Stuckrad-Barre: Im Panikherz der Finsternis

Man muss aufpassen. Mit diesem Satz endet Panikherz, das neue, das autobiografische, das endlichschreibterwieder-Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre. 560 Seiten von Aufstieg, anschließender – bereits in diesem Aufstieg angelegten – Schussfahrt nach ganz unten und dem finalen Einpendeln des Autors auf Langlaufloipen-Niveau. Ein Buch über das Erwachsenwerden und den Entzug vom Träumen. Ein Buch über Helden. Ein wahnsinnig gutes Buch.

Ich muss aufpassen, habe ich als Warnung natürlich sofort im Hinterkopf, wenn ich über Stuckrad-Barre schreibe. Zu groß-grandios ist er in meiner Vorstellung. Seit 1998, als Soloalbum erschien. Zu ehrfurchtsvoll lese ich seine Bücher – immer mal wieder. Er ist mir zu sehr Vorbild und Begleiter für meine eigene Schreiberei. Jetzt also Panikherz, sein erstes abendfüllendes Buch seit gefühlt 100 Jahren. Stuckrad-Barre beschreibt darin seine – Personalchefs nutzen in Vorstellungsgesprächen dafür gern die Formulierung nicht geradlinige – Biografie. Kindheit, Schule, Abi und jede Menge Jobs über die er immer näher an die Popgrößen und an seine ganz persönlichen Helden rankommt. Udo Lindenberg, Bret Easton Ellis, Helmut Dietl, Harald Schmidt. Alle tauchen in Panikherz auf, wobei Udo Lindenberg dabei die größte Rolle zukommt. Diese bedingungslose Grundliebe Stuckrad-Barres zum Urgestein Lindenberg ist wundervoll in Szene gesetzt, spinnt sich durch das komplette Buch und macht den Autor mit all seiner Unsicherheit sehr, sehr menschlich. Ein nervöser aufgeregter Fanboy. Kennt man ja von sich selbst.

Das liest sich leicht und ist so rasiermesserscharf beobachtet und beschrieben, wie man es von Stuckrad-Barre kennt.

Der Mittelteil des Buches hat mich dann echt mitgenommen. Drogen, Abstürze, mehrere Entzüge und immer, immer weiter Vollgas. Da vorne ist die Wand auf die ich zurase, also dann wollen wir nochmal richtig aufs Pedal treten und es beim Aufprall schön krachen lassen. Den Beschreibungen über zerstörte Hotelzimmer, Kontrollverlust, die Vermüllung des Lebens zu folgen, ist wirklich anstrengend. Eine Spirale aus Rausch, Angst und spießigem Junkiealltag. Immer geht es noch weiter. Und vor allen Dingen: runter. Tiefer. Das ist eine Suchtstruktur, die man als normaler Mensch nicht nachvollziehen kann und vielleicht tut diese vollkommen unglamouröse Beschreibung genau deshalb so weh. Es endet dann wirklich ganz unten. Ohne Geld, ohne Kredit- oder EC-Karte, ohne Wohnsitz sowieso und ohne Plan, wie es weitergehen soll. Man muss aufpassen. Hat halt nicht geklappt.

Bereits da ist Udo Lindenberg vom angehimmelten überdimensionalen Star zum väterlichen Freund geworden, der den Autor mit einer entwaffnenden naiven Weisheit unter seine Fittiche genommen hat. Udo weiß immer Rat, Udo hilft immer. Schließlich kennt er all die künstlichen Paradiese und die Vertreibung daraus.

Der letzte Teil des Buches ist dann sehr ruhig und – im wahrsten Sinne des Wortes – nüchtern gehalten. Stuckrad-Barre ist clean, trinkt Kamillentee in einem Hotel in L.A. und betrachtet die Welt, die Gesellschaft, seine Popstar-Helden und sich selbst von außen. Das ist kein Rock’n’Roll mehr. Das ist vernünftig und erwachsen und natürlich auch ein klein wenig langweilig. Aber man muss halt aufpassen.

IMG_20160321_115529Ein Gedanke hat mich durch das ganze Buch begleitet. Ich weiß nicht, ob es Stuckrad-Barre jemals in den Sinn gekommen ist, dass er inzwischen doch längst selbst zu einem Lindenberg für andere Menschen geworden ist. All das, was er über Udo schreibt, die Begeisterung, die kindliche Freude, die kindliche Enttäuschung, das Rauskramen von Textzeilen, die immer zum eigenen Leben zu passen scheinen, das Gutfinden, Ausflippen, all das könnte ich genauso über ihn schreiben.

Panikherz ist ein großes Buch geworden. Von einem großen Chronisten seiner Zeit. Mit großem Thema. Und es weckt große Hoffnungen.

Stuckrad-Barre schrieb mir vor Jahren einmal Viel Glück in mein Notizbuch. Die Wünsche gebe ich nun gern zurück.

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