehr vertraut und bekannt erscheint, ist das Da-sein dort immer wieder neu und anders. Perspektiven ändern sich, Einstellungen auch. Prioritäten werden vom Alltag verschoben. 50 Wochen im Jahr sind da To-do-Listen – immer zu lang, um sie abzuarbeiten. 50 Wochen im Jahr komme ich nicht zu Ruhe, weil da immer was im Kopf ist. All die Dinge, die gemacht werden müssen, sind im Kopf: Meetings, Texte, Termine, Hausarbeit, Gartenarbeit, Arztbesuche. Die Ideen für schöne Texte, die Träume von dem erfolgreichen Buch schiebe ich zur Seite, 50 Wochen im Jahr.
In Arenberg sind dann auf einmal Raum und Zeit da, um sich umzublicken. Wo stehe ich? Wo ist die Welt geblieben? Und was habe ich eigentlich noch so vor? Mit mir und dem Leben? Fragen, die man sich halt so stellt, wenn der Raum dafür da ist. Sinnsuche irgendwo in den Fugen zwischen Job, Facebook, Hauskauf, Träumen und Enttäuschungen.
Allein für diese Möglichkeit, dem Alltag für ein paar Tage so konsequent und radikal zu entkommen, bin ich unendlich dankbar. Das gelingt mir nämlich in anderen Urlauben weitaus weniger gut.
Darüber hinaus finde ich dort etwas, nach dem viele Menschen suchen. Ich nenne es mal eine niedrigschwellige Form der Spiritualität. Etwas, das mein Herz berührt und mir irgendwo im Innen eine Wärme schenkt. Und das ist nicht allein die Freude über ein paar freie Tage in netter Gesellschaft mit Shiatsu-Massagen, Vollpension und Sauna. Auch nicht allein die Meditations- und Entspannungsangebote. Oder die Abendimpulse. Oder mein nächtliches Verweilen in einer, nur durch wenige Kerze erleuchteten, komplett stillen Kapelle für ein, zwei Stunden. Nein, diese Wärme kommt von weiter oben. Da bin ich mir sicher. Hatte ich nie so richtig als Option auf dem Schirm, ist aber glaub ich einfach so.
Und nicht zuletzt hatten die beste Ehefrau und ich auch in diesem Jahr wieder einige wundervolle Begegnungen mit anderen Gästen. Da war zum Beispiel diese ältere Dame, mit der ich in der ganzen Woche kein einziges Wort redete, die mich aber immer wieder – im Speisesaal, im Park, im Fahrstuhl – ganz glücklich, zufrieden und aus tiefstem Herzen ehrlich anlächelte. Auch ohne Worte eine schöne Begegnung. Oder die überaus witzige und schlaue Freundin einer Schwester, mit der zu speisen eine Freude war. Oder ein Ehepaar, das aufgeregt, etwas verlegen, aber verdammt glücklich und sehr, sehr rührend dort ihre goldene Hochzeit feierte.
All diese Faktoren – die Ruhe, die Spiritualität, die Begegnungen – wiederholen sich Jahr für Jahr. Langeweile empfinde ich deswegen aber nicht. Im Gegenteil: Was auf den ersten Blick und aus zahlreichen Perspektiven wie ein Sich-im-Kreis-drehen ausschauen mag, ist vielmehr eine Spiralbewegung. Aufwärts. Und das ist sicherlich nicht die schlechteste Richtung.

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