Vergessen! Künstler und Kreative in Corona-Zeiten

Vor einigen Tagen kotzte ich mir in einem kurzen Facebook-Posting den ganzen Frust auf Institutionen, Politiker und all die vielen schönen Unterstützungsbekundungen von der Seele. Das Posting endete mit den Worten Fuck off oder so. In diesem Blogbeitrag will ich die Sache nochmal ein wenig ausführlicher darstellen und mal zeigen, dass wir Künstler und Kreativen anscheinend den meisten politischen Entscheidern komplett am Arsch vorbeigehen. Wir werden nicht wahrgenommen, haben keine Lobby und werden augenscheinlich auch als Wähler nicht wirklich umworben.

Heute bollerte der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens einmal mehr durch die Medien und forderte mal eben so 600 Euro Bonus für jeder Kind, weil es Eltern ja gerade so schwer haben. Das Kurzarbeitergeld wurde seitens der Regierung aufgestockt, Boni für Pflegende sind im Gespräch und wenn die Bahn kurz aufmuckt, werden Milliardenpakete rübergeschoben.

Das ist alles gut und sinnvoll und von mir aus sollen die Pflegenden noch viel mehr Boni bekommen. Aber so langsam werde ich neidisch, denn ich als freiberuflicher Kreativer bekomme gerade 0,00 Euro von diesem Staat.

Ja, aber die 9.000 Euro Soforthilfe für Soloselbstständige? Was ist denn damit?
Das Problem an dieser Soforthilfe ist, dass sie komplett an der Lebenswirklichkeit von Freiberuflern vorbeigeht. Bis vor ein paar Tagen durften diese 9.000 Euro Zuschuss nämlich ausschließlich für laufende Geschäftsausgaben genutzt werden. Miete fürs Büro, Leasing für Geräte oder Autos, Mitarbeiter und so. Sie durften aber bis vor wenigen Tagen explizit nicht für den ganz normalen Lebensunterhalt genutzt werden. Das Problem für viele Kreative: Wir haben keine solchen Ausgaben. Wir haben nen Laptop, arbeiten am Küchentisch oder im Coworking-Space. Aber wir müssen Essen, Miete zahlen, Strom und Wasser. Nachdem viele Menschen auf diese Problematik hinwiesen, passte der Bund das Sofortprogramm an, klopfte sich auf die Schulter und kommunizierte, dass nun 2.000 Euro dieser Soforthilfe für den Lebensunterhalt genutzt werden könnten.

Ja, aber ist doch cool – 2.000 Euro geschenkt!
Ja, aber nee. Diesen Sofortzuschuss – egal ob zum Lebensunterhalt oder für die Büromiete – bekommt man nämlich nur, wenn man eidesstattlich versichert, in einem Liquiditätsengpass zu sein. Wenn ich also beispielsweise 10.000 Euro auf dem Sparbuch habe, so zur Sicherheit oder weil im kommenden Jahr eine Zahnsanierung ansteht, dann heißt es: kein Liquiditätsengpass. Erstmal das Ersparte aufbrauchen. Sobald ich also solch einen Antrag stelle, begehe ich recht schnell einen Meineid. Wenn man dann verheiratet ist und als Paar veranschlagt wird, ist der Liquiditätsengpass noch viel weiter weg. Faktisch gibt es also für mich: nix. Selbst wenn ich jetzt gar keine Aufträge hätte (was Gott sei Dank nicht der Fall ist), würde ich kein Geld bekommen. Der Staat wartet bei den Kreativen bis wirklich die Existenz gefährdet ist. Aber mal ernsthaft, wenn die Existenz so gefährdet ist, wie weit kommt man dann mit 2.000 Euro. Das sind ein bis zwei Monate Miete, Essen, Fixkosten. Und dann??

Ja, aber andere Förderprogramme? Länder? Stiftungen? Ist da nix bei.
Joa, in NRW gab es solch einen Topf. Da waren 2,5 Millionen Euro drin. Auch dort gab es 2.000 Euro zur Linderung der finanziellen Ausfälle gegeben. Kurz gegengerechnet: 1.250 KünsterInnen in NRW wurden also gefördert. Dann war der Topf leer und Tausende von Kreativen, von freiberuflichen Schauspielern, Malern, Schriftstellern, Bildhauern, Tänzern, Videokünstlern, Comedians, Clowns und Zauberern bekamen eine Absage. Kein Geld mehr da, geht zur Not zum Amt und beantragt Grundsicherung, las man zwischen den Zeilen. Danke, liebe NRW-Regierung. Danke, Herr Laschet.

Ja, aber so ist es halt, wenn man selbstständig ist.
Ja, das stimmt. Als Freiberufler geht man in das unternehmerische Risiko. Aber insbesondere in diesem Bereich, ist die Entscheidung zur Selbstständigkeit selten eine Leidenschaft. Sie ist vielmehr ein notwendiges Übel. Denn Industrie und Wirtschaft lieben es ja, flexibel mit Freien zu arbeiten. Da werden Marketing, Social Media, Grafik etc. liebend gern ausgelagert, statt eigene feste Stellen im Unternehmen dafür zu schaffen. Und was ist denn mit Schriftstellern, Bildhauern und Malern? Zeigt mir offene Vollzeitstellen für solche Menschen. Wir sind selbstständig, weil wir es vielfach sein müssen.

Ja, aber die Krise trifft ja gerade so gut wie jeden von uns.
Stimmt ebenfalls und ich will hier niemanden gegeneinander ausspielen. Aber wenn es so wahnsinnig nötig ist, das Kurzarbeitergeld aufzustocken oder geplagten Eltern mehr Kindergeld zur Verfügung zu stellen, frage ich nach den Verhältnismäßigkeiten. Bei denen stockt der Staat auf. Das heißt, da ist auch schon vorher etwas da. Er gibt sozusagen einen Bonus. Für Kurzarbeiter, für Eltern, für Pflegekräfte für wen auch immer – Leute, die nahezu alle auf irgendein Einkommen zurückgreifen können. Den Kreativen gibt der Staat nix und verweist auf Grundsicherung und Hartz IV. Das ist so fucking zermürbend und zeigt so sehr, wie wenig der Politik Kunst und Kultur wert sind. Schön, wenn Politiker sich damit schmücken können. Bei Eröffnungen und Preisverleihungen der Leuchtturmprojekte, die mit viel Geld gefördert werden. Der große Rest der Kreativen bekommt nichts als einen dicken Stinkefinger.

Ja, aber in der Bevölkerung gibt es doch die große Solidarität.
Mag sein, dass auf den Balkonen im Dortmunder Kreuzviertel gern gekatscht wird, für die KassiererInnen und PflegerInnen im Einsatz. Und ja, der lokale, kleine Weinladen, die Stammkneipe oder die Fairtrade-Boutique werden durch den Kauf von Gutscheinen unterstützt. Ja sogar um den lokalen Buchhändler ist man besorgt und bestellt ein paar Merian-Hefte, wenn man schon nicht in die Toskana fahren kann. Aber die Leute, die die fucking Bücher schreiben, die auf den Kleinkunstbühnen das Wochenendprogramm dieser Menschen gestalten, die als Clown oder Zauberer beim Kindergeburtstag von Hannah oder Paul gebucht werden, die gehen leer aus. Die sieht niemand. Die hat keiner auf dem Schirm. Aber sie werden irgendwann fehlen.

Das ist die Kulturnation Deutschland.

 

Corona immer wieder Corona

Gestern stellte ich meinen Facebookfreunden die Frage, über was ich denn als nächstes bloggen solle, mir selbst fiele gerade kein Thema ein. In den Antworten waren gleich mehrere Vorschläge bzw. Fragen rund um das Thema Corona. Es ist offensichtlich: Das Virus und seine Folgen bestimmen zurzeit unser aller Leben. 24/7/365.

Was mir helfen würde, meinen Alltag zu strukturieren, war eine dieser Fragen, die sich auf Facebook sammelten. Die Antwort fällt mir leicht:

Nichts.

Mir hilft zurzeit nichts. Mein Alltag ist seit sechs Wochen ein einziger Block. Eine Zwischenzeit. Alle Strukturen haben sich aufgelöst. Es fiel mir ja schon zu coronafreien Zeiten schwer, mir Strukturen zu schenken. Aber zumindest gab es damals, Anfang des Jahres, die Idee einer Struktur. Mit wöchentlichen Fixpunkten im sozialen Leben, mit Sport, mit Urlaubsplänen. Jetzt ist da nichts mehr. Konkret bedeutet das, dass ich irgendwann vormittags aufstehe – meist so zwischen zehn und elf – und nachts viel zu spät ins Bett gehe, weil ich sowieso nicht einschlafen kann. Dazwischen passiert wenig. Und was passiert ist belegt mit Ängsten und Vorsicht, die so zentnerschwer auf meine Schultern drücken, dass ich meist auch am Mittag noch ein wenig auf dem Sofa döse. Schlaf ist gut, weil Schlaf ist nicht-denken-müssen. Der Schlaf ist Zu-(Flucht).

Und Flüchten muss ich vor so vielem in diesen Tagen. Alles bewegt sich so schnell, überall ist Veränderung und immer muss man zu allem eine Meinung haben. Habe ich aber zu ganz vielen Themen gar nicht. Ich weiß nicht, wann genau der beste Zeitpunkt ist, Schulen, Kitas, Kneipen und Möbelhäuser zu öffnen. Und ob es ihn überhaupt gibt. Vielleicht gibt es ganz viele beste Zeitpunkte. Für unterschiedliche Branchen, Menschen, Berufsgruppen. Aber ich habe Angst, wenn ich die Bilder der Warteschlangen vor IKEA sehe. Eine Angst, die sich durch die zunehmenden Lockerungen eher verstärkt.

Und die Diskussionen in den Talkshows, den Zeitungen, auf Twitter und Co. machen mich nur noch viel müder. Die Frequenz, mit der zurzeit die Säue durchs virtuelle Twitterdorf gejagt werden, hat sich noch einmal erhöht. Man kommt nicht mehr mit. Boris Palmer muss man doof finden und Dieter Nuhr und Donald Trump sowieso, und jetzt auch Laschet und Gebauer (die zurecht) und Attila Hildmann und alle Virologen, weil die uns ja täglich etwas anderes vorlügen, und die Heute-Show, und Xavier Naidoo hat auch noch etwas gesagt, was so nicht geht, und genau heute dachte ich unter der Dusche, dass es niemals einen Marshallplan gegeben hätte, wenn statt der Siegermächte die Twittercommunity über die Zukunft des deutschen Volkes entschieden hätte.

Fehler zu machen, sich falsch zu äußern oder einfach mal Mist zu erzählen, das wird heute nicht mehr einfach so verziehen. Da hat heute ziemlich schwere Konsequenzen. We are living in the age of Pharisäer. Und man lebt eigentlich täglich nur ein, zwei Sätze davon entfernt, zur Persona non grata erklärt zu werden.

Aber genug Wut verspritzt – sie trifft eh nicht die richtigen Idioten. Und sie wird von den falschen Idioten beklatscht.

Wie es danach aussehen würde, war eine weitere Frage auf Facebook. Ich weiß es doch auch nicht! Ich weiß noch nicht einmal, wie meine ganz persönliche Zukunft in ein paar Monaten aussehen wird. Ich hoffe und ich befürchte. Aber ich glaube nicht, dass sich die Gesellschaft dramatisch verändern wird. Das große solidarische Friede, Freude, Eierkuchen wird nicht kommen. Vielleicht werden ein paar alte Tugenden wieder aufleben. Vielleicht werden ein paar first world problems verschwinden. Aber ich verweise an dieser Stelle mit Freude auf die Zukunftsvision eines anderen Menschen. Matthias Horx ist Zukunftsforscher und hat eine Re-Gnose (im Gegensatz zu einer Prognose) entworfen, die mir an einigen Stellen die Tränen in die Augen treibt. Es wäre schön, wenn …

Aber Halt – was die nähere Zukunft angeht, habe ich doch ein paar Pläne. Nachdem die Onlinelesung von Schwester Ursula und mir so gut angekommen ist, planen wir weitere Onlineaktivitäten und wollen mehr als bei den ZweiSichten in einen Dialog treten. Die Leitungen für Themenvorschläge von euch sind freigeschaltet.

Genug geschrieben. Ich muss schlafenschlafenschlafen.