Stopp

stop-sign-744192Auf dem Weg zu meiner ehemaligen Arbeitsstelle musste ich täglich von einer kleinen Landstraße auf eine große, stark befahrene Bundesstraße abbiegen. Freie Sicht nach links für mindestens 500 Meter. Freie Sicht nach rechts: noch weiter. An der Einmündung forderten Stoppschild und Haltebalken den ankommenden Autofahrer unmissverständlich auf, seinen Wagen anzuhalten und erst nach einem kurzen Stillstand auf die Bundesstraße einzubiegen.
Ich habe das Stoppschild oft überfahren. Morgens um 7.00 Uhr, wenn 500 Meter weit nach links kein Auto zu sehen war und rechts ebenso gähnende Leere herrschte. Ich fuhr auf die Kreuzung zu, sah, dass die Bundesstraße frei war und bog ab. Gründe gab es genug. Manchmal war ich etwas zu spät dran, manchmal dachte ich gerade an den kommenden Arbeitstag. Und manchmal hatte ich einfach keine Lust, mich augenscheinlich sinnlosen Regeln zu beugen. Wofür sollte ein Stoppschild schon gut sein, wenn weit und breit kein Auto kommt?
Gut angefühlt hat sich das nie. Nun nagte zwar nicht ein megaschlechtes Gewissen an mir, aber … es fehlte etwas.
Irgendwann, es gab keinen besonderen Anlass, fing ich an, dieses Stoppschild bewusst wahrzunehmen und es zu befolgen. Morgens um 7.00 Uhr hielt ich – so wie es mir mein Fahrlehrer vor 20 Jahren erklärt hatte – an der leeren Einmündung am Haltebalken an, zählte 21, zählte 22 und bog auf die Bundesstraße ab.
Mit der Zeit wurden dieses Stoppschild und meine zwei Sekunden Wartezeit davor zu einem Ritual für mich. Und zwar wirklich für mich. Der Verkehr war egal, ich begann diese Mini-Auszeit zu genießen. Für zwei Sekunden hielt ich an, ließ alles los. Keine Arbeit im Kopf, kein Einkauf, keine Rechnung, keine Termine. Zwei Sekunden nur ich, ein Atemzug nur ich. Ein Gedanke für mich.
Inzwischen hat sich diese Mini-Auszeit so verfestigt, dass ich an jedem Stoppschild bewusst anhalte und mir diese zwei Sekunden schenke. Egal wie sinnlos es in der jeweiligen Verkehrssituation auch erscheinen mag. Ich halte an, ich stoppe, ich atme. Ich zähle 21, ich zähle 22 und dann starte ich wieder.
Zurück in den Alltag.

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