Freiheit

highway-498304_1920Auch wenn mein Lebenswandel in jenen Tagen nicht uneingeschränkt empfehlenswert war: Freiheit fühlte sich für mich nie wieder so echt, so greifbar und so real an, wie in den Monaten kurz vor und nach dem Abitur.
Zwischen dem Einberufungsbescheid und den durchtanzten Nächten in dunklen Clubs war alles möglich.
In den Partykellern gab es hinter kiffenden Mitschülern und Dosenbierpaletten immer eine Fototapete mit nichts als himmelblauer Weite.
Diese kleine Pause, die das Ende der Schulzeit und den Beginn von etwas Neuem trennte, fühlte sich wie ein Universum von Wegen an, die man einschlagen konnte. Die Welt erschien mir groß.

Für mich war Freiheit damals keine philosophische Idee. Es ging mir nicht um Diktaturen, Freiheitskampf und Politik. Freiheit war zuallererst ein egoistisches Erleben.
Das erste Auto, mit dem man wegfahren konnte. Wohin war egal. Weg war wichtig.
Die Diskobesuche in der Woche bis morgens um fünf. Und die eigene Unterschrift unter dem Fehlstundennachweis am Tag danach. Das war Freiheit.

Natürlich ahnte ich, dass dieses Gefühl nicht ewig anhalten würde. Aber es kümmerte mich nicht. Der einzelne Atemzug – im Hier und Jetzt – der war wichtig.
Diese Zwischenzeit endete schnell. Als die ersten Schulfreunde ihre Ausbildung begannen, wurde die Zeit des Nichtstuns schon bald eine Zeit der Langeweile. Ich hatte keine Verpflichtungen, konnte machen, was ich machen wollte. Aber der Kreis der Menschen, mit denen ich diese Freiheit erleben durfte, wurde von Woche zu Woche kleiner. Als ich endlich meinen Zivildienst antreten konnte, war ich froh, wieder etwas Struktur in meinem Leben zu haben.

Nach dem Zivildienst folgte eine Ausbildung zum Tischler, während der ich mich alles andere als frei fühlte. Und objektiv gesehen war ich es wohl auch nicht, denn wäre ich frei gewesen, hätte ich spätestens nach einem halben Jahr meine Sachen gepackt und mich aus dieser Mobbinghölle verabschiedet. Aber ich biss mich durch jeden einzelnen Tag, durch jede Woche, jeden Monat. Als ich mit dem Gesellenbrief in der Hand vom Hof der Tischlerei fuhr, schwor ich mir, diesen Ort nie wieder zu betreten. Für einen Moment war ich wieder leicht und frei. Und ich merkte, dass Freiheit auch immer die Abwesenheit von schlechten Menschen ist.

Dann kam die Unizeit und ich zog ins Studentenwohnheim. Alles kann, nichts muss, war die Devise. Ich konnte zu Vorlesungen gehen, musste es aber nicht. Ich konnte auf WG-Partys gehen, auf Wohnheimpartys, auf Fachschaftspartys und Uni-Partys. Auch das musste ich sicherlich nicht, ich tat es aber trotzdem. Nachts arbeitete ich in einer Disko, um mein Leben zu finanzieren. Dabei blieb natürlich das Lernpensum auf der Strecke. Auch diese Jahre waren im Nachhinein betrachtet bestimmt nicht nachahmenswert. Dass das alles nicht gut gehen konnte, war mir bereits damals klar. Aber ich nahm mir die Freiheit Entscheidungen zu treffen, die objektiv betrachtet eben nicht gut waren.

Zwischen den Tagen an der Uni und den Nächten in der Disco begann ich zu schreiben, Kurzgeschichten, Gedichte, so etwas halt. Und ich begann das, was ich schrieb in die Öffentlichkeit zu bringen, nahm an Wettbewerben teil und hatte ein paar kleine Erfolge. Ich schrieb mehr, arbeite mehr und ging gar nicht mehr zur Uni. Irgendwann begrub ich die Vorstellung ein Architekt zu werden und exmatrikulierte mich an der einen Uni, um mich ein paar Tage später an einer anderen Uni für ein anderes Studium einzuschreiben. Eines, bei dem jeder immer fragte, was das denn genau sei.

Während dieser Zeit lernte ich eine weitere Art der Freiheit kennen: Ich war Kandidat in einer Quiz-Show im Fernsehen, hatte ein wenig Glück und erspielte einen Geldbetrag, für den ich heute vielleicht ein halbes Jahr arbeiten müsste, der mir damals aber unglaublich gewaltig vorkam. Geld war auf einmal nicht mehr so wichtig, denn es war einfach da. Und zwar auf meinem Konto. Und Geld wird immer nur dann wichtig, wenn es fehlt. Ich zog aus dem Studentenwohnheim in eine kleine Wohnung im schlimmsten Viertel der Stadt, und wieder dachte ich, dass dieser Schritt mich ein Stück weiter in Richtung Freiheit führen würde.

Dann lernte ich die Frau kennen, die ich ein paar Jahre später heirateten sollte. Ich hinterm Tresen, sie davor. Klassisch-kitschig. Nach einem Jahr zogen wir zusammen, weil es uns zueinander zog. Jeder von uns beiden verließ seine vier Wände, um in gemeinsamen vier Wänden neu anzufangen.

War die Heirat ein paar Jahre später das Aufgeben von Freiheit? So, wie viele überzeugte Singles es gern darstellen? Für mich nicht. Mit dieser Frau nicht. Das wollte ich genauso. Und das will ich immer noch. Es war ähnlich wie nach dem Abi. Alleine macht die Freiheit keinen Spaß. Wenn man allein ist, erreicht die Summe der Möglichkeiten das Stadium der Beliebigkeit und die Freiheit wird schwer wie Blei an den Füßen.

Einmal noch kämpfte ich mit der Freiheit, da ging es um meine berufliche Zukunft. Und ich entschied mich gegen die Freiheit. Das war 2009. Ich gewann mehrere Förderpreise und wurde als Stipendiat nach Klagenfurt eingeladen – ungefähr das Größte, was man als Nachwuchsautor erreichen kann. Ich hätte alles auf eine Karte setzen müssen, meinen Job in der Disko an den Nagel hängen und schreiben können. Ein gutes Buch. Ein wichtiges Buch. Aber, was ich machte, war genau das Gegenteil: Ich schmiss auch mein zweites Studium und begann ein Volontariat zum Redakteur. Ein Vollzeitjob, der mir auf Jahre hinweg die Energie raubte, literarisch zu schreiben. Ich hatte die Sicherheit des Alltags gewählt, mit festem Einkommen, nicht die Freiheit eines Schriftstellers. Vielleicht, weil ich mit zu viel Freiheit einfach nicht besonders gut klar komme.
Auch heute hadere ich noch manchmal mit dieser Entscheidung. Nicht oft. Aber immer mal wieder. Ich lebe damit.

Seit dem Abi sind 20 Jahre vergangen und ich habe gelernt, dass man Freiheit ganz unterschiedlich erfahren kann. Ich weiß, dass sie nicht immer etwas Positives mit sich bringt, dass sie manchmal nur ein ganz kurzes Durchatmen ist – kein dauerhaftes Glück. Sie ängstigt mich, aber ich bin mir sicher, dass die Freiheit Entscheidungen zu treffen das wertvollste Gut ist, dass wir Menschen besitzen können. Ein Schatz, den wir viel zu oft viel zu leichtfertig abgeben.
Aus Bequemlichkeit.
Der Karriere wegen.
Aus Angst vor Enttäuschungen.

Weil wir vernünftig sein wollen oder weil man etwas einfach nicht macht.
Aber das ist Quatsch. Wenn wir wollen, können wir fast alles tun.

In diesem Land können wir anziehen, was wir wollen, wir können uns die Haare blau färben, wenn wir wollen, wir können die schrecklichen Pralinen, die uns Tante Frieda zu jedem Geburtstag schenkt, ablehnen.
Wir können unser Konsumverhalten hinterfragen. Ändern. Wir sind frei, der Werbung zu widersprechen, die uns weismachen will, dass wir wieder ein neues Mobiltelefon brauchen.
Wir können unsere ungeliebten Jobs kündigen und unseren Chefs mal die Meinung sagen.
Wir können eine Partei gründen, um endlich die Politik zu machen, die wir in diesem Land vermissen.
Wenn wir nur wollen.
Wir können so sein wie wir sind. Wenn wir wollen.
Und ich glaube, dass Gott es ganz toll fände, uns so zu sehen, wie wir wirklich sind.

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