Der persönliche Gott


Neulich, kurz vorm Einschlafen, hatte ich mal wieder einen großartigen Text im Kopf. Satz für Satz kam mir in den Sinn, mit tollen, wertvollen Gedanken und sprachlich auch noch schön formuliert. Wie so oft – die kreativen Schreiber kennen das vielleicht – war von dem großartigen Text am nächsten Morgen nicht mehr viel übrig. Immerhin: Die Grundidee habe ich mir merken können. Es folgt also nun ein Text, der diese Idee wiedergibt, sprachlich aber natürlich niemals diese Qualität des Präschlafs erreichen wird.

Ich schrieb ja hier im Blog schon einmal – und auch in den ZweiSichten – über die Dinge, die in christlichen Gemeinden meiner Meinung nach nicht so richtig geil funktionieren. Zusammengefasst: Angebote, die nicht passen, Uhrzeiten, die nicht passen und oft ein unverständliches Köcheln im eigenen Saft, ohne eine erkennbare Motivation neue, kirchenferne Menschen zu erreichen.

Das stimmt auch immer noch in vielen Fällen, aber neulich kam mir ein weiterer Punkt in den Sinn. Einer, der vielleicht noch viel stärker wirkt, aber der längst nicht so offensichtlich ist. Es geht um diese ganz persönliche Verbindung zwischen Gott und dem Einzelnen.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass es in der Gemeindearbeit und in den Gottesdiensten (ich besuche nicht sehr viele – mein Gefühl beruht also auf statistisch nicht belastbare Zahlen) häufig um das große Ganze geht. Armut in Afrika, Geflüchtete aus Syrien, Klimakrise, sowas halt. Und das ist auch alles wichtig, richtig und gut. All jene, die immer so gern über „die Kirche“ schimpfen sollten mal überlegen, wie wir eine Situation wie 2015 ohne all die engagierten Gemeinden überstanden hätten.

Aber wo findet sich da ein 50-jähriger Uwe wieder, der gerade seinen Job bei Karstadt verloren hat? Oder eine Svetlana, die an den Wochenenden immer zu viel trinkt, allein in ihrer Single-Wohnung? Oder ein Jonas, der auf Teufel komm raus nicht weiß, was er nach dem Abi machen soll? Und fühlen sich Uwe, Svetlana und Jonas nicht vielleicht auch etwas egoistisch und schuldig, wenn sie in der Kirche so viel von Hunger, Krieg und Elend in der Welt hören, sich selbst jedoch über ihre scheinbaren Luxusprobleme den Kopf zerbrechen?

Gemeinden und Geistlichen fehlt oft der Blick auf den Einzelnen. Logisch, wie sollen sie auch von Uwe, Svetlana und Jonas wissen, wenn die drei unterm geistlichen Radar fliegen und nicht aktiv in der Gemeinde auftauchen? Sind ja keine Hellseher, sind ja nur Pastoren, Priester, Pfarre, Kaplane. Und machen wir uns nichts vor: Sich um individuellen Sorgen zu kümmern, kostet Zeit, viel Zeit. Ein personeller Aufwand, den kaum noch eine zusammengesparte, kleiner werdende und überalterte Gemeinde leisten kann. Dabei wären Seelsorgeangebote, Gesprächskreise, geistliche Begleitung so unendlich wichtig. Der immer noch wachsende Boom auf Klosterurlaube und Auszeiten in Klöstern zeigt dies deutlich. Dort finden die Besucher genau das, was sie suchen: individuelle Ansprache, Ruhe, Zeit und Raum für die eigenen Probleme, wie groß oder klein sie auch immer sein mögen. Das Leiden ist immer subjektiv. Und wenn Uwe Gott und die Welt verfluchen will, weil er seinen Job bei Karstadt verloren hat, dann sind ihm Hunger, Krieg und Elend in der Welt egal. Und das ist legitim. Jeder hat das Recht auf sein kleines, beschissenes und leidvolles Leben.

Ich schaue manchmal etwas neidisch auf die jüdischen Gemeinden und ihre Rabbiner, die viel stärker als Ansprechpartner, Ratgeber und Seelsorger für den Einzelnen fungieren. Aber wer denkt denn in seinem ganz normalen Alltag daran, zum Priester zu gehen, weil er seinen Job verloren hat oder Eheprobleme oder einfach unzufrieden mit seinem Leben ist? Diese Nähe fehlt mir.

Aber was tun, wenn kaum noch Ressourcen da sind, wenn Zeit, Geld und Menschen fehlen? KAB- und kfd-Gruppen auflösen und neu anfangen? Das kann es ja nicht sein. Weiter so machen wie bisher und darauf hoffen, dass die Schäfchen früher oder später wieder in den Schoß der Gemeinden zurückkehren werden? Spoileralarm: Das wird nicht geschehen. Kopf in den Sand stecken? Läuft ja schon.

Ich weiß es auch nicht. Aber ich habe Ahnungen, was vielleicht helfen könnte. Zunächst einmal ermutigen. Dem Uwe, der Svetlana und dem Jonas signalisieren, dass es dem lieben Herrn da oben wahrscheinlich, hoffentlich, wünschenswerterweise egal ist, ob sie am Sonntag um 9.00 Uhr in der ersten Reihe der Kirche sitzen oder nicht. Sie sind geliebt. So oder so. Geliebt mit all den Fehlern, Ängsten und Zweifeln. Und nicht weniger geliebt wie Erna Schabiewsky, die seit Jahrzehnten die rechte und linke Hand des Pastors ist.

Ihr könnt nichts falsch machen in großen Lettern an die Kirchen malen, könnte helfen. Denn wer ein Unbehagen verspürt und Angst hat, Fehler zu machen, wird wahrscheinlich nicht sehr häufig in den Gottesdienst gehen. Und hey: Wer wann im Gottesdienst aufsteht und ob das Glaubensbekenntnis zu 100% richtig zitiert wird, sind Regeln, die von Menschen gemacht wurden. Die vielleicht sogar Sinn machen, die aber nichts mit dem Verhältnis zwischen Uwe und Gott zu tun haben.

Es könnte auch helfen, diesen kirchenfernen Menschen zu zeigen, dass es neben Gemeinde und Sonntagsgottesdienst auch eine persönliche Beziehung zwischen dem Einzelnen und dem Herrn gibt. Eine Beziehung, so individuell wie eine Schneeflocke. Und sie kann so nah, intensiv und heilig sein wie die Beziehung zwischen dem Papst und seinem Boss. Glauben braucht keine Steigerungsform. Wer glaubt, glaubt.

Zuhören wäre hilfreich. In Demut zuhören. Bis an die Schmerzgrenze zuhören. Lasst Uwe, Svetlana und Jonas sich auskotzen. Über die Ungerechtigkeit, die sie empfinden. Über ihren Frust mit dem eigenen Leben. Und auch über ihren Frust der Kirche gegenüber. Und dann geht zum ersten Punkt und zeigt ihnen, dass der Herr da oben trotzdem für sie da ist und – wow – sie trotzdem liebt. Einfach so!

Seid einfach da, ihr Kaplane, Pfarrer und Pastoren. Haltet nicht als Geste eure Arme offen. Haltet eure Herzen offen. Die Schäfchen von heute leben frei. Wenn ihr Hirten sein wollt, müsst ihr sie suchen. In der Welt.

Corona wird enden – irgendwann

Das vergangene halbe Jahr war für mich ein dauerhafter Schrecken. Sechs Monate Ausnahmezustand, sechs Monate Isolation, sechs Monate Rückzug. Viele andere Menschen werden sich wahrscheinlich besser zurechtgefunden haben. Werden ihr altes Leben irgendwie der neuen Situation angepasst haben und mehr oder weniger selbstverständlich ins Restaurant, ins Kino oder zum Sport gegangen sein.

Ich war nie flexibel. Neue Situationen muss ich erst einmal ausgiebig durchgrübeln: Wo lauern Gefahren? Was könnte passieren? Welche Katastrophen sind zu erwarten? Wo andere Menschen Chancen sehen, sehe ich Risiken. Wenn andere Menschen ihre Zukunft in schillernd bunten Farben malen, male ich schwarz.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Unter einer Brücke, wohnungslos, arbeitslos, unzufrieden, alles verkackt. Mit nem Rotwein neben mir. Wenn es gut läuft, mit nem Rotwein in einer Flasche statt aus einem Tetrapack.

Ich beneide Menschen so sehr, die sich ihrer Stärken bewusst sind. Die wissen, was sie können und die aus diesem Wissen ein Selbst-Vertrauen ziehen. Die eine Art von Ur-Vertrauen haben, dass sich alles irgendwie fügen wird. Das ist mir fremd, wie mir die ganze Welt immer ein Stück weit fremd bleiben wird.

In den vergangenen sechs Monate habe ich mich in diesen neuen Wahnsinn eingerichtet. Isolation, Abstand, Angst und Rückzug waren meine neue Normalität. Und was anfangs noch ziemlich schmerzte, wurde durch den Gewöhnungseffekt zunehmend milder. Oder mir wurde es egaler. Trotzdem hatte ich neulich einen für mich wirklich hellen Gedanken. Mir wurde bewusst, dass all diese Scheiße, die gerade passiert, nicht von Dauer sein wird. Das hatte ich wirklich, wirklich in den vergangenen Monaten vergessen. Irgendwann wird es wieder anders sein, dann sind Masken, Desinfektionsmittel und Abstandsregeln nur noch Erinnerung. Dann kann ich wieder etwas leichter durch die Fußgängerzone gehen, etwas befreiter durchatmen und wieder spontan sorglos zum chinesischen All-you-can-eat-Buffet gehen. Das ist nicht für immer verloren. Vielleicht in einem halben Jahr, vielleicht im kommenden Sommer wird alles wieder anders und hoffentlich besser sein.

Ich werde aus dieser Zeit vielleicht sogar etwas gelernt haben.

Dass Freundschaften wichtig sind und dass mir sie mir fehlen, werde ich gelernt haben.
Dass Nähe, Umarmungen und Handschlag mehr als pures Ritual sind, werde ich gelernt haben.
Dass man die Hoffnung auf eine bessere Zeit niemals aufgeben soll, werde ich gelernt haben.

Aber jetzt heißt es erstmal: weiter durchbeißen. Sich weiter klein machen, flach atmen und ängstlich bleiben. Das wird enden. Irgendwann. Es muss.