Älter werden


In der vergangenen Woche hatte ich mal wieder Geburtstag. Was für viele Menschen ihr ganz persönlicher Freudentag im Jahresverlauf ist, ist für mich eher so die wiederkehrende Erinnerung an die Vergänglichkeit. Die Snooze-Taste für den Gedanken: Du musst sterben. Kann man draufkloppen, dann ist auch erstmal wieder Ruhe, aber der (nerv-)tötende Gedanke wird zuverlässig spätestens am 14.01.2022 zurückkehren. Dilemmasituation de luxe, würde ich sagen, denn wenn das Leben irgendwie kacke ist und irgendwann zu sterben aber noch viel kackiger, dann ist die Sache mit der Zufriedenheit … schwierig.

Neben diesem Gedanken an die Vergänglichkeit, gibt es einen weiteren Grund, warum ich meinen Geburtstag nicht so dolle mag: Man steht immer so im Mittelpunkt. Menschen rufen an, schreiben Mails, schicken Sprachnachrichten und natürlich freut mich das sehr. Aber ich kann damit auch nur sehr schwer umgehen. Einer meiner ganz verfestigten (falschen) Glaubenssätze ist ja:

Ich will nicht stören, nicht auffallen, keinerlei Umstände oder Mühe bereiten und am allerbesten wäre es, ich sei unsichtbar.

Dass man mit solchen Überzeugungen oder Grundgefühlen mittelfristig geradewegs auf zahlreiche psychisch unruhige Gewässer zusteuert, ist klar. Weiß ich. Aber wenn du als Kapitän deines Kahns 40 Jahre lang genau diesen Kurs eingehalten hast, dann kannst du zwar versuchen, das Ruder rumzureißen, aber der Kahn ist träge und du bist tief in die unruhigen Gewässer reingeschippert. Schnelle Kurswechsel klappen da nicht. Weiß man doch spätestens seit Titanic.

Freudeschenker
Trotzdem habe ich mich dann doch ein wenig ziemlich gefreut. Die vielen lieben Grüße und Wünsche via Facebook, WhatsApp, Telefon und Brief haben mir, nach diesem ziemlich blöden 2020, wirklich etwas bedeutet. Das hat sich warm angefühlt und die unruhigen Gewässer waren für ein paar Momente ganz sanft und still. Nahezu spiegelglatt. Dafür sage ich ganz laut DANKE. Und das ist keines der Standard-Facebook-Dankeschöns für die vielen Glückwünsche, die mich auf all den Kanälen erreicht haben.

Ein paar schöne Geschenke gab es auch noch dazu. Ich sitze hier also vor dem Rechner und neben mir ballert eine nagelneue 12.000 Lux-Tageslichtlampe ihre Stimmungsaufhellung mitten in die Fresse. Ich bin ja eigentlich nicht so der Typ, der total steil auf all diesen Kram geht – ihr wisst schon, Vitamin D hochdosiert und Bewegung und Struktur und Licht, und dann ist alles wieder gut. Ich bin eher so der Typ für kleine Tabletten mit schwer auszusprechenden Handelsnamen, mit vielen X mittendrin und ils am Ende oder ams am Ende. Aber schaden kann es ja nicht und wenn ich mir überlege, wie wichtig mir Sommer und Licht sind, dann ist es einen Versuch wert.

Zusätzlich gab es noch den kompletten Satz an Lebenskarten, die ich in meiner Reha kennengelernt habe und um die ich seitdem immer wieder rumschlich. Das sind tolle Impulse. Und gab es noch dieses Buch, das mich komplett umgehauen hat. Nicht gesellschaftsfähig heißt es, wiegt ungefähr zwei Zentner und ist gespickt mit ganz persönlichen Geschichten rund um psychische Belastungen. Aber es ist kein typisches Erfahrungsbericht-Sammelsurium. Es gibt Cartoons und Auszüge aus Graphic Novels, wahnsinnig schöne Grafiken und Texte, die anders sind. Das mag daran liegen, dass viele der Beteiligten aus der jungen, kreativen, online-affinen, Ichmachwasmitmedien-Bubble kommen. Namentlich unter anderem: Autorin und Tattoo-Model Victoria Müller, Kabarettist Torsten Sträter, die Cartoonisten Ralph Ruthe und Nadja Hermann (erzählmirnix), Kriminalbiologe Mark Benecke (der mit den Maden), Musiker Nicholas Müller, Schriftstellerin Zoë Beck, und und und. Das Buch ist ein Schatz.

War sonst noch was, in der vergangenen Woche?
Das Rennen um den CDU-Parteivorsitz hat Armin Laschet für sich entschieden. Sollte er wirklich als Kanzlerkandidat antreten, habe ich keine Ahnung, wen ich bei der kommenden Bundestagswahl wählen könnte. Und nein, Friedrich Merz wäre keine Alternative gewesen.

Die Coronazahlen dümpeln auf hohem Niveau vor sich hin und überall wird jetzt von einem drohenden Megalockdown gesprochen – als hätten wir bisher überhaupt so etwas wie einen Lockdown gehabt. Ich radikalisiere mich da zunehmend und bin inzwischen der Meinung, dass man gern mal für vier Wochen den Bums hier richtig runterfahren sollte. Autoindustrie dichtmachen und all die Maschinen- und Möbelbauer, die ganzen Zulieferer, Handwerker und alles, was nicht tausendprozentig Systemrelevant ist. Dann noch den ÖPNV schließen, Homeofficepflicht, FFP2 Masken überall außerhalb der eigenen vier Wände und eine Ausgangssperre, die ihren Namen verdient. Ich glaube, niemand hat noch großartig Kraft für weitere Monate mit erfolglosem Rumgeeiere. Dann lieber einmal richtig und gut ist. Das Geld um die Maßnahmen vernünftig auszugleichen muss irgendwie zusammengekratzt werden. Und kann auch zusammengekratzt werden.

Mein heißgeliebtes Dschungelcamp ist in diesem Jahr ein Vollflop. Das macht keinen Spaß und ich bin sehr enttäuscht. Da hätte sich RTL etwas mehr Mühe geben müssen. Aber egal, Haken dran, wegzappen und aufs kommende Jahr unter hoffentlich normalen Bedingungen freuen.

Serien?
Die beste Ehefrau gerade The Killing, ich als Rerun immer noch Game of Thrones, anschließend freue ich mich auf die dritte Staffel Charité und werde mich vielleicht gemeinsam mit der besten Ehefrau an The Wire wagen. Kennt das wer? Empfehlungen?

Genug geschrieben für einen Sonntag – kommt gut in die kommende Woche, bleibt artig und esst mehr Schokolade.

4 Gedanken zu “Älter werden

  1. The Wire steht auch auf meiner Bucket List
    Ansonsten entdecke ich zu meiner Schande „Luther* mit 10 Jahren Verspätung.
    Bin schlichtweg begeistert.

    Midlife-Crisis! Die einzig vernünftige, folgerichtige Lebenseinstellung!

    Wir sterben seit wir geboren wurden.
    Die Zeit läuft ab.
    Wir sind endlich.
    Leider wird uns das nicht schon mit 12 klar.

    Das Kunststück besteht darin, aus dieser Erkenntnis Antrieb zu ziehen.

    • Mit Luther kann ich relativ wenig anfangen, weil ich eigentlich überhaupt kein Krimi- oder Thriller-Fan bin (es sei denn, es geht um die erste Staffel True Detective, aber da geht es ja vor allen Dingen um – Zitat SPIEGEL – „existentielle Einsamkeit und dem Versuch, sie zu überwinden.“).

  2. Bitte entschuldige Mirko, aber da muss ich jetzt nachfragen;

    wenn Dich bei „True Detective“ das Thema „existentielle Einsamkeit und dem Versuch, sie zu überwinden“ anspricht, hast Du denn bei „Luther“ zumindest mal reingeschaut?

    Ich bleibe fürs erste erste mal bei meiner Empfehlung 😉

  3. Weil es mir mit dem eigenen Geburtstag sehr ähnlich geht wie dir, gratuliere ich dir jetzt extra 😉 und wünsche dir vor allem, dass die Möglichkeiten zu Wirklichkeiten werden. Und die Zeit bis zum Frühling überstehen wir auch irgendwie.

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