Die Montagskolumne: KW 19

Heute fange ich mal vom Ende her an und möchte euch eine TV-Doku sehr, sehr ans Herz legen. Ein paar Tage lang wird sie noch in der ARD-Mediathek sein, aber ich verlinke euch weiter unten auch die beiden Teile auf YouTube.

Es ist einmal mehr eine Doku über das Dritte Reich. Aber anders als bei Hitlers Helfer, Henker, Hofstaat gibt es in dieser Doku keinen Kommentar aus dem Off. Es sprechen nur die Menschen selbst. Aus dem Zeitraum Silvester 1944 bis Silvester 1945 werden nur Tagbucheinträge, Feldpost, Zeitungsartikel, Deportationslisten, usw. vorgetragen. Dabei kommen deutsche Soldaten, russische Soldaten, Nazigrößen und einfache Bürger zu Wort. Und durch diese Gleichzeitigkeit entsteht ein unheimlicher Sog. Da hört man was über ganz banale Sachen wie einen Kinobesuch, bevor nur Sekunden später, die härteste Durchhalte-Propaganda folgt und anschließend ein hilfloser Tagebucheintrag einer untergetauchten Jüdin vorgelesen wird.

Wow.

Das Prinzip ist natürlich zu 100 % von Walter Kempowskis zehnbändigen 8.000-Seiten Moloch „Echolot“ übernommen, von dem ich auch hier im Blog schon einige Male geschwärmt habe. Deswegen hat mich diese TV-Doku ebenfalls sehr begeistert. Und wer einmal die Schrecken des Krieges, all die Traumata, das Elend, das Sterben, die Tötungsmaschinerie der KZ, Flucht, Heimatverlust, den komplett bipolaren Alltag in Berlin 1945 erleben will, der sollte sich diese beiden Dokus anschauen. Ja, das sind zusammen drei Stunden Lebenszeit. Aber besser und intensiver geht es nur im Echolot selbst. Und für die 8.000 Seiten braucht ihr länger. Solche Filme sollten in jeder Schule gezeigt werden, als Pflichtprogramm. Sie würden mehr bewirken als all die gut geplanten Unterrichtsreihen zum Dritten Reich. Der erste Teil lässt sich ums Verrecken nicht direkt auf meiner Seite einbinden. Aber ihr könnt einfach dem Link folgen und das Video direkt auf YouTube sehen.

Was war sonst noch in dieser Woche? Das Team von Jan Böhmermann hat mal wieder richtig gut und tief recherchiert und den YouTube-Tausendsassa Fynn Kliemann zerlegt. Es geht um „fair produzierte“ Masken, die angeblich aus Portugal stammten, aber wohl augenscheinlich aus Bangladesch und Vietnam geliefert wurden. Sehr schön dabei, dass Böhmermann zeigt, wie zynisch und abzockerisch auch die ach so authentischen Insta-YouTube-Influencer sein können. Spoiler: Der lockere Fynn ist wahrscheinlich Multimillionär und wird demnächst wahrscheinlich Post von der Staatsanwaltschaft bekommen. Bravo, Jan Böhmermann. Allein solche Recherchen sind das Top-Argument gegen jedes „Staatsfernsehen-Zwangsgebühren-Lügenpresse“-Geschreie von dummen Menschen.
Bock auf Böhmermann? Dann schaut euch das Video an. Und am besten noch ganz viele andere von ihm, die euch YouTube vorschlagen wird.

Nächste Woche wird hier in NRW gewählt und ich bin gespannt, wie es in den kommenden fünf Jahren mit diesem sehr abgerockten Bundesland weitergehen wird. So sehr ich das Ruhrgebiet liebe und so stolz ich auf unser aller Eltern und Großeltern bin, die den Boden unter uns ausgehöhlt haben, um ein zerstörtes Land wiederaufzubauen, so müde macht mich auch manchmal all das Kaputte, all der Dreck, die Schlaglöcher und der Müll, die Säufer und Junkies, die Euro- und Handyläden in den Innenstädten, die verstopften Straßen und Autobahnen. Als Kind merkst du sowas ja gar nicht. Da ist der Dreck Normalität. Als Jugendlicher und als Student, da findest du es vielleicht auch wild und hip. Und mit Ende 20 träumst du dann von einer Gentrifizierung und wünscht dir Prenzlauer Berg-Verhältnisse in der Dortmunder Nordstadt. Aber auch 20 Jahre später ist da nix mit Gentrifizierung und der Dreck liegt immer noch zentimeterdick auf allen Straßen hinterm Bahnhof.

Also warten wir mal ab, welche Wahlversprechen in den nächsten fünf Jahren nicht eingehalten werden. Ohje, ich klinge ja wie ein Nichtwähler oder jemand, der irgendwie undemokratisch etwas mit Protest wählt. Aber das stimmt ganz bestimmt nicht. Ich wähle das, was man so wählt, wenn man gut ausgebildet ist und postmaterialistisch und halbwegs geradeaus denken kann.

Und sonst? Ich bin weiterhin sehr diszipliniert, wenn es ums Kommentieren und Diskutieren bei Facebook geht. Und obwohl ich weiterhin viel dort lese und die eine oder andere Nachricht schreibe, ist es ganz angenehm, sich nicht in den immer gleichen Themen zu verlieren. Ist auch gut für den Blutdruck.

Gestern hat der S04 den Aufstieg in die erste Liga klargemacht. Glückwunsch. Gelsenkirchen ist einer der trostlosesten Lost Places der ganzen Republik. Ich gönne es den Menschen dort wirklich und völlig ironiefrei. Willkommen zurück in der Bundesliga. Und in der kommenden Saison dann bitte zwei Derby-Siege gegen die Schnösel vom BVB.

Kommt gut durch den heutigen (Mutter)Tag, feiert ihn, wenn euch nach feiern zumute ist. Und lasst es bleiben, wenn euch nicht danach ist. Beides ist völlig okay. Wir lesen uns in der kommenden Woche.

Als Rausschmeißer mal kein Song sondern ein DJ-Set. Ich sage dazu immer Hippie-Musik. Und die beste Ehefrau antwortet dann immer, dass das keine Hippie-Musik sei. Ich mags einfach. Psytrance hat eine sehr spirituelle Ebene. Und es macht mir eigentlich immer eine gute oder bessere Laune.

Die Montagskolumne: KW 18

Schon wieder eine Woche rum. Und eigentlich habe ich keine Ahnung, was in den vergangenen Tagen so alles passiert ist. Zu viel, um alles festhalten zu können. Das Leben rauscht. Und nachdem ich in meinem letzten Beitrag ja eigentlich nix aktuelles geschrieben habe, mich stattdessen lediglich thematisch um Düster-Punk kümmerte, kommt heute wieder einmal die volle Breitseite an Aufregern.

Ukraine
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine geht weiter und weiter und täglich werden neue Gräueltaten von Putins Schlächtertruppen aufgedeckt. Menschen sterben, Menschen werden gefoltert, vergewaltigt, verschleppt und um das ganz deutlich zu sagen: Schuld an diesen Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat ausschließlich, ohne Wenn und Aber, der russische Präsident. Und ich kann ehrlich gesagt nur mit dem Kopf schütteln, wenn aus intellektuellen Kreisen offene Briefe an den Kanzler geschrieben werden, in denen unter anderem folgendes steht:

„Wir warnen vor einem zweifachen Irrtum: Zum einen, dass die Verantwortung für die Gefahr einer Eskalation zum atomaren Konflikt allein den ursprünglichen Aggressor angehe und nicht auch diejenigen, die ihm sehenden Auges ein Motiv zu einem gegebenenfalls verbrecherischen Handeln liefern…“

Unterschrieben wurde dieser Brief – der auch direkt aus den Druckern des russischen Propagandaministeriums kommen könnte – unter anderem von Alice Schwarzer, Lars Eidinger, Juli Zeh, Reinhard Mey, Martin Walser, Alexander Kluge, Dieter Nuhr und Antje Vollmer.

Ernsthaft Leute? Bloß nichts tun, einfach nur zusehen, wie Russland ein souveränes und halbwegs demokratisches Land überfällt, annektiert und neuen Lebensraum im Westen erobert? Einen Diktator gewähren lassen, weil er droht? So wie 2014, als er die Krim annektierte? Genau solch eine Appeasement-Politik führte zum Grauen des zweiten Weltkriegs.

Ich kann diesen Vulgärpazifismus nicht verstehen. Zumindest nicht von Menschen, die älter als 30 sind und die noch den kalten Krieg und dessen Nachwirkungen miterlebten. „Wir müssen in Verhandlungen gehen, diplomatische Lösungen suchen, Kompromisse machen“, heißt es aus diesen Kreisen. Als hätte es bis zum 25. Februar nicht Verhandlungen über Verhandlungen gegeben. Aber Putin will nicht verhandeln. Und um was sollte man auch verhandeln? Der einzig faire Deal heißt: kompletter Rückzug der russischen Armee und Reparationszahlungen in Milliardenhöhe für die Ukraine.

Ich finde diesen Krieg fürchterlich, aber dieser Krieg wurde der Ukraine, wurde der westlichen Welt aufgezwungen. Und sich nicht zu verteidigen hieße: aufgeben. Hieße: sich unterdrücken lassen. Hieße: einen Despoten gewähren lassen. Aus Angst, aus Feigheit, aus Bequemlichkeit.

Querdenker
Es ist übrigens überhaupt nicht überraschend, dass die querdenkenden Spaziergänger jetzt, nachdem die Impfpflicht vom Tisch ist und die Coronamaßnahmen ausliefen, verstärkt gegen „die Kriegstreiber“ mobil machen. Und in den verschwurbelten Gehirnen dieser Leute, sind die Kriegstreiber natürlich Olaf Scholz, Robert Habeck, Annalena Baerbock und Friedrich Merz. Wer es nicht glaubt, möge sich mal in diversen Telegram-Gruppen umschauen. Es ist widerlich. Und ich habe wirklich Angst, wenn ich sehe, welche Allianzen sich in diesen Gruppen bilden. Wie viel aufgestauter Frust sich dort zeigt. Und wie viel Dummheit, Verschwörungsglaube und latenter Antisemitismus dort von Menschen, die sich selbst als „normale Bürger“ bezeichnen, verbreitet wird. Das ist eine riesige Gefahr für die Demokratie. Und irgendwie hat das niemand auf dem Schirm. Aber ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass uns diese Dagegen-Menschen, noch sehr lange sehr viele Probleme bereiten werden.

Musk und Becker und Rammstein
Und jetzt im Schnelldurchlauf die weiteren Themen der Woche. Elon Musk kauft für 44 Milliarden Dollar Twitter und natürlich verkündeten zahlreiche Twitter-Ultras ihren sofortigen Rückzug von der Plattform, meist mit dem pseudoinformativen Hinweis „Folgt mir nach Mastodon“. Ja. Klar. Ein soziales Netz, dass nach sechs Jahren weltweit gerade mal 5 Millionen Nutzer hat, da will man unbedingt hin. Übrigens: Warum so viele Leute auf einmal etwas gegen einen Twitter-Besitzer namens Elon Musk haben, ist mir immer noch völlig schleierhaft. Irgendwo habe ich was verpasst.

Verpassen tut Boris Becker in den kommenden 15 Monaten auch so einiges, denn er sitzt in einem englischen Knast. Gott, was hat meine Generation ihn damals verehrt. Er war der Grund, warum wir nach der Schule plötzlich alle nachmittags auf dem Schulhof Tennis spielten und so manche Nacht vor der Glotze hingen, wenn irgendwelche Matches der US Open oder der Australien Open um 3.00 Uhr anfingen. Seine Selbstdemontage fing ja schon vor Jahren an, vielleicht sogar schon während seiner aktiven Karriere. Aber das ist jetzt schon ein Tiefpunkt für „unser Bobbele“.

Und dann sind da noch die Jungs von Rammstein, die ein neues Album auf den Markt geworfen haben. Ich habe einmal kurz reingehört und dachte: „Joa, ist halt ein Rammstein-Album“. Ich mag den Comic-Schweinerock der Band beizeiten, habe sie auch vor hundert Jahren mal live gesehen und natürlich habe ich schon immer über die besorgten Linksintellektuellen geschmunzelt, die das Rammstein-Spiel nie verstanden. Seit ein, zwei, drei Alben schreibt das Feuilleton der Republik verstärkt über die Band und erklärt den Oberstudienräten, den Stadttheater-Jahreskartenbesitzer*innen und den Yoga- und Weinliebhaber*innen ausführlich, dass das ja alles total subversiv sei. Mindestens 20 Jahre zu spät. Aber egal. Schön war allerdings eine Rezension im Musikexpress von der zauberhaften Julia Friese, die nicht nur etwas von Musik versteht, sondern auch noch verteufelt gut schreiben kann. Die beste Passage:

„So klingt das, wenn man frei von kultureller Aneignung deutsch singt. Haltet ihr nicht aus? Gut so. Aber seht hin, hört zu was sie damit machen.“

Mehr habe ich heute nicht. Kommt gut durch die Woche. Lebt, liebt, lacht. Seid erwachsen. Kind zu sein, ist viel zu anstrengend.

Und hier der Rausschmeißer der Woche: Die Band, ohne die es heute kein Rammstein geben würde. Laibach. Das mit dem rollenden R und Volk und dem Marschieren, das haben die Slowenen schon vor – oh Gott – 35 Jahren gemacht. Und das war wirklich subversiv, denn der ach so böse Text ist eine – zugegeben: nicht ganz wortwörtliche – Übersetzung des Queen-Songs One Vision.