Weitere Dinge: Baumärkte

tool-379595_1920Männer lieben Baumärkte, heißt es. Zumindest, wenn man sich das Stimmungsbild in Mario-Barth-affinen Milieus anschaut. Wahrscheinlich ist an diesem Klischee auch ein Fünkchen Wahrheit. Runtergebrochen auf meine eigene Lebenswahrnehmung heißt das: Ja, ich bin ein Mann und was soll ich sagen … es gibt Orte, an denen ich mich weniger wohl fühle. Eine Landzahnarztpraxis in Brandenburg etwa. Die Hochzeitsgesellschaft eines IS-Kämpfers bei seiner Vermählung mit einer 13-jährigen Kriegsbeute etwa. Oder einfach: ein freier Stuhl neben Ursula von der Leyen.
Also da bin ich dann schon lieber in einem Baumarkt.
In einem Baumarkt habe ich eine Ahnung davon, wie sich Frauen in einem Schuhgeschäft fühlen müssen. Es geht ja nie wirklich darum, ob man etwas braucht – seien es ein Paar hinreißende schwarze Pumps aus Nubukleder oder ein neuer funkelnder Stechbeitel. Beide Gegenstände lassen schlicht die Fantasie des Käufers Achterbahn fahren. Vor unseren geistigen Augen sehen wir unser Alltagsleben. Fraun sehen dreckige Schuhe, angemackte Schuhe, Schuhe, die uns nicht gefallen. Und Männer sehen ebenso die alte Werkzeugkiste im Keller mit den verrosteten Stechbeiteln. Gebraucht, benutzt. Nicht so schön eben. Nicht so modern eben. Nicht so gut eben.
Und dann sind wir im Laden, die Mädels im Schuhgeschäft, wir Kerle bei Hellweg, Hornbach, Bauhaus. Und schlagartig wird uns die Möglichkeit eines Lebens bewusst, das wir eigentlich schon immer leben wollten. Egal ob neue Louboutins oder Hilti. Nur mit ihnen können wir so sein, wie wir wirklich sind. Besser. Glänzender. Strahlender.
Denken wir.
Natürlich ist da ganz tief hinten im Kopf die Ahnung, dass das alles Quatsch ist. So, wie wir auch irgendwo ganz tief hinten im Kopf wissen, dass Angela Merkel vielleicht nicht die bestmögliche Kanzlerin dieses Landes ist. Oder dass Worte und Taten der IS-Leute vielleicht doch etwas mit der Religion zu tun haben. Aber das schieben wir beiseite. Und selbst das Engelchen auf unseren Schultern ignorieren wir. Es erklärt uns, warum die alten Stechbeitel in der Werkzeugkiste verrostet sind: Nämlich einfach, weil wir sie in den vergangenen zehn Jahren nicht einmal genutzt haben.
Egal, in Baumärkten schaltet unser Gehirn ab.
Und ich möchte mich selbst da auch gar nicht ausschließen. Auch, wenn es sicherlich kaufsüchtigere Kerle als mich in den Heimwerkerabteilungen dieses Landes zu finden gibt, denn ich schaffe es durchaus durch die heiligen Hallen zu gehen ohne bei jedem Besuch einen neuen Akkuschrauber zu kaufen.
Aber spannend ist es schon.
Vor allen Dingen ist es unglaublich spannend das Verhalten der zwei Spezies zu beobachten, die sich dort, in den Hellwegs und Hornbachs dieser Welt, aufhalten. Auf der einen Seite: die Einkäufer. Sucher, Nurmalschauer, Nichtfinder. Auf der anderen Seite: die Angestellten. Verkäufer, Infostandbewacher, Kassierer. Begegnungen zwischen diesen beiden Arten sind äußerst selten, denn Angestellte von Baumärkten haben magische Kräfte und können von einer Sekunde auf die andere im Nichts verschwinden. Wem diese Erklärung zu metaphysisch erscheint, dem biete ich eine zweite Variante an: Die Baumarktverkäufer dieses Landes haben im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ein weit verzweigtes unterirdisches Tunnelsystem gegraben, an das alle Baumärkte angeschlossen sind. Kurz nach Schichtbeginn treffen sie sich in einer riesigen unterirdischen Kathedrale und feiern in mächtig exzessiven Partys sich selbst, ihre Unverschämtheiten und ihren Da-kann-ich-ihnen-jetzt-auch-nicht-weiterhelfen-Blick. Ich halte diese Erklärung für sehr wahrscheinlich. Die Eingänge zu diesem Tunnelsystem sind stets unter irgendwelchen Regalen verborgen. Wie oft sind Sie bereits in einem Baumarkt hinter einem Verkäufer hergelaufen, er bog in einen Gang – Sie vielleicht zwei, drei Meter dahinter – biegen ebenfalls ein und zack … weg war der Verkäufer.
Ich sage nur Tunnelsystem.
Die seltenen Fälle, in denen die zwei Arten dann doch einmal aufeinandertreffen, sind im Allgemeinen geprägt von einem Unverständnis, das sehr schnell in Aggression umschlagen kann.
Man spricht unterschiedliche Sprachen. Man missversteht sich. Man mag sich nicht.
Berichte von zuvorkommenden, hilfsbereiten Baumarktverkäufern können getrost als Urban Legends bezeichnet werden.
Falls Sie also wirklich einmal auf einen Baumarktverkäufer treffen sollten: Fragen Sie nicht nach den 3,5 x 35 Spax-Schrauben, fragen Sie nicht nach dem Weg zum Maleracryl. Fragen Sie auch nicht nach dem Quadratmeterpreis einer bestimmten Fliesensorte. Wenn Sie einen sehen, fragen Sie ihn nach dem Tunneleingang.
Die Chance, auf diese Frage eine Antwort zu bekommen, ist immer noch am größten.

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