2018

Bild: pixabay/padrinan

In den paar Tagen „zwischen den Jahren“ halte ich gern mal inne. Schaue zurück, schaue nach vorn, schmiede Pläne. Ein wenig fühlt es sich nach Großreinemachen an. Großreinemachen für die Psyche. Damit das neue Jahr ganz frisch und rein beginnen kann.

Ist natürlich Quatsch. Denn der Dreck auf der Psyche, der liegt da ja seit Jahrzehnten, der verschwindet nicht so einfach. Und allen guten Vorsätzen zum Trotz, wird auch das neue Jahr spätestens am 03. Januar wieder all seinen Zauber verloren haben. Dann kommt der Alltag wieder und der Trott und das Auto muss in die Werkstatt und der Prophylaxe-Termin beim Zahnarzt steht an und immer muss abends noch schnell die Wäsche aufgehängt werden.

Und trotzdem mag ich diese Stimmung zwischen den Jahren. Ich mag dieses leise Erahnen, was alles sein könnte. Selbst, wenn dieses Gefühl bereits am 03. Januar wieder verschwunden sein wird. Also schnell hinein in den Blick zurück…

Das große Ganze
Mein größter Frust im nun endenden Jahr hat seinen Ursprung in den sozialen Netzen. Wie Menschen miteinander umgehen, wenn sie ein Bildschirm trennt, erschreckt mich, ärgert mich und macht mich wütend. Ich frage mich, wie unser gesellschaftliches Miteinander weiter funktionieren soll, wenn diese Stimmung sich nicht bald ändert. Überall ziehen Menschen Gräben zwischen sich. Und brüllen sich über diese Gräben hinweg an. Meinungen, die nicht der eigenen entsprechen, werden weggeblockt. Den Kompromiss sucht niemand mehr. In die Person gegenüber versetzt sich niemand mehr hinein. Statt dessen: rechts, links, die da oben, die da unten, die Politiker, das Volk, der Osten, der Westen, die Feministinnen, die Maskulinisten, die Klimaschützer, RWE, die Veganer, die Fleischesser, die Autofahrer, die Radfahrer, die Cisgender, die Transgender, die Gläubigen, die Atheisten. Ich versuche mich aus solcherlei Diskussionen im Netz rauszuhalten, weil ich all die Häme und den Spott, die Bösartigkeiten und die Dummheit vielfach nicht ertrage. Übrigens von allen Seiten. Mögen die einen vielleicht etwas stumpfer in der Ausdrucksweise sein und mehr mit Großbuchstaben arbeiten, legen die anderen dafür einen herablassenden Tonfall an den Tag, belehrend, ironisch, vorführend. Ganz aktuell zu sehen an der Diskussion über das Silvesterfeuerwerk. Ich wünsche mir fürs kommende Jahr, dass wir alle ein wenig verständnisvoller miteinander umgehen.

Das kleine Meine
Auf mein persönliches Jahr blicke ich – wieder einmal – mit gemischten Gefühlen zurück. Die ZweiSichten waren ein großes Thema. Bis Mai wurde geschrieben. Und da ich spät dran war mit meinen Texten, waren die letzten zwei Wochen vor der Deadline … interessant. Dann kam der lange, heiße Sommer – die Texte waren fertig, aber das Buch noch nicht gedruckt. Die Tage: zäh wie kochender Asphalt. Das Innen: leer. Im Herbst endlich die Buchvorstellung im Kloster Arenberg. Viele Menschen, tolle Rückmeldungen. Ich als Rampensau. Ich im Mittelpunkt. Bestätigung und Aufmerksamkeit von außen gegen das riesige Fragezeichen im Innen. Hilft aber auch nur kurz. Denn danach folgt wieder der Alltag. Und der ist nach solchen Tagen ein Loch. Schwarz, tief, tiefer, bodenlos. Darin versinkt man. Alltagstauchlich.

2018 habe ich viel über mich gelernt. Ich weiß, wie ich ticke und warum ich ticke und wann mich etwas antickt. Das Wissen darüber ist gut. Ich scheitere jedoch immer wieder daran dieses Wissen einzusetzen. Mein Kopf ist viel schneller als der trotzige Rest von mir. Couch statt Sport, Chips statt Gemüse, Schnaps statt Smoothie und Kippen statt Aromatherapie. Aber ich probiere es einfach weiter. Steter Tropfen und so.

Was da kommt
Das nächste Jahr wird herausfordernd. Ich werde ein irre spannendes Buchprojekt begleiten dürfen und freue mich schon sehr darauf, wenn es im Januar endlich losgeht. Mit meiner Freiberuflichkeit bin ich ziemlich glücklich und es macht mich stolz, wenn ich sehe, wie mein kleines Business wächst. Im kommenden Jahr gebe ich noch etwas mehr Gas, werde mein Profil schärfen und mehr von den Texten schreiben, die ich schreiben will. Und dann ist da noch dieses große, alte Haus, in das wir vor knapp vier Jahren einzogen. Da gibt es Baustellen, viele Baustellen. Baustellen, die für die nächsten zehn Jahre reichen. Anfangen, weiter machen. Auf geht’s.

Und sonst?
Darüber hinaus: die üblichen Pläne fürs kommende Jahr. Mehr Sport. Weniger Gewicht. Mehr Leichtigkeit. Weniger Schwermut. Mehr handeln. Weniger denken. Mehr lesen. Weniger netflixen. Mehr trinken. Weniger trinken. Mehr jetzt gleich. Weniger später irgendwann. Mehr Mut. Weniger Angst.

Genug der Worte! Ich wünsche euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr. Und für jeden von euch das beste, tollste, ultimativste 2019, das es geben mag.

Advertisements

Warum die Kritiker des Tanzverbots Spießer sind

Inzwischen ist es so sicher wie das Amen in der Kirche: Zweimal im Jahr wird – insbesondere in der Onlinewelt – eine Diskussion aufgefrischt, die mich in ihrer Belanglosigkeit unglaublich nervt. Pünktlich zu Karfreitag (und im Herbst noch einmal zu Allerheiligen) kommen die Kritiker des Tanzverbots auf die Bühne und mahnen die Tatsache an, dass an diesen beiden stillen Feiertagen Diskotheken geschlossen bleiben müssen. Als wäre es ein verbrieftes Menschenrecht, an 365 Zagen im Jahr in die Disko gehen zu dürfen. Und es ist ja auch so einfach und mainstreamig über die Kirche zu schimpfen. Geldverschwendung, Kindesmissbrauch, Zölibat, Homophobie – alles superschlimm, keine Frage, ja. Und dann wollen die einem auch noch das Tanzen verbieten.

Ernsthaft Leute?

Ich empfinde diese Haltung als so kleinkariert, spießig, irrelevant und als einen prima Beispiel dafür, dass Toleranz und Intoleranz häufig ganz dicht beieinander liegen.
Worum geht es denn? Es geht darum, dass an zwei Tagen im Jahr der Gesetzgeber gewisse laut-lustige Musikveranstaltungen unterbindet. Aus religiösen Gründen, aus traditionellen Gründen, aus Respekt und Anstand.
Natürlich kann man argumentieren, dass Staat und Religion gefälligst getrennt gehören, aber das sind sie nunmal traditionell nicht so ganz. Sie sind auch ein Stück Kulturgut: Fronleichnamsprozessionen, das Gedränge auf den Friedhöfen zu Allerheiligen, Weihnachten und Ostern sowieso.
jesus-255138_1920Insbesondere der Karfreitag steht ja für etwas – ob historisch belegt oder nur metaphorisch. Er steht für Folter, Terror, Leiden und Tod. Da darf man auch schonmal etwas ruhiger werden, sich besinnen und vielleicht in der heutigen Zeit mehr denn je.

Für mich ist es eine Art von Deal: Karfreitag ist ein gesetzlicher Feiertag. Als „normaler“ Arbeitnehmer muss ich also nicht ins Büro, sondern darf daheim bleiben und kann es mir auf dem Sofa bequem machen. Übrigens sind ja die meisten der – arbeitsfreien – Feiertage in Deutschland religiös verankert: Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, usw. Und obwohl nur 60% der Bevölkerung in diesem Land noch Christen sind, nimmt natürlich jeder gerne die arbeitsfreien Tage mit. Mit dem einen oder anderen Brückentag kann man sich so schön eine kleine Auszeit gönnen. Dass ich dafür an Karfreitag nicht selbstverwirklichend auf der Tanzfläche abhotten kann ist der Preis, den ich dafür zahlen muss.

Ich empfinde die Kritik am Tanzverbot als spießig, als trotziges Ichwillaber, als Hedonismus. Letztendlich als ein Überbleibsel der 68er-Generation. Alles muss immer hinterfragt und kritisiert werden. Jede Regel, jedes Gesetz, jede Autorität wird erst einmal abgelehnt, insbesondere, wenn die Pläne des Einzelnen dadurch beeinflusst werden. Genau das führt dann aber zum allgemeinen und inzwischen von vielen Seiten angeprangerten Werte- und Respektverlusts. Jeder Lehrer, jeder Arzt, jeder Feuerwehrmann, jeder Polizist wird Situationen aus dem eigenen Berufsalltag kennen, in denen immer alles diskutiert werden muss. Situationen, in denen Regeln eben nicht befolgt werden.

Warum ist es so wichtig am Karfreitag in die Disko zu müssen? Warum gönnen die Tanzverbotskritiker nicht einfach jenen, denen es durchaus wichtig ist, diese Zeit der Stille, der Besinnung, der Trauer? Und warum können sie nicht einfach an diesem Tag ihre ganz individuellen Wünsche zurückstecken und tolerant sein? Welcher Zacken soll da denn bitteschön aus der Krone brechen?

Manchmal verstehe ich die Menschen einfach nicht.