Erste Momente: Das erste Auto

In unserer Erinnerung war ja früher alles besser, alles wilder, alles etwas mehr Rock’n’Roll. Und wenn wir mal ganz ehrlich sind: Es stimmt auch meistens. Wir feierten wilder und sorgloser, Regeln wollten wir eher brechen als befolgen und überhaupt: Es gab auch weniger Regeln. Vielleicht auch: etwas weniger Vernunft.
Es war eine herrliche Zeit.
Fahrradhelme?
Am Arsch.
Rauchverbote in den Hörsälen an der Uni?
Nie im Leben!
Verschiedene Mülltonnen für Plastik, Biomüll, Restmüll?
Wahnsinn!
Erinnert ihr euch noch an euer erstes Auto? Klar erinnert ihr euch. Das erste Auto war für uns Kinder der 1970er und 1980er Jahre ja der eigentliche Eintritt in ein selbstbestimmtes Leben. Der 18. Geburtstag war wichtig, aber so richtig frei fühlten wir uns erst mit dem eigenen Auto unterm Hintern. Wir wollten in ihnen weg – egal wohin. Zu Konzerten, zum Zelten, in Diskos, nach Holland. Mit dem eigenen Auto waren diese Optionen immer vorhanden.

beetle-828712_1280Das eigene Auto war pure Emotion, nichts, was sich rational begründen ließ. Die wenigsten Schulkameraden benötigten wirklich einen Wagen, weil etwa ihr Schulweg so lang war und trotzdem wollten wir alle ein Auto haben. Egal wie, egal um welchen Preis. Entsprechend abenteuerlich sah ein Fuhrpark der gymnasialen Oberstufe Anfang der 1990er Jahre an meiner Schule aus. Es gab alte ausgemusterte Schlachtschiffe aus großelterlichen Beständen – etwa einen Opel Senator mit drei Litern Hubraum und anfängerungeeigneten 150 PS, dafür aber mit elektrischen Fensterhebern. Es gab uralte Passats, deren quadratmetergroße Rostschäden durch die seinerzeit sehr beliebten Farbklecksaufkleber verdeckt wurden. Es gab – natürlich – den obligatorischen VW Käfer. Und aufgrund irgendwelcher mir nicht erschließbaren Gesetze fuhren die Kiffer komischerweise immer einen Bulli.
Die Könige der automobilen Individualisierung waren Jungs, die ausgemusterte Kübelwagen aus Bundeswehrbeständen, Strandbuggies oder andere völlig unvernünftige Fahrzeuge fuhren.
Während die Mädchen ihre Wagen durch Namen und Plüschtiere personalisierten, waren für Jungs zwei ganz andere Sachen entscheidend. Aufkleber der Lieblingsbands auf der Heckscheibe und möglichst große, laute Boxen in der Hutablage.
Was meine eigene Auto-Entwicklung angeht, war ich etwas spät dran. Irgendwann in den endlosen Monaten zwischen Abitur und dem Beginn des Zivildienstes – ich muss bereits 19 gewesen sein – war es dann aber doch soweit. Ich kaufte mir bei einem türkischen Gebrauchtwagenhändler einen grasgrünen Opel Kadett D. Der Preis lag, glaube ich, bei 2.000 Mark und natürlich war es eine Schrottkarre. Aber das war damals egal. Das war der Deal. Der Händler erzählte zwar, was für ein tiptop Fahrzeug der Kadett sei, aber, ich meine, die tunesischen Basar-Händler erzählen einem ja auch, dass Rolex, Gucci-Handtasche und Prada-Shirt auf jeden Fall echt und von einer tiptop Qualität sind.
Ich kaufte also diesen Kadett D und freute mich besonders über die bereits vorhandenen riesigen Boxen auf der Hutablage. Ich beschallte fortan die halbe Stadt entsprechend meiner damaligen musikalischen Vorliebe mit Songs von Goethes Erben, Das Ich, Relatives Menschsein oder Lacrimosa. Immer laut, immer Fenster unten, immer traurig.
Traurig vielleicht auch, weil die Karre eine Zeit lang einen Spritverbrauch von 18 bis 20 Litern hatte, bis ich den Vergaser reinigen ließ. Außerdem klackerten in Rechtskurven die Radlager, nicht selten ging während der Fahrt beim Treten der Kupplung der Motor aus und der Aschenbecher war immer voll.
Ich fuhr den Wagen trotzdem bestimmt ein gutes Jahr. Fuhr endlich in die Clubs, in die ich fahren wollte, besuchte Konzerte in weit entfernten Städten wie Gelsenkirchen, knutschte ein wenig mit Mädchen auf dem Beifahrersitz und fühlte mich frei. Eine ganze Weile lang hing am Handschuhfach des Kadetts eine Grabschleife mit der Aufschrift „Als letzter Gruß“, die wohl – entsprechend meiner damaligen Vorlieben – auf einem Friedhof den Weg zu mir gefunden hatte. Oh wundervolle Zeit des Heranwachsens. ford-164518_1280
Irgendwann war der Kadett dann aber hinüber. Woran er genau verreckte weiß ich nicht mehr. Ich kaufte dafür einen Ford Escort und durfte den Opel kostenlos beim Händler entsorgen.
Und heute?
Die Hannahs, Tjorbens und Finns von heute sind wirklich arm dran in ihren von den Eltern neu gekauften, CO2-neutralen, drei Liter Sprit verbrauchenden, mit acht Airbags ausgestatteten Sicherheitszellen auf vier Rädern im uniformen Kleinstwagenformat.
Alles so glatt, sauber, sicher und vernünftig.
Aber vielleicht benötigt die heutige Abi-Generation das Auto auch gar nicht mehr als Fluchtfahrzeug aus dem Alltag. Vielleicht wollen die alle gar nicht weg aus ihren Reihenhausdachgeschossen. Vielleicht finden sie ihren Alltag super. Oder sind einfach so genervt von den verklärten Geschichten ihrer Eltern über das erste Auto und Freiheit und Unvernunft, dass sie sich abgrenzen müssen und Autos einfach albern finden.
Das wäre eine Erklärung.

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