Die Montagskolumne: KW17

Ostern ist vorbei und jetzt zieht wieder das normale Alltagsleben ein, was ganz gut ist, denn ich bin in den vergangenen Wochen irgendwie wieder etwas versumpft. Wobei das von außen betrachtet wahrscheinlich gar nicht so wirkt: Der Garten war noch nie Mitte April so weit und so fertig, wie in diesem Jahr. Und trotzdem habe ich das Gefühl, wieder einmal völlig apathisch durch die Welt zu taumeln. Aber so ist es ja immer: Die eigene Leistung nicht sehen, stattdessen jeden kleinsten Makel sofort hervorheben … da bin ich spitze drin.

Ansonsten war ich in der vergangenen Woche viel in der Vergangenheit unterwegs. Der Todestag eines lieben Freundes war da sicherlich auch ein Auslöser. Und da ich Vergangenheit immer mit Musik assoziiere – wie ich eigentlich alles immer mit Musik assoziiere – dudelte bei mir viel düsterer Kram. Kein Grufti-Zeugs im engeren Sinne, sondern ein, zwei Punk-Bands, die mich seinerzeit mit ihrer Verzweiflung, Wut und Hoffnungslosigkeit ziemlich vom Hocker rissen.

Die erste Combo nennt sich Wizo und vielleicht kennt ihr sie sogar. Mitte/Ende der 1990er Jahre waren sie durchaus berühmt und berüchtigt, weil sie sich in ihren Texten ziemlich klar und explizit politisch positionierten. Aber sogar damals waren mir einige Texte – wie etwa ein Loblied auf die RAF oder ein Song über den GSG 9-Einsatz am Bahnhof in Bad Kleinen – zu krass. Andererseits hatte die Band zahlreiche Songs im Gepäck, die mich absolut abholten. Da ging es um Vergänglichkeit, um die Sinnlosigkeit der Existenz und darum, wie scheiße das Leben eigentlich ist. Hier mal ein paar dieser Songs (die übrigens auch zeigen, was für eine geile Live-Band Wizo ist).

Quadrat im Kreis ist einer dieser Songs. Mannmannmann, hat der mich umgehauen.
„Hin und wieder stell ich fest
Dass ich nicht mehr lachen kann
Über Sachen die ich früher lustig fand
Hin und wieder merk‘ ich auch
Dass ich keine Menschen brauch
Und lieber ganz alleine bin
Doch der Schmerz ist zuckersüß
Und irgendwie auch so vertraut
Ich hab mich dran gewöhnt“

Mein Tod ist ein anderer Song, den ich auch nach 25 Jahren textsicher mitgröhlen kann.
„Ich fühle keinen Körper und ich spür auch keinen Verstand
Gedanken sind aus Pattex, die Gefühle sind aus Sand
Sie laufen durch die Uhr, die mein Lebensende kennt
Der Film läuft ab, von dem man da spricht, mein letztes Licht verbrennt.“

Und dann gab es auch noch Hey Thomas, mit diesen T-Shirt-tauglichen Zeilen:
„Scheiße kommt und Scheiße geht
Wir ham das meiste schon gesehn
Scheiße kommt und Scheiße bleibt
Nichts als Scheiße weit und breit
Glück für den der nicht mehr lebt“

Die zweite Band, die ich in den letzten Tagen verstärkt gehört habe, ist deutlich undergroundiger – obwohl sie von vielen Kennern als eine der besten deutschsprachigen Punks-Bands bezeichnet wird. EA80 aus Mönchengladbach verweigern sich aber seit 40 Jahren der Industrie und machen nur Musik, wenn sie Bock drauf haben. Und diese Musik – irgendwo zwischen Punk, frühem Hardcore und Goth-Rock – ist ziemlich dunkel, sperrig und in Verbindung mit dem Cover-Artwork tut sich sehr schnell ein schwarzes Loch auf, in das man versinken möchte.

Manchmal ist der erste Song, der mir bei EA80 einfällt:
„Das Gefühl ist leer und Lieder sind schaurig
Eine Ruine aus Knochen und Fleisch
Das Leben reduziert auf wenige Gefühle
Und ich jage ihnen nach immerfort immerfort“

Ein anderes Lied, dass ich seit meinen Gothic-Jahren (Great Black Time) nicht mehr aus meinem Schädel bekomme, heißt Balsam. Und wie so oft, ist dieser Titel mindestens ironisch, wenn nicht sogar sarkastisch gemeint.
„Es kann schon sein, dass alle Worte
Doch eh bedeutungslos sind
Kann schon sein, dass jedes Wort
Den Sinn verliert, sobald es gesprochen“

Und dann ist da noch Fliegen. Kryptischer, poetischer Text, in dem es um die Einstein-Rosen-Brücke geht, also um Wurmlöcher und Singularitäten. Ein sechszehnminütiger Moloch, der in einem Wall of Sound endet. So viel Wut, so viel Trauer. Lovely!
„Will nicht an gestern denken
Gestern ist doch so alt“

Mehr habe ich in diesem Beitrag auch nicht zu sagen. Aber irgendwie verständlich: Wer mit diesen Songs durch die Woche geht, dem fehlen die Worte, für so banale Sachen wie eine Entschuldigung von Xavier Naidoo, die zehnte Meisterschaft der Bayern in Folge oder der Wahlkampf in NRW. Vielleicht in der kommenden Woche wieder. Wenn das normale Alltagsleben wieder einzieht.

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