Unruhige Herzen

Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, heißt es in den Bekenntnissen von Augustinus. Ich stieß neulich auf den Satz, als ich nachts durch die TV-Sender zappte (Netflix, Prime und Sky habe ich bereits durchgespielt) und bei einer Doku über Sophie Scholl hängen blieb. Dokus über das Dritte Reich gehen ja immer – und ich habe wahrscheinlich alle gesehen. Mehrfach.

Kleiner Doku-Tipp am Rande: Der Film „Der Anständige – Heinrich Himmler“ ist famos, denn er montiert ausschließlich zitierte Originaldokumente wie Briefe und Tagebucheinträge mit Filmaufnahmen aus jener Zeit. Und so hört man den Wortlaut eines Eintrags von „Pappi“ in das Poesiealbum seiner Tochter Gudrun („Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein und gütig“) und sieht dazu Bilder aus Dachau und Auschwitz. Das ist verstörend. Und gibt einen wahnsinnig intensiven Einblick in die schon oft zitierte „Banalität des Bösen“.

Aber, ich schweife ab. Auf jeden Fall habe ich jetzt seit Tagen diesen Satz mit dem unruhigen Herzen im Kopf und wende ihn und drehe ihn und denke ihn und hatte ihn auch neulich morgens im Kopf, als ich mich noch einmal hinlegte (fragt nicht). Ich mag das Pathos des Satzes. Ich mag das Bild des unruhigen Herzens, denn es passt – zu mir, aber bestimmt auch zu anderen Menschen mit ihren Ängsten und Depressionen, mit ihren Traumafolgestörungen. Von außen betrachtet mag man – insbesondere an schlechten Tagen – nahezu apathisch wirken. Ruhig halt. Im Innen ist es aber alles andere als ruhig. Du kannst drei Tage mit minimalsten Bewegungen im Bett und auf dem Sofa verbringen, kaum sprechen und trotzdem bist du innerlich genau das Gegenteil der Ruhe. Da tobt ein Krieg zwischen den Schläfen. Ein Krieg zwischen dir und dir. Im Nebel. Und was immer du in deinem Kampf triffst, zerstört automatisch ein Stück von dir selbst.

Immer ist alles gespannt in deinem Körper: Muskeln, Sehnen, Nerven. Bereit zur Flucht, bereit zum Kampf. Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, ist ein Satz mit so viel Klarheit. Diese unerfüllbare Sehnsucht nach der Ruhe, die wir – laut Augustinus – in diesem Leben nicht erreichen werden, die wird bleiben. Die Unruhe wird bleiben. Ich werde mit ihr leben müssen. Ich werde lernen müssen, mit ihr zu leben.

Natürlich hat dieser Satz auch diesen Gott-Bezug, der in heutigen Zeiten ja schwierig auszuhalten ist. Gott? Das ist eine Zukunftswette mit schlechten Quoten. Das ist die eine Karte, auf die du alles setzt, ohne zu wissen, ob du überhaupt mit Karten spielst. Glauben halt, nicht Wissen. Es ist die ultimative Verweigerung gegen all die rationalen Stimmen. Und immer findet sich ein Karl-Heinz, der gerade „Das Universum in der Nussschale“ gelesen hat oder auf ZDFinfo eine Doku über die erste Sekunde nach dem Urknall sah und sich nun berufen fühlt, dich aufklären zu müssen. Oder eine Karen, die irgendwas mit Machtmissbrauch, Inquisition oder kleinen Jungen erzählt.

Unruhig ist unser Herz …, ich bin mit diesem Satz noch nicht fertig. Ich spüre, wie ich ihn wie einen Handschmeichler weiter mit mir rumschleppen muss. Ich mag solche Sätze. Ich trage sie im Kopf, aber sie wirken im Herzen. Und eigentlich wäre dieses Zitat von Augustinus auch ein schöner Beitrag für unsere ZweiSichten gewesen. Was bedeutet es für mich? Und was für eine Ordensschwester? Ist diese Ruhe in dir erstrebenswertes Ziel? Und wie ruhig kann unser unruhiges Herz in dieser unruhigen Welt eigentlich werden? Ist das Zitat hoffnungsvoll? Oder frustrierend? Ja, das wäre ein spannender Austausch geworden. Und vielleicht wird er irgendwann – im Netz, in einem Buch oder im echten Leben stattfinden.

Bis dahin bleibe ich unruhig. Ich muss.

Parallelmenschenleben

Und dann wachst du auf, so wie gestern und vorgestern, so wie du morgen aufwachen wirst und alles, alles, alles ist schwer. Deine Bettdecke: vollgesogen mit Gedanken, Vergleichen und Vermutungen. Deine Augen sehen grau. Die Wände des Zimmers schieben sich an dein Bett, Zentimeter für Zentimeter, bis da kein Raum mehr jenseits des Bettes ist. Kein Raum für dich.

Die zusammengepresste Luft liegt auf deinem Brustkorb. Schwer, schwer, schwer fühlt sich das an. Heute wird ein guter Tag, flüsterst du in das Grau über deinem Bett. Heute wird ein guter Tag. Einmal, zweimal, zigmal wiederholst du diesen Satz und du weißt, dass du dich mit diesem Satz zigmal belügst.

Du greifst zum Smartphone, liest die News, liest E-Mails, liest Facebookposts, klickst auf Links und nach einer Stunde fragst du dich, was du in der letzten Stunde eigentlich gemacht hast. Heute wird ein guter Tag, heute wird ein guter Tag, denkst du zur Sicherheit noch einmal und dann: Betrüger.

Irgendwann kämpfst du dich durch die schwere Luft, durch die Wände, durch das Grau. Die Gedanken, Vergleiche und Vermutungen sind wieder in deinem Kopf und drücken auf deine viel zu kleinen Schultern. Du rauchst eine Zigarette, zwei Zigaretten, drei, vier, trinkst einen Kaffee und noch einen, aber wach bist du seit Jahren nicht. Die Gedanken, Vergleiche und Vermutungen drücken dich aufs Sofa, schwer, schwer, schwer fühlt sich das an und du hörst auf zu denken, dass heute ein guter Tag werden wird.

Du ziehst die Sofadecke über deinen Kopf, damit es dunkel wird vor deinen Augen. Damit sie sich erholen können von all dem Grau. Wie geht leben?, fragst du dich bevor du einschläfst, weil das, was du Leben nennst, so anstrengend ist.

Und dann wachst du auf, so wie heute Morgen und gestern und alles, alles, alles ist schwer. Deine Sofadecke: vollgesogen mit Fragen. Deine Augen sehen grau. Die Wände des Zimmers schieben sich an dein Sofa, Zentimeter für Zentimeter, bis da kein Raum mehr jenseits des Sofas ist. Kein Raum für dich.

Du greifst zum Smartphone, liest die News, liest E-Mails, liest Facebookposts, klickst auf Links und nach einer Stunde ahnst du, dass du dich um dein Leben betrügst.

Irgendwann kämpfst du dich durch schwere Luft, durch Wände, durch das Grau. Durch Gedanken, Vergleiche, Vermutungen, Ahnungen und Fragen. Du rauchst eine Zigarette, zwei Zigaretten, drei, vier, trinkst einen Kaffee und noch einen, aber eigentlich willst du nur schlafen.

Vielleicht putzt du dir dann die Zähne. Vielleicht gehst du duschen. So machen das die Menschen doch, so geht das doch, die Sache mit dem Leben. Du atmest tief ein, spürst etwas Helles in deiner Brust. Der Funke einer Erinnerung blitzt kurz auf. Dann lächelst du und denkst: Betrüger.

Irgendwann bist du – schwer, schwer, schwer – wieder auf dem Sofa. Du rauchst und fragst und vergleichst und denkst, denkst, denkst und vermutest und ahnst und deine Welt ist so groß, dass du sie mit beiden Händen umschließen kannst. Alles was außerhalb deiner Armlänge liegt, ist eine Nummer zu groß für dich. Und auf dem TV-Bildschirm laufen die Leben anderer Menschen.

Wenn du anfängst zu husten, weißt du, dass du ins Bett musst, nein darfst. Dann war der Tag lang genug. Und morgen wirst du aufwachen, so wie heute, gestern und morgen und.