Weitere Dinge: Schlenkermäppchen

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Nicht mehr aus Leder, trotzdem geliebt. Das Ruhr.2010-Mäppchen des Autors.

Die treuen Begleiter unserer Schulzeit hatten viele Namen: Schlenkermäppchen, Schlamperl, Stiftrolle oder einfach Lederetui. Aber eines ist sicher: Ohne sie ging in den 1980er-Jahren nichts in den Klassenräumen der friedensbewegten Bonner Republik. Mal war der treue Schulstundenbegleiter heller, mal dunkler, mal eher aus Wildleder, mal glatt, aber dieses Utensil sozialisierte eine ganze Generation von Schülern auf gleich mehrfache Art und Weise.
Zum einen waren die Schlenkermäppchen ein sichtbares Zeichen für den Übergang vom unmündigen fremdbestimmten Kind hin zum reifen, verantwortungsbewussten Pubertierenden. Ein Symbol der Initiation, das zeigte, dass wir Schüler im zarten Alter von elf oder zwölf Jahren nun endgültig dem Stadium der normalen Etuis mit Scout-Aufdruck entwachsen waren.
Zum anderen wurden diese Lederrollen mit zunehmender Gebrauchsdauer immer mehr zu einem analogen Vorläufer von Facebook. Elementar wichtige Informationen über den Besitzer wurden darüber einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Die Namen der Lieblingsbands etwa, die liebevoll und möglichst originalgetreu in bemerkenswert akribischer Handarbeit darauf gemalt wurden. In der Regel waren das The Smiths, U2 und Depeche Mode bei den Mädchen und Iron Maiden, Sodom und Slayer bei den Jungs.
Darüber hinaus waren die Schlenkermäppchen ein sehr sensibler Seismograph für das Beziehungsgeflecht innerhalb des Klassenverbandes: Welcher Klassenkamerad durfte wo auf der Stiftrolle unterschreiben? Welche Namen fehlten? Und welche waren durchgestrichen? Ja selbst der aktuelle Beziehungsstatus konnte anhand von einfachen Gleichungen wie M. + T. = ♥ recht genau abgelesen werden.
Hilfreich waren sie aber auch im Lernalltag, denn in dem unvermeidlichen Chaos zwischen Kugelschreibern, Bleistiften und Textmarkern ließen sich prima mittelgroße Spickzettel mit binomischen Formeln, unregelmäßigen Verben oder der Photosynthesebilanz verstecken. Einzig im Mathe- und Physikunterricht zeigte sich die eklatante Schwäche der Schlenkermäppchen: das benötigte Geodreieck passte nicht hinein. Das verschwand dann meist unauffindbar in den nicht minder chaotischen Rucksack, zerbach oder pikste Löcher in noch gefüllte Capri-Sonnen-Tüten, deren Zuckerlösung dann die Hausaufgaben im Matheheft ruinierte.
Aber das war der Preis, den wir auf dem Weg ins Erwachsenenleben zahlen mussten.
Und wir taten es gern.

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