Werdet Zweifler

IMG_20150211_143030Zweifelt an allem. Und zwar wirklich an allem. Zweifelt bereits morgens beim Aufwachen an dem Tag, der vor euch liegt. Und zweifelt abends beim Einschlafen an euren Träumen. Setzt euch an den Rechner und zweifelt an der Google-Ergebnisliste, zweifelt an den Wikipedia-Einträgen. Besser noch: Editiert jeden Eintrag mit dem Vermerk eures Zweifels. Glaubt nichts unangezweifelt, was euch die Schule lehrt. Glaubt nicht an richtige Mathe-Ergebnisse, nicht an Rechtschreibung, nicht an physikalische Gesetze. Zweifelt wirklich an allem.
Zweifelt an der Tagesschau, zweifelt an der freien Presse, zweifelt immer an der unfreien Presse. An rechts und links, an Spiegel, FAZ und taz. An Junge Freiheit, Welt und Bild. Zweifelt an Pegida, Legida, Dügida und an Menschen, die kaum in der Lage sind ihren eigenen Namen zu buchstabieren. Zweifelt an den Abendlandrettern. Und zweifelt genauso an denen, die gegen Pegida, Legida und Dügida demonstrieren. Zweifelt die behäbige und selbstverliebte Haltung des richtigen Handelns an.
Zweifelt am Gendermainstreaming, an Homoehe und Klimawandel. Verwerft die Vergangenheit und verwerft eure Zukunft und lehnt die Gegenwart ab. Zweifelt an den Worten der Islamisten, Salafisten und all jenen, die das wahre Wort eines einzig wahren Gottes verkünden. An Gott müsst ihr zweifeln und an eurem Glauben, falls ihr wirklich noch glaubt, statt zu zweifeln. Stellt all die Politikerphrasen in Frage. Macht Parteien überflüssig, indem ihr ihnen misstraut. Sie sind nichts als Kaninchenzuchtvereine, die politische Verantwortung simulieren.
Zerzweifelt das System.
Seid freie Radikale. Frei von Gewissheit und Glauben. Meinungsfrei. Zweifelt an Pop und Rock und Punk. Stellt Punk in Frage und werdet dadurch Punk itself. Vergesst McDonalds und Demeter, vergesst Kernenergie und Windkraft, Chlorhühnchen und Biohofidylle. Sie sind das Yin und Yang eurer Unfreiheit. Verzweifelt am Leben, an Wahrheit und Realität. Zweifelt an der Mondlandung, an den offiziellen Ergebnissen zum Mord an JFK und am 11. September. Zweifelt grundsätzlich an allen Verschwörungstheorien.
Zweifelt, wenn sie euch loben, zweifelt, wenn sie euch tadeln. Zweifelt an den Gesetzen, Sanktionen und Ehrungen. Zweifelt an den Querulanten, die jede Regel hinterfragen wollen. Zweifelt an der Aussage jedes geschriebenen Wortes. Zweifelt an Shakespeare, Brecht und all den Klassikern, die euch eine Aussage mit auf den Weg geben wollen. Zweifelt an Luhmann, Adorno und Deleuze. Zweifelt an der Trauer einer Sarah Kane, zweifelt am Theater und zweifelt an der Musicalscheiße. Auf Rollschuhen. Im Katzenkostüm. Im Boxring. Egal.
Zweifelt der Welt ins Gesicht, zweifelt in den Spiegel, in den Himmel, in die Nacht und in den Tag. Zweifelt an dem Schmerz, den ihr fühlt, wenn ihr euch kneift und fragt, ob das alles echt ist. Nichts kann echter sein als euer Zweifel. Zweifelt am Schmerz einer Rasierklinge, die über eine Stirn gezogen wird. Zweifelt am Blut, das aus der Wunde tropft. Zweifelt am Effekt. Zweifelt an den Arschlöchern und an den Heiligen. Vielleicht sind sie die Rettung, vielleicht sind sie unser Untergang. Ihr werdet es nicht erfahren, wenn ich nicht alles hinterfragt und endlich beginnt zu zweifeln. Befreit euch von allem. Zweifelt an diesem Text. Zweifelt, weil er Dinge auslässt, an die zu Zweifeln wichtig wäre. Werdet Zweifler. Werdet Zweifel.
Werdet frei.
Werdet Luftmoleküle.
Werdet ätherisch.
Löst euch auf in euren Zweifeln.
Findet das Nichts und findet in dem Nichts euch.
Geht zweifelnd ins Nirwana, ins Paradies, in die Hölle.
Zweifelt an eurem Weg.
Zweifelt an euren Zweifeln.

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