Weitere Dinge: Ravioli aus der Dose

IMG_20160210_164116

Es gibt Dinge, die prägen ganze Generationen, oder Lebensabschnitte, oder Biografien, bevor sie irgendwann, nicht selten urplötzlich, wieder aus dem Leben verschwinden.
Vielleicht war Tetris so ein Ding. Oder die Brisk Frisiercreme. Oder der Trabant 601. Und ich wage zu behaupten: Dosenravioli von Maggi sind auch solch ein Ding. Jeder, der zwischen 18 und 50 Jahre alt ist, hat wahrscheinlich ganz ähnliche Assoziationen und Erinnerungen, wenn er die rot-gelben Büchsen im Supermarkt sieht.

Zuerst ist da die Kindheitserinnerung: Zu Grundschulzeiten haben wir Ravioli geliebt. Die gab es immer, wenn es schnell gehen sollte. Oder wenn Mutti uns etwas Gutes tun wollte. Wenn sie uns etwas Supergutes tun wollte, gab es noch ein Spiegelei oben drauf. Das war herrlich.

Einige Jahre später spielten die Ravioli dann wieder eine Rolle. Und zwar eine von nahezu überlebenswichtiger Dimension. Da waren wir alle so alle 18, 19, 20 und hatten gerade das Abi gemacht, studierten, hingen im Sommer an Baggerseen ab und besuchten Musikfestivals. Und was haben wir damals gefressen bei Rock am Ring? Oder beim Zillo-Festival? Auf Wacken? Bei jedem verdammten Zelten an irgendeinem See in den Sommerferien? Kalt haben wir sie gefressen, die Maggi-Ravioli. Aus der Dose haben wir sie gefressen. Die hatte vorher natürlich irgendwer mit einem Taschenmesser aufsägen müssen. Wir hatten doch nix, damals. Und ein Dosenöffner war ungefähr das Letzte, an das wir gedacht haben. Damals. Unser ganzes Hab und Gut ging doch für die Festival-Karten drauf, für Bier, für Gras, vielleicht noch für ein Festival-Shirt und eine Packung Gummis. Die haben wir aber eh nicht gebraucht, weil wir doch immer viel zu betrunken waren, um noch vögeln zu können.
Wenn wir an Verhütung dachten, dann daran, wie wir verhüten konnten, die kalt gefressenen Teigtaschen in Tomatensoße wieder zurück ins Zelt zu kotzen. Der Austausch von Körperflüssigkeiten auf Festivals beschränkte sich auf genau … ach lassen wir das.
Ein Freund von mir hatte damals die kurzfristig glorreiche Idee, etwa eine halbe Flasche Tabasco über die sich noch in der Dose befindlichen kalten Ravioli zu kippen. Man würde – so seine Argumentation – gar nicht bemerken, ob die Scheiße nun kalt sei oder heiß. Und was soll ich sagen, es funktionierte wirklich. Man hatte einen hochroten Kopf, Schweißperlen auf der Stirn und fühlte sich schon ein wenig geil, weil man so ein knallharter Kerl war. Dass die Ravioli kalt gewesen waren, hatte man wirklich nicht bemerkt. In diesem schönen Gefühl des Sieges sonnte man sich dann weiter bei Bier, lauter Musik und Albereien auf dem Zeltplatz. Dass die Idee mit dem Tabasco vielleicht nicht die beste Idee war, merkte man erst etwa einen Tag später.
Wer einmal in seinem Leben den – wie ein Höllenfeuer brennenden – Stuhlgang, auf einem von etwa 10.000 alkoholisierten Festivalbesuchern vollgeschissenen Dixi-Klo absolviert hat, weiß wovon ich schreibe!

Irgendwann ließen die Festivalbesuche nach, wir wurden älter und Ravioli spielten keine Rolle mehr in unserem Leben. Schließlich gab es jetzt Rucola, vegetarisches Hummus und Black Angus Rumpsteaks zum Kilopreis von 54,95 Euro. Niemand dachte überhaupt noch an Ravioli von Maggi.
Ich zumindest nicht.

Bis zum letzten Jahr. Als die beste Ehefrau und ich dieses Haus sanierten und monatelang in einem entkernten Altbau arbeiteten. Um nicht täglich den Pizzaboten kommen zu lassen, zur Pommesbude zu fahren oder nach McDonalds, hatten wir uns eine alte Mikrowelle in den Keller gestellt. Zeitweise war das der einzige Raum, in dem man gefahrlos eine kleine Mahlzeit zu sich nehmen konnte. Und als wir also irgendwann in jenen Tagen in unseren Arbeitsklamotten, bedeckt von einer dicken Schicht Baustellendreck durch den Supermarkt liefen, kamen wir am Regal mit den Ravioli-Büchsen vorbei. Ja, warum eigentlich nicht, dachten wir. Ist schnell, ist billig und als Kind haben wir die Dinger geliebt. Also zwei Dosen gekauft und eine Portion direkt in der Mikro aufgewärmt.
Was soll ich sagen? Manche Dinge aus der Kindheit sollten besser dort verbleiben. Holt man sie in die Gegenwart, verlieren sie ihren Charme. Die Ravioli machten eben nicht das wohlig-warme Kindheitsgefühl. Sie machten auch nicht satt. Mit einer Lebenserfahrung von 40 Jahren muss man einfach sagen: Die Dosenravioli sind schon eine ziemlich ekelige Angelegenheit. Sie sind weich-verkocht, die Soße schmeckt nach ich-weiß-nicht-was und bei der konsistenzlosen Füllung betet man, dass die Grundzutat wenigstens aus Pferdefleisch besteht und nicht aus etwas noch viel Schlimmeren.
Nein, Dosenravioli sind keine Option mehr.
Die zweite Dose stand dann noch lange hier im Schrank rum – der Mist hält sich ja ewig und übersteht wahrscheinlich auch einen Atomkrieg. Immer mal wieder hatte ich sie in der Hand. Wollte sie nicht wegwerfen, wollte sie nicht essen.
Irgendwann tat ich es dann doch und gab den Ravioli eine zweite Chance.
Sie nutzen sie nicht.
Aber jetzt sind sie weg.

Advertisements

4 Gedanken zu “Weitere Dinge: Ravioli aus der Dose

    • Ja, einen BOgen sollte man wirklich ab einem gewissen Alter darum machen. Was ich mich allerdings frage: Wie machen das eigentlich Eltern in meinem Alter, die Ravioli-liebende Kinder haben. Zwängen die sich dann den Mist notgedrungen rein? Oder sind die Geschmacksnerven so hormonell gesteuert, dass die Dinger – also die Ravioli – auf einmal wieder halbwegs okay schmecken? Weil sie vom eigenen Kind gemocht werden?
      Solche komischen Gedanken gehen mir durch den Kopf.

  1. Ich habe auch mal den Fehler gemacht und wollte genau diese Kindheitserinnerung auffrischen. Wie gesagt: Fehler!
    Ich bin inzwischen sogar fast froh, dass meine Jungs generell Ravioli nicht mögen, die aus der Dose lernen sie dann vielleicht mal im Studium oder auf Festivals kennen *g*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s