Alben fürs Leben: Nature Unveiled von Current 93

Ich möchte heute ein weiteres Album fürs Leben meiner kleinen Musikreihe hinzufügen. Nach den bisherigen Interpreten Blessing in Disguise, Casper, Tocotronic und Fields oft he Nephilim wird es heute deutlich … avantgardistischer, sperriger und non-poppiger. Steigt trotzdem bitte nicht aus, das Album hat es verdient gehört zu werden. In der entsprechenden Stimmung, allein, in einem dunklen Raum, mit Kopfhörern oder über Lautsprecher – immer aber mit einer Lautstärke am Anschlag.

Nature Unveiled ist das Debutalbum von Current 93, einem Projekt von David Tibet, das wirklich nur einem kleinen Kreis von Hörern ein Begriff sein wird. Nature Unveiled wurde 1984 veröffentlicht – natürlich auf Vinyl, damals hatten wir ja nichts anderes. Eine Platte, zwei Seiten, und auf jeder Seite genau ein Musikstück, jeweils knapp 20 Minuten lang. Ich nutze bewusst nicht die Ausdrücke „Song“ oder „Lied“, weil diese Platte nichts mit klassischen Songstrukturen zu tun hat. Es sind Soundcollagen. Avantgarde.

Auf dem Cover sieht man den gekreuzigten Jesus, Blut fließt übers Bild. Die beiden Tracks tragen ebenfalls christliche Bezüge im Titel: „Ach Golgotha (Maldoror ist dead)“ und „The Mystical Body Of Christ In Chorazaim (The Great In The Small)“. Golgotha – klar, der Ort der Kreuzigung. „Ach Golgotha“ – ein Stück aus Bachs Matthäus-Passion. Chorazaim – neben Bethsaida eine der Städte, in denen Jesus „große Taten vollbrachte“ und deren Bewohner trotzdem nicht umkehrten. Nur der Maldoror-Bezug ist alles andere als christlich. „Die Gesänge des Maldoror“ ist das einzige Werk des französischen Dichters Lautréamont. Es erschien 1868 in einer ersten Version – ein dreckiger, bildgewaltverherrlichender, surrealistischer Text-Bastard, den ich vor Jahren einmal las durcharbeitete. Wikipedia sagt dazu: „Maldoror, Held und Ich-Figur, ist die Inkarnation des Bösen schlechthin. Er ist „ein schwarzer, zerschmetterter Erzengel von unsagbarer Schönheit“, wie Maurice Maeterlinck geschrieben hat, eine „Sonne des Bösen“ (Aurore du Mal = Maldoror) und findet sich auf unserem Planeten wieder, gestrandet unter der ihm verhassten Menschheit, der er ihre eigene Schlechtigkeit vor Augen führen will.“

Soviel zum Kontext. Aber jetzt: Licht aus, das ist music to play in the dark. Seite A auf den Plattenteller legen, sich selbst auf den Boden und dann wegdriften, irgendwo in die dunkleren Ecken des Seins. Du hörst Gregorianische Chöre, Klavierakkorde, ein dumpfes gutturales Klagen. Irgendwer Irgendetwas schreit „Maldoror is dead“ – immer wieder. Dort dröhnt es, da piept es, alles mit unglaublich viel Hall. Nein, das ist kein Song, das ist eine Reise, nicht in die Hölle, aber definitiv auch nicht in den Himmel. Vielleicht ist es eine Reise nach Golgotha, zur neunten Stunde. Vielleicht ist es die Reise genau an den Punkt, an dem Jeus ruft: Eli, Eli, lema sabachtani.

Nach knapp 20 Minuten hat dich die Wirklichkeit wieder. Du drehst die Platte um, löscht das Licht erneut und wieder driftest du weg. Seite B: Auch hier wieder Sprachsamples, Chöre, Hall. Ist das ein Ritual? Und wenn ja, was wird da heraufbeschworen? Vielleicht einfach nicht nachfragen. Zwischendurch hört man David Tibets hohe, kreischende und leidende Stimme. Worte kommen da nicht aus seinem Mund. Aus seinem Mund kommt: Klage, Klage, Klage. Gegen Ende dieses Trips wird der Sound zunehmend rhythmischer und metallischer, als würde Metall zersägt. Oder die Hoffnung. Doch das Stück hat Erbarmen, der infernalische Krach wird über eine Minute langsam ausgefaded. Du atmest durch, wie nach einer Meditation und du weißt: Nach dem Hören dieser Platte wirst du nie wieder der gleiche Mensch sein.

Der Klang der Welt

Ich hörte neulich ein Album meiner Lieblingsband. Diese Lieblingsband hat im Laufe ihrer inzwischen 30-jährigen Bandgeschichte unzählige Alben veröffentlicht. Vielleicht 40, eher 50, wahrscheinlich noch mehr. Jene Platte neulich mag nicht viel mehr sein als eine Spielerei, aber irgendwie hat sie mir – obwohl ich sie schon zigfach spielte – ein Aha-Erlebnis beschert.

Das Album heißt „The great in the small“ und es ist deshalb eine Spielerei, weil der Kopf der Band einfach mal alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Stücke übereinander gemischt hat.

Herausgekommen ist eine rund einstündige Soundcollage, die für ungeübte Ohren vielleicht wie Krach klingen mag. Da dröhnt eine Vielzahl von Stimmen aus den Boxen, Männer-, Frauen-, Kinderstimmen, eine Vielzahl von Instrumenten und Klängen. Manchmal legt sich etwas Gesang in den Vordergrund, manchmal etwas Kirchengeläut oder eine Gitarre. Das meiste verschwimmt zu einer Wall of Sound. Fast wellenförmig schwillt etwas an und bricht Momente später wieder in sich zusammen. Man kann in diesem Klanggewitter alles finden. Oder nichts. Es ist schrecklich. Es ist wunderbar.

Das Aha-Erlebnis hatte ich deshalb, weil mir beim Hören klar wurde, dass dieses Album eine sehr schöne Metapher für das ist, was mich umgibt. Man mag es den Alltag nennen oder das Leben. Aber so ungefähr hört sich das an – die Welt außerhalb meines Kopfes.

Autos fahren, Kinder schreien, Menschen unterhalten sich, ein Martinshorn schrillt vorbei, Türen werden geknallt, Musikfetzen wabern an mir vorbei, der Hund gegenüber bellt, Vögel zwitschern, Skateboards klacken über den Asphalt, der Nachbar lässt sein ferngesteuertes Modellauto mit Benzinmotor die Straße rauf und runter fahren, wieder Kinder, Bässe pumpen aus einem anderen Auto, Kirchenglocken läuten, die Waschmaschine läuft und der Fernseher läuft und die Spülmaschine läuft, der Kaffeevollautomat mahlt einen Espresso, in der Pfanne zischt es, die Türklinken quietschen, klackklackklack macht die Tastatur des Laptops, eine Flasche fällt in der Wohnung über mir auf den Boden, Handyklingeltöne, Menschen lachen, U-Bahn-Durchsagen, das blecherne Scheppern von Musik aus Mobiltelefonen, der Kater miaut, Wasser rauscht in der Klospülung, in der Leitung, der Abfluss gluckert und alles alles alles macht ein Geräusch.

Übereinander und zeitgleich.

So klingt die Welt, in der ich mich bewege.

So unangenehm und anstrengend das im Alltag sein mag – als Soundcollage über den Kopfhörer funktioniert das wunderbar. Ich kann die Augen schließen, eintauchen in das Viele, Teil werden und abschalten, aufgehen, mich verlieren. Das stresst mich nicht, es hüllt mich ein. In all dem Sound finde ich hinter meinen Augen die Stille.

Die echte Welt klingt anders. Die echte Welt ist zu viel. Von allem. Die echte Welt ist laut. Die echte Welt lässt mich verloren fühlen. Manchmal.

Die echte Welt hat keine Stille. Keine Ruhe. Keine Pause.

Ich hätte gerne ein Video eingebunden. Leider gibt es dieses Album nicht auf youtube.

Um euch aber nicht völlig ratlos zurückzulassen, gibt es ein anderes Stück der selben Band.

Eines, das mir auch immer wieder Stille schenkt.