Das fremde Ich – Zeitmaschine Klassentreffen

In diesem Jahr soll es so weit sein. Nach 25 Jahren scheinen es einige meiner ehemaligen Mitschüler wirklich wissen zu wollen und organisieren ein Stufentreffen des Abi-Jahrgangs 1993. Auf Facebook und in einer WhatsApp-Gruppe werden Adressen und Telefonnummern getauscht, verschollene Schulkameraden gesucht, verstorbene Lehrer gezählt und Planungstreffen veranstaltet. Und, wie so oft im Leben, schaue ich hauptsächlich zu und bestaune mein hilfloses Ich, das mit dieser Sache komplett überfordert ist.

Klassentreffen. Stufentreffen. Mehr Klischee geht nicht. Mehr Ambivalenz geht aber auch nicht. Zumindest nicht bei mir. Ich wünschte mir wirklich, dass ich eine klare Haltung entwickeln könnte, im Vorfeld. Eine Haltung, die mir den Rahmen vorgibt, in dem ich mich an diesem Abend im nächsten Sommer halbwegs sicher bewegen könnte. Eine Haltung, die mir Halt gibt. Aber so etwas ist da nicht.

Klassentreffen bedeutet: Da schieben sich zwei Leben übereinander, zwei Leben, die nicht passen wollen. Zwei Leben, die übereinandergelegt eben kein Gesamtbild ergeben, sondern lediglich ein konturloses Gemisch aus unterschiedlichen Grautönen. Das fühlt sich nicht richtig an. Nichts ist mir fremder als mein Ich im Alter von 16, 17, 18. Und fremder als meine Mitschüler vor 25 Jahren sind mir lediglich die ehemaligen Mitschüler in der Gegenwart.

Ich würde mich wirklich so gern freuen. Auf ein Wiedersehen, auf alte Geschichten, auf spannende Lebenswege, auf die anderen. Von Herzen würde ich mich gern freuen

Oder ich würde mich wenigstens gerne aufregen und den ganzen Kram mit Verachtung strafen. Die alten Geschichten belächeln, die vernarbten Wunden auf der Seele zeigen. Den anderen.

Am allerliebsten würde ich diese Menschen aber ohne eine gemeinsame Vergangenheit kennenlernen. XY als XY sehen und nicht als die anorektische XY vor 25 Jahren. Und XX als XX. Und eben nicht als den smarten Tennisspieler mit Einser-Abi.

Aber auf so ein Klassentreffen geht jeder immer zu zweit. Jeder schleppt sein altes Ich mit. Manche tragen dieses Ich im Herzen, manche in der kleinen Handtasche. Und manche als Rucksack auf dem Rücken. Aber wir sind alle Zombies. Für diesen einen Abend.

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Ein Gedanke zu “Das fremde Ich – Zeitmaschine Klassentreffen

  1. Der Gedanke, wie ich A, B oder C heute, ohne jegliche gemeinsame Vergangenheit, begegnen würde, finde ich wirklich grad sehr faszinierend. Mir gehts ähnlich und ich habe beschlossen, das Treffen dieses Jahr zu schwänzen. Die letzten drei Treffen (im Abstand von je 10 Jahren) waren so öd, dass ich mir einfach fehl am Platz vorkam. Wozu sollte ich es mir dieses Jahr antun?
    Eine Haltung dazu finden – ja, darum geht es wohl …

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