Die Montagskolumne: KW 20

Ein Wochenende der Entscheidungen, ich glaube, so kann man es nennen, wenn man sich anschaut, was an diesem Wochenende alles auf dem Spiel stand und steht und bestimmt auch noch einige Tage stehen wird. Aber der Reihe nach.

Gestern Nachmittag fieberte man in Essen dem letzten Spieltag in der vierten Fußballliga entgegen. Traditionsclub Rot Weiß Essen konnte mit einem Sieg in die ersehnte dritte Liga (und damit in den Profi-Bereich) aufsteigen. Musste aber selbst gewinnen. An zweiter Stelle: die Preußen aus Münster, die schon den kleinsten Ausrutscher der Essener hätten für sich nutzen können. Doch Essen siegte, Münster auch, aber nicht hoch genug, großes Kino an der Hafenstraße. Warum allerdings Fußballfans bei solchen Siegen immer komplett durchdrehen müssen, das Stadion auseinandernehmen, obwohl dort heute die Damen-Bundeligamannschaft der SGS Essen um den Klassenerhalt spielen sollte, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben. Ja, klar: Emotionen und so. Aber Freudentaumel und Asi-Sein liegen manchmal ziemlich dicht beieinander. Für die Mannschaft, für die Region freut mich der Aufstieg trotzdem.

Gestern Abend dann der Eurovision Song Contest – ESC – aus Turin. Und es war wie immer: viel Kitsch, viel Pathos, ein paar Absurditäten und am Ende liegt Deutschland am Ende. Dass die Ukraine mit ihrem Song beim Publikum ganz vorne lag, war abzusehen. Dass sich einige Kommentatoren in den Sozialen Medien darüber aufregten, auch. Die ganzen Sprüche, warum Deutschland keine Freunde in der Welt hat: auch wie in jedem Jahr. Hihihi, 2. Weltkrieg und so. Und natürlich: We are all different but the same, Diversity, Queerness, Awareness, diesmal sogar ein wenig Mental Health. Alles wichtig, alles richtig. Aber auch extrem ritualisiert, unoriginell und selbstreferenziell. Man feiert eine Vielfalt ab, die bei Tageslicht betrachtet gar nicht vielfältig ist und vor allen Dingen feiert man sich selbst als Community, als Bubble, als wenig durchlässiges System ab. Und trotzdem schaue ich es mir jedes Jahr an, habe Spaß und ärgere mich gleichzeitig.

Und dann war da heute ja noch die Landtagswahl NRW. Die CDU gewinnt überraschend deutlich, die SPD verliert deutlich, die FDP wurde nahezu vom parlamentarischen Hof gejagt und die Grünen schießen nach oben. Realistisch wird es nun eine schwarz-grüne Regierung in Düsseldorf geben. Und ehrlich gesagt hätte es deutlich schlimmer kommen können. Rot-Grün hat es in der vorletzten Legislatur verkackt (man erinnere sich nur an das Bildungsdesaster unter Ministerin Löhrmann), Schwarz-Gelb hat es in der letzten Legislatur verkackt. Und da ganz besonders die liberalen Minister:innen Stamp und Gebauer. Insofern ist die Kombi Schwarz-Grün vielleicht gar nicht so schlecht. Aber je älter ich werde, desto gelassener werde ich bei Wahlergebnissen. Es kommt, wie es kommt. Wunder werden nicht geschehen und untergehen wird das Land auch nicht.

Genug der Worte über Entscheidungen. Es könnten noch weitere folgen, denn meine vergangene Woche war sehr aufregend und spannend, aber not today!

Immerhin: Die Sonne ist da und ich kann wieder im Gartenoffice schreiben. Kommt gut durch die Woche, steckt euch nicht an, bleibt zuversichtlich, froh und kindlich.

Als Song-Rausschmeißer mal etwas Metal. Bin ich ja mit aufgewachsen. Geht immer. Und egal was ich auch tue, ich kriege die Wut sowieso nicht aus dem Balg.

Die Montagskolumne: KW 19

Heute fange ich mal vom Ende her an und möchte euch eine TV-Doku sehr, sehr ans Herz legen. Ein paar Tage lang wird sie noch in der ARD-Mediathek sein, aber ich verlinke euch weiter unten auch die beiden Teile auf YouTube.

Es ist einmal mehr eine Doku über das Dritte Reich. Aber anders als bei Hitlers Helfer, Henker, Hofstaat gibt es in dieser Doku keinen Kommentar aus dem Off. Es sprechen nur die Menschen selbst. Aus dem Zeitraum Silvester 1944 bis Silvester 1945 werden nur Tagbucheinträge, Feldpost, Zeitungsartikel, Deportationslisten, usw. vorgetragen. Dabei kommen deutsche Soldaten, russische Soldaten, Nazigrößen und einfache Bürger zu Wort. Und durch diese Gleichzeitigkeit entsteht ein unheimlicher Sog. Da hört man was über ganz banale Sachen wie einen Kinobesuch, bevor nur Sekunden später, die härteste Durchhalte-Propaganda folgt und anschließend ein hilfloser Tagebucheintrag einer untergetauchten Jüdin vorgelesen wird.

Wow.

Das Prinzip ist natürlich zu 100 % von Walter Kempowskis zehnbändigen 8.000-Seiten Moloch „Echolot“ übernommen, von dem ich auch hier im Blog schon einige Male geschwärmt habe. Deswegen hat mich diese TV-Doku ebenfalls sehr begeistert. Und wer einmal die Schrecken des Krieges, all die Traumata, das Elend, das Sterben, die Tötungsmaschinerie der KZ, Flucht, Heimatverlust, den komplett bipolaren Alltag in Berlin 1945 erleben will, der sollte sich diese beiden Dokus anschauen. Ja, das sind zusammen drei Stunden Lebenszeit. Aber besser und intensiver geht es nur im Echolot selbst. Und für die 8.000 Seiten braucht ihr länger. Solche Filme sollten in jeder Schule gezeigt werden, als Pflichtprogramm. Sie würden mehr bewirken als all die gut geplanten Unterrichtsreihen zum Dritten Reich. Der erste Teil lässt sich ums Verrecken nicht direkt auf meiner Seite einbinden. Aber ihr könnt einfach dem Link folgen und das Video direkt auf YouTube sehen.

Was war sonst noch in dieser Woche? Das Team von Jan Böhmermann hat mal wieder richtig gut und tief recherchiert und den YouTube-Tausendsassa Fynn Kliemann zerlegt. Es geht um „fair produzierte“ Masken, die angeblich aus Portugal stammten, aber wohl augenscheinlich aus Bangladesch und Vietnam geliefert wurden. Sehr schön dabei, dass Böhmermann zeigt, wie zynisch und abzockerisch auch die ach so authentischen Insta-YouTube-Influencer sein können. Spoiler: Der lockere Fynn ist wahrscheinlich Multimillionär und wird demnächst wahrscheinlich Post von der Staatsanwaltschaft bekommen. Bravo, Jan Böhmermann. Allein solche Recherchen sind das Top-Argument gegen jedes „Staatsfernsehen-Zwangsgebühren-Lügenpresse“-Geschreie von dummen Menschen.
Bock auf Böhmermann? Dann schaut euch das Video an. Und am besten noch ganz viele andere von ihm, die euch YouTube vorschlagen wird.

Nächste Woche wird hier in NRW gewählt und ich bin gespannt, wie es in den kommenden fünf Jahren mit diesem sehr abgerockten Bundesland weitergehen wird. So sehr ich das Ruhrgebiet liebe und so stolz ich auf unser aller Eltern und Großeltern bin, die den Boden unter uns ausgehöhlt haben, um ein zerstörtes Land wiederaufzubauen, so müde macht mich auch manchmal all das Kaputte, all der Dreck, die Schlaglöcher und der Müll, die Säufer und Junkies, die Euro- und Handyläden in den Innenstädten, die verstopften Straßen und Autobahnen. Als Kind merkst du sowas ja gar nicht. Da ist der Dreck Normalität. Als Jugendlicher und als Student, da findest du es vielleicht auch wild und hip. Und mit Ende 20 träumst du dann von einer Gentrifizierung und wünscht dir Prenzlauer Berg-Verhältnisse in der Dortmunder Nordstadt. Aber auch 20 Jahre später ist da nix mit Gentrifizierung und der Dreck liegt immer noch zentimeterdick auf allen Straßen hinterm Bahnhof.

Also warten wir mal ab, welche Wahlversprechen in den nächsten fünf Jahren nicht eingehalten werden. Ohje, ich klinge ja wie ein Nichtwähler oder jemand, der irgendwie undemokratisch etwas mit Protest wählt. Aber das stimmt ganz bestimmt nicht. Ich wähle das, was man so wählt, wenn man gut ausgebildet ist und postmaterialistisch und halbwegs geradeaus denken kann.

Und sonst? Ich bin weiterhin sehr diszipliniert, wenn es ums Kommentieren und Diskutieren bei Facebook geht. Und obwohl ich weiterhin viel dort lese und die eine oder andere Nachricht schreibe, ist es ganz angenehm, sich nicht in den immer gleichen Themen zu verlieren. Ist auch gut für den Blutdruck.

Gestern hat der S04 den Aufstieg in die erste Liga klargemacht. Glückwunsch. Gelsenkirchen ist einer der trostlosesten Lost Places der ganzen Republik. Ich gönne es den Menschen dort wirklich und völlig ironiefrei. Willkommen zurück in der Bundesliga. Und in der kommenden Saison dann bitte zwei Derby-Siege gegen die Schnösel vom BVB.

Kommt gut durch den heutigen (Mutter)Tag, feiert ihn, wenn euch nach feiern zumute ist. Und lasst es bleiben, wenn euch nicht danach ist. Beides ist völlig okay. Wir lesen uns in der kommenden Woche.

Als Rausschmeißer mal kein Song sondern ein DJ-Set. Ich sage dazu immer Hippie-Musik. Und die beste Ehefrau antwortet dann immer, dass das keine Hippie-Musik sei. Ich mags einfach. Psytrance hat eine sehr spirituelle Ebene. Und es macht mir eigentlich immer eine gute oder bessere Laune.